Apéro Bar

Frau Luna am Paul-Lincke-Ufer

Auf gute Nachbarschaft: Einen Ort wie das Frau Luna am Paul-Lincke-Ufer wünscht man eigentlich jedem Kiez

Foto: Clemens Niedenthal

Ein Berliner Kindl also. Und damit ist nicht dass Bier gemeint, das künftig am Paul-Lincke-Ufer 44 ausgeschenkt wird. Im ehemaligen Übersee, das nun also Frau Luna heißt. Nach der phantastischen Operette von Paul Lincke, die unlängst das Tipi am Kanzleramt in Starbesetzung äußerst erfolgreich reanimiert hat. Und Linckes Ufer ist die Côte d‘Azur von Kreuzberg oder so ähnlich. Und wie auch der französische Strandurlaub von eben jenen Läden lebt, die einfach unprätentiös sind und angenehm lässig, fügt sich Frau Luna in kurzen Hosen und weißem T-Shirt zwischen all die feineren und hochkulinarischen Lokale, für die das Paul-Lincke-Ufer längst auch steht. Das Volt etwa und vor allem das Horváth in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Das Berliner Kindl, um das es hier aber eigentlich gehen soll, heißt Jonas Tawam. Und der ist kaum 30 Jahre alt, in der direkten Kreuzberger Nachbarschaft aufgewachsen und darüber hinaus gelernter Koch. Danach hat er noch irgendwas mit Medien studiert, um nun doch Wirt zu werden. In jenem Haus ausgerechnet, in dem er auch sein WG-Zimmer hat. Dass auch das Übersee nie über richtige Gastro-Küche verfügt hat, kam Tawam dabei sogar entgegen: Das junge Lokal serviert eine kalte Apéroküche, vor allem belegte Brote (auf Sauerteigbrot von der wunderbaren Bäckerei Albatross im benachbarten Graefekiez), in deren Zubereitung (und Konzeption) viel Zeit und Sinn investiert wird. Fettig, sauer, vollmundig, frisch, immer werden alle Geschmackssinne angesprochen. Die vegetarische Variante mit Roter Bete kommt mit sahnigem Ricotta und einer kräftigen Schärfe, zur mild geräucherten Forelle passt der Meerrettich ganz hervorragend. Und die zart gegarte Rehschulter scheint fast schon zu fein, um als Stulle zu enden. Ein einfach sehr gut gemachtes Produkt (zwei halbe Stullen 6,50 bis 8,50 Euro). Von den übrigen Tapas bleibt vor allem die in einem zitronigen Sud gereichte Burrata in Erinnerung. Sie kommt vom kleinen Berliner Importeur Siziliessen und ist die beste der Stadt.

Die Getränke: unaufgeregt gut und fair kalkuliert. So haben die sechs offenen Weine (allesamt von Viniculture aus Charlottenburg) den selben, kundenfreundlich kalkulierten Preis: 0,2 Liter 5 Euro, 0,5 Liter 12 Euro. Und die diversen Varianten von Spritz oder Negroni sind nie zu süss und nie überambitio­niert. Der Rest sind nonchalante Stehtische, ein bloß nicht zu aufwändig sanierter Laden und diese gewächshausartige Terrassenüberdachung, unter der es sich auch im Nieselregen aushalten würde. So aufregend war ein so unaufgeregter Ort schon lange nicht mehr.

Frau Luna Paul-Lincke-Ufer 44, Kreuzberg,tgl. 12–0 Uhr