Literatur

„Berlin ist ein Labor“ – Fritz Hendrick Melle im Gespräch

Der Berliner Schriftsteller und Werber Fritz Hendrick Melle lässt es in seinem grotesken, schön bösen Berlin-Roman „Wurst“ richtig krachen

Foto: Jens Book

tip Herr Melle, Sie haben in der Veganer-Hauptstadt ein Wurst-Verherrlichungsbuch geschrieben. Sind Sie noch bei Trost?
Fritz Hendrick Melle Berlin und ich ­leben davon, Konflikte aushalten zu können.

tip Ein Ex-Werber macht aus einer Wurstbude eine Kultmarke, nennt das Projekt „Alterna­tive Kommando Wurst“, kurz AKW. Alternative ist gerade ein schwieriges Wort.
Fritz Hendrick Melle Als ich das Buch begann, kam Alternative noch von der anderen Seite, der guten Alternative.

tip Sie meinen die frühen Grünen.
Fritz Hendrick Melle Ja, auch. Aber Ambivalenz ist Teil der ­Geschichte. Die musst du aushalten. Sonst wird es langweilig.

tip Werber Baecker und Fleischergott Meester eröffnen ein Wurst-Restaurant in Neukölln, der Ansturm macht die Karl-Marx-Straße dicht. Kann so eine Geschichte auch in Düsseldorf oder Hamburg spielen?
Fritz Hendrick Melle Nein, glaube ich nicht. Die braucht Berlin. Der Slogan im Buch, „brutal regional“, kommt ja auch aus der Veganer-Szene. In München kannst du das nicht machen. Da gibt es noch zu viele normale Würste. Die Leute sind noch nicht so eingetaktet in ihrer Ernährungsideologie. Da ist Berlin schon ein Brennpunkt.

tip Wie hat Sie diese Stadt beim Schreiben ­beeinflusst?
Fritz Hendrick Melle Ich bin seit 1985 in Berlin, insofern ist mir das alles schon sehr vertraut hier. Aber ich finde Berlin immer noch unglaublich inspirierend. Du wirst ständig gereizt. Die Dinge finden hier statt, sie finden zuerst hier statt, und sie finden auf eine sehr extreme Art hier statt. Es gibt hier wenig Mittelmaß, sondern alles versucht sich in irgendeinem Extrem einzuordnen.

tip AKW bringt alle gegen sich auf. Von Veganern über Rechte bis zu den Autonomen. Eine bunte Mischung von Gegnern.
Fritz Hendrick Melle Das ist ja, wie es momentan überall läuft. Es gibt keine Mehrheiten mehr. Du musst nur noch gucken, dass du dir die „richtigen“ Minderheiten zum Feind machst. Und auf der Welle surfst du. Schon diese Abkürzung AKW! Aufmerksamkeit ist die wahre Währung. Sie schlägt alles.

tip Im Buch fällt das Wort „Wurstfaschist“. Was hat Sie gereizt, mit dieser nicht auch ganz unheiklen Analogie zu spielen?
Fritz Hendrick Melle Es gibt momentan kaum ein Wort, das derart von jedem gebraucht wird, um jemand anders zu diffamieren, wie das Wort „Faschist“. Das hat sich von dem, was es mal gewesen ist, von dem Schrecken, der dahinter steckt, völlig emanzipiert – und ist das Lieblings-Diffamierungswort für alles Mögliche geworden.

tip Ihre eigene Biografie ist ein eigenes Buch wert. Sie saßen in der DDR wegen versuchter Republikflucht im Zuchthaus, gründeten nach der Wende eine Werbeagentur, ­gingen am Neuen Markt pleite. Geboren sind Sie in Karl-Marx-Stadt. Das ist dieses Chemnitz, von dem gerade alle reden.
Fritz Hendrick Melle Chemnitz macht wütend. Hat es früher schon gemacht. Dann so eine Biografie wie die vom Pegida-Bachmann. War mal Wurstverkäufer. Ich habe mich gefragt: Woher kommt dieser Zorn, dieses Sich-als-Opfer-fühlen?

tip Das Buch ist grotesk, oft böse, mit Sätzen voller eingebauter Ausrufezeichen. Kreuzberg, schreiben Sie, stand früher für alternative Lebenskonzepte. Jetzt steht es für alternative Ernährungskonzepte. Schöne Analogie für den Wandel in der Stadt.
Fritz Hendrick Melle Das siehst du überall. Zuerst macht eine Kaffeebar auf, dann kommt ein veganer Imbiss. Und du weißt: Die Mieten gehen irgendwann hoch, das Ding verändert sich in nächster Zeit. Früher ging es bei Ernährung darum, satt zu werden – oder nicht zu fett. Jetzt ist es ein Teil der Identität. Früher haben sich Leute so vorgestellt: „Leute, ich bin evangelisch.“ Heute sagen sie: „Leute, ich bin Veganer.“

tip Welche Geschichten bringt Berlin hervor?
Fritz Hendrick Melle Was auch immer in Berlin passiert, es ist ­fernab von Idylle. Es ist ein Labor. Und so empfinde ich Berlin auch. Die Geschichten, die mich in Berlin triggern, haben etwas mit den Konflikten zu tun, in denen sich das Neue zeigt. Alles, was neu entsteht, bricht irgendwann Altes auf. Und ich finde es großartig, dabei zu sein, das sehen zu können in der Stadt. Dazu musst du dich ausreichend mit jungen Menschen ­umgeben, damit du es nicht verpasst.

Wurst von Fritz Hendrick Melle, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 232 S., 14,99 €

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