Kunst und Emanzipation

Frauen an der Berliner Kunstakademie: „Kampf um Sichtbarkeit“ in der Alten Nationalgalerie

Sehr viel mehr als Stillleben: Ab 1919 konnten Frauen an der
Berliner Kunstakademie studieren. Den „Kampf um Sichtbarkeit“ hatten
sie aber schon lange vorher aufgenommen, wie die Alte Nationalgalerie jetzt in der gleichnamigen Ausstellung zeigt  

Paula Modersohn-Becker: „Mädchen mit Blütenkranz im Haar“, um 1901. Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders

1919 änderten sich für Frauen nicht nur  die Gesetze, sondern auch die akademischen Möglichkeiten. Neben der Tatsache, dass sie im Januar 1919 das erste Mal wählen durften, konnten sie seitdem auch unter anderem an der Berliner Kunstakademie regulär studieren. Zuvor war es schwierig gewesen, überhaupt in das männlich dominierte System, das heute gerne Kunstbetrieb genannt wird, vorzudringen.

Die Ausstellung „Kampf um Sichtbarkeit“ in der Alten Nationalgalerie versammelt jetzt 60 Arbeiten von 43 sehr unterschiedlichen Künstlerinnen, die es trotz der fehlenden Möglichkeiten zu akademischen Abschlüssen bereits vor 1919 in die Sammlung der Nationalgalerie geschafft haben – und das schon teilweise sehr früh, wie Marie Ellenrieder, die bereits in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine Karriere als Hofmalerin machen konnte. Zu sehen sind aber auch Vertreterinnen der Secession wie Dora Hitz oder Porträtmalerinnen und frühe Netzwerkerinnen wie die adelige Salonlöwin Vilma Parlaghy. Dazu kommen international gerade wiederentdeckte Künstlerinnen wie die Avantgardistin Natalija Gončarova.

Alte Nationgalerie, endlich revisited

„Wir haben unsere eigene Sammlung für diese Ausstellung einer Revision unterzogen“, sagt Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie, der erst seit zwei Jahren am Haus ist, „und es hat sich gelohnt“. Gefunden haben er und sein Team rund um Kuratorin Yvette Deseyve Arbeiten von bis heute sichtbaren Künstlerinnen wie der Bildhauerin Renée Sintenis mit ihrem „Kleinen Selbstbildnis“ oder das „Liebespaar II“ der sozialkritischen Ikone Käthe Kollwitz. Auch die frühe – und früh verstorbene – Expressionistin Paula Modersohn-Becker ist vertreten.

Dazu kommen aber auch Werke von heute unbekannteren Malerinnen im klassischeren Stil, wie Maria von Parmentier oder Paula Monjé, wenn auch nicht unbedingt mit vermeintlich klassisch weiblichen Sujets: „Es ist eben nicht so, wie oft angenommen, dass Frauen damals nur Stillleben gemalt haben“, sagt Kuratorin Yvette Deseyve, „Wir haben ebenso sakrale Arbeiten, Historienmalerei, Skulpturen sowie Landschafts – und Porträtbilder in der Ausstellung“.

Dass die Arbeiten dieser Frauen damals für die Sammlung angekauft oder ihr von Sammlern überlassen wurden, ist aus heutiger Sicht tatsächlich eine noch größere Leistung, wenn man bedenkt, dass Frauen nicht nur nicht regulär in der Akademie studieren durften – sondern auch, dass ihnen damit eben genau diese Sichtbarkeit verwehrt blieb, die ihren männlichen Kollegen automatisch vom ersten Tag an bis zu den Ausstellungen ihrer Abschlussarbeiten garantiert war. 

Doppelt so teure Ausbildung

Das war allerdings interessanterweise nicht im gesamten 19. Jahrhundert so. Es gab in der ersten Hälfte durchaus Möglichkeiten, zumindest für einige Frauen, an deutschen Akademien zu studieren: „Aber als es dann von wenigen Ausnahmen hin zu immer mehr Interessentinnen bei einem gleichzeitig stark anziehenden Kunstmarkt ging, wurde sich mit dem Aufnahmeverbot auch gleichzeitig lästiger Konkurrenz entledigt“, wie Direktor Gleis sagt. 

Weil es für die Künstlerinnen damit keine reguläre Ausbildung mehr gab, blieb oft nur der oft belächelte und dazu auch noch teure Privatunterricht bei männlichen Lehrern als Alternative. Wobei die Ausstellung auch Lehrerinnen-Schülerinnen-Verbindungen wie der von Marie Ellenrieder und der Bildhauerin Katharina Felder nachgeht und damit eine weibliche Traditionslinie in der Vermittlung aufzeigt: „Denn das gab es natürlich auch“, so Yvette Deseyve.

Sabine Lepsius: „Selbstbildnis“, 1885. Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders

Wer es sich dann später, um die Jahrhundertwende leisten konnte, dem blieb immer noch der Weg nach Frankreich, in die Pariser Freiheit, wie vielen männlichen Kollegen dieser Zeit auch. „Allerdings mussten Frauen dort oft doppelt soviel für eine Ausbildung zahlen wie ihre Kommilitonen“, sagt Yvette Deseyve. Aber es war immerhin eine von wenigen Möglichkeiten, gleichberechtigt studieren zu können. Und damit überhaupt erst in das System Kunst und Vermarktung und somit in eine gesicherte Existenz einzusteigen.

Das blieb zum Beispiel der Alleinverdienerin und Frauenrechtlerin Sabine Lepsius lange verwehrt, die zwar bei ihrem bekannten Malervater Gustav Graef Stunden bekam, was tatsächlich eine weitere Ausbildungsmöglichkeit für Künstlerinnen war. Aber Zeit ihres Lebens um Anerkennung und Geld kämpfen musste sie, trotz regelmäßiger Teilnahme an Secessions-Ausstellungen, dennoch.

Auch auf Presse und Öffentlichkeit war in Berlin kein Verlass. Auf die Hilfe der vielen männlichen Kunstkritiker, die damals seitenweise Ausstellungen für den gerade um die Jahrhundertwende boomenden Kunstmarkt besprachen, konnten sie jedenfalls nicht bauen. Zwar wurde ihre Arbeiten nicht durchgehend verrissen, „weil auch die Kritik nicht an der Qualität vorbeikam“, wie Kuratorin Yvette Deseyve sagt. Und wenn ihre Kunst als gelungen beschrieben wurde, dann gerne mit dem Zusatz, dass die Dame wie ein Mann male. Das war dann die höchste Auszeichnung.

Was in der Alten Nationalgalerie jetzt an Arbeiten zu sehen, ist eben diese Qualität, an der auch damals kein Vorbeikommen war – umso erstaunlicher, das Institutionen wie die Alte Nationalgalerie so lange gebraucht haben, um sie in ihren eigenen Beständen wiederzufinden.

Alte Nationalgalerie Bodestr. 1–3, Mitte, Fr 11.10–8.3.2020, Di–So 10–18, Do bis 20 Uhr, 10/erm. 5 €