Rock

„Wir wollen Gefahr“ – Franz Ferdinand über Electro, Hass und Feminismus

Franz Ferdinand haben fünf Jahre ohne Platte ins Land ziehen lassen. Sind die Schotten noch ganz dicht? „Always Ascending“ heißt das neue Album. Wir haben die Band gesprochen – über den Fluch von Electro, den Hass auf den Brit-Rock und die Notwendigkeit von Feminismus

David Edwards

Franz Ferdinand war mal die wichtigste Band der Welt. Mit den Neuen, Julian Corrie und Dino Bardot, driftet der Sound Richtung Electro. Wir haben die Band inmitten von hundert Gitarren getroffen. Tastenmann Julian Corrie griff prompt zum einzigen Flügel im Raum und improvisierte jazzy.

tip Herr Corrie, Sie haben hier auf dem Piano gerade einen Boogie hingelegt.
Julian Corrie Oh ja! Der springende Punkt ist, die linke Hand in Bewegung zu halten. Es dreht sich alles um den Rhythmus. Sobald du stoppst, hast du’s vermasselt. Und man muss lockerlassen. Was auch schwer ist, denn wenn man Jazz lernt, ist man ja anfangs ziemlich angespannt.

tip Wie war das für Sie, 2016 Teil von Franz Ferdinand zu werden, die schon 15 Jahre lang ohne Sie existierten? Und hatten Sie im Sommer 2016 schon einen Plan, in welche Richtung sich der Sound verschieben sollte, mit Ihnen an den Keyboards?
Julian Corrie Ich kam in die Band als Musiker, nicht bloß aus Keyboarder. Ich spiele ja auch ein bisschen Gitarre und Schlagzeug auf dem Album. Und Oboe! Ich kam ohne exakte Erwartungen, sondern hab einfach mal geschaut, was sie vorhatten. Es ging auch nicht darum, mir selbst einen Style aufzuzwingen, der nach Franz Ferdinand klingt. Ich kam einfach als ich selbst.
Alex Kapranos Es gab keinen präzisen Plan, wie der Sound auf der neuen Platte werden sollte. Aber wir wollten Musik machen, zu der man tanzen kann. Doch rau sollte sie sein! Und nicht den üblichen verdächtigen Akkorden folgen. Die sind sowieso inzwischen tot.

tip Brit-Rock ist passé?
Alex Kapranos Was? Wie bitte? Ich hab keine Ahnung, was das sein soll. Ich hoffe, Sie assoziieren uns nicht mit diesem Pack aus London.

tip Viele Leute haben Sie ja in diese Schub­lade gepackt.
Alex Kapranos Die haben da was missverstanden. (lacht) Als wir 2002 zusammenkamen, haben wir nichts kopiert, was andere zu der Zeit spielten. Wir wollten etwas Neues. Die einzige britische Band, die zu der Zeit was hinbekam, waren die Libertines. Und wie die wollten wir so gar nicht klingen. Mit denen wollten wir nichts zu tun haben. Das wäre echt das Letzte gewesen! Obwohl das nette Typen sind. Und dann kamen halt all diese anderen Bands nach uns, die komplett unseren Stil kopierten. Und es für alle ruiniert haben.
Julian Corrie Bloß weil man zu einer bestimmten Zeit Gitarren spielt, heißt das nicht, dass man miteinander was zu tun hat. Talking Heads klingen ganz anders als Sex Pistols.
Alex Kapranos Ich muss hier mal unterbrechen. Gut, dass wir das Interview für Print machen. Können Sie bitte unter meine vorige Antwort schreiben: „Alex Kapranos spricht mit sarkastischer Stimme“? (lacht) Ich finde übrigens nicht, dass wir eine besonders britische Identität haben. Ich spüre keine Verbindung zu ihnen. Eher mit den Bands, die wir derzeit in Glasgow kannten. Uncle John & Whitelock zum Beispiel.

tip Alles klar. Und warum sollte diesmal alles noch tanzbarer klingen?
Alex Kapranos Wir wollten schon immer eine Tanzband sein. Von Anfang an. Bloß diesmal anders. Andere Rhythmen. Ich könnte Sie stundenlang damit zutexten.

tip Nur zu. Tun Sie sich keinen Zwang an.
Alex Kapranos Im Kern wollten wir also eine rauen Klang. Eine raue Band, die in einem Raum zusammenspielt. Das lieben wir. Doch dann wollten wir auch eine größere Bandbreite an Frequenzen. Wie man sie eben in Dance Music findet. Wann immer Bands sowas in der Art versucht haben, begingen sie meines Erachtens den Fehler, sich in Bezug auf die Aufnahmetechnik dem Dance zu nähern, also alles mit Sequencern zu machen. Dann liegt alles quasi auf einem Gitter: metronomisch hart getaktet. Starr und aufgeräumt. Jede Note ist exakt dort, wo sie vermeintlich hingehört. Für mich ist das spannende vom Live-Spiel einer Band aber, dass sie zum Beispiel spontan zusammen mit dem Tempo hoch- oder runtergeht, wenn es sie gerade erregt. Und manchmal ist das sehr subtil. Nichts passt, rechnerisch betrachtet, ganz zusammen. Das ist cool. Schauen Sie mal, mein Gesicht.

tip Worauf wollen Sie denn jetzt hinaus?
Alex Kapranos Eine Hälfte ist etwas verschoben im Vergleich zur anderen. Photogeshoppte Bilder sehen nicht mehr menschlich aus. Irgendwie abstoßend. Wir wollten also Elektronik auf dem Album. Doch unser Schlagzeug kommt nicht aus der Drum Machine, sondern von unserem Trommler Paul. Simple Entscheidung, aber mit großen Folgen für den Sound.Es ist auch so verfickt einfach heute, alles aufs Raster zu legen. Als 1972 Sequenzer größer auf den Markt kamen, war das verdammt schwer, mit den Teilen zu arbeiten.
Julian Corrie Da war es schwerer, Drums zu programmieren, als sie einfach live zu spielen.
Alex Kapranos Selbst 1981! Denken Sie an „Don’t You Want Me“ von The Human League. Das war verfickt schwierig, die Elektronik zu programmieren. Da gingen Wochen drauf für einen Song. Das würde man heute mit Ableton im Handumdrehen machen. Phantastische Software. Aber: Leute, stellt doch bitte was Neues damit an und wärmt nicht nur das alte Zeug auf!
Julian Corrie Software bietet einem halt ein Sicherheitsnetz. Man nimmt noch mal und noch mal auf, bis es sozusagen perfekt ist. Das wollen wir nicht. Wir wollen Fehler. Kanten. Gefahr.

tip Bad Boys. Der zweite Track heißt „Lazy Boy“. Wie faul seid ihr Jungs denn?
Alex Kapranos Ich bin liebend gerne faul – und reiße mir dann wieder liebend gern den Arsch auf. Wenn ich was tue, dann aber richtig. So verliebe ich mich. So mache ich Musik. Und als Kontrast bin ich dann auch wieder faul. Ironie der Geschichte: Unser Song „Lazy Boy“ steht im 5/4-Takt und ist, verfickt noch mal, schwierig zu spielen. Harte Arbeit! Trotzdem kann man easy darauf tanzen. Vielleicht wundert man sich mitunter bloß, warum man ob des ungeraden Takts gerade das falsche Bein schwingt.

tip Sind denn alle Lyrics autobiografisch?
Alex Kapranos Auf keinen Fall. „Lois Lane“ zum Beispiel ist eine Reaktion gegen ein Album, das ich sehr liebe und von dem ich besessen war, als wir mit den Aufnahmen begannen: das erste John-Lennon-Solo-Album. Seitdem glauben Sänger, Fans und Kritiker, dass emotionale Aufrichtigkeit es erfordert, von Selbsterlebtem zu erzählen. Und obwohl ich glaube, dass es sehr wohl so funktionieren kann, weigere ich mich vehement dagegen, dass es nur so funktioniert. Für mich bestand die Herausforderung also darin, Charaktere zu erschaffen, die für Sie als Hörer und für mich als Sänger echt sind.

tip „Slow, Don’t Kill Me Slow“ ist sehr offen für verschiedenste Interpretationen. Angedeutet wird bloß, dass das lyrische Ich sich ein einigermaßen schnelles Ende verbeisehnt.
Alex Kapranos Jeder hat das wohl schon mal erlebt. Der Song spielt aber auch darauf an, dass Adelige früher das Recht hatten, kurz und schmerzlos exekutiert zu werden statt zur Belustigung des Dorfes geschlachtet zu werden.

tip Eine Anspielung auf Ihren adeligen Bandnamen, Erzherzog Franz Ferdinand?
Alex Kapranos Was? Oh, gute Interpretation!

tip Seit einiger Zeit wird viel darüber diskutiert, wie Männer mit Frauen umgehen. Haben Sie als Band, die nur aus Männern besteht, nun das Gefühl, Sie müssen überdenken, wie Sie über Frauen singen?
Alex Kapranos Wir haben zwei Songs auf dem Album, die darauf Bezug nehmen, obwohl sie vor den Enthüllungen rund um Weinstein entstanden sind. Da waren wir längst fertig. „The Academy Award“ klingt nachträglich auf bizarre Weise so, als wäre darin die Situation prophezeit worden. Ich habe schon immer mit meiner Frau viel darüber geredet, die eine aktive Feministin ist. „The Glimpse of Love“ ist eine Collage aus Zeilen eines Boulevardblatts: „Mit perfekten Bauchmuskeln unter dem hauchdünnen Blumenkleid prahlt sie mit ihrem mageren Gestell, genießt ihren privaten Nachtspaziergang.“ Solche ekligen Zeilen. Unsere Textcollage soll diese Objektifizierung selbst zur Schau stellen. Wir sind alle sehr gewahr, was das angeht. Es war uns wichtig, darüber zu schreiben, schon als es noch kein so großes öffentliches Thema war.

Tempodrom Möckernstr. 10, Kreuzberg, Mi 7.3., 20 Uhr, VVK 43 €

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