Ehemaliges DDR-Rundfunkareal

Funkhaus Nalepastraße – Der Klang der Zeit

Das Funkhaus Nalepastraße, einst Sitz des Rundfunks der DDR, hat seit gut zwei Jahren ­einen neuen Eigentümer. Er hat daraus ein modernes Zentrum für Musikproduktion entwickelt –  und noch viele Pläne

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Wenn man von der Köpenicker Chaussee im Südosten Berlins in die rumpelige Nalepastraße einbiegt, fühlt man sich an längst vergangene Zeiten erinnert. Hier hatte der Rundfunk der DDR seinen Sitz, auf einer Anlage von insgesamt 13 Hektar. Auf der anderen Seite der Spree liegt der Spreepark mit dem markanten Riesenrad, auch ein Ort voller DDR-Geschichte, der ja demnächst wiederbelebt werden soll.
Aber am ganz großen Rad wird derzeit nicht dort gedreht, sondern vor allem hier, im Funkhaus Nalepastraße. Auch wenn es zunächst gar nicht danach aussieht.

Gleich beim Betreten der Lobby wird klar, dass sich im Funkhaus seit DDR-Zeiten auf den ersten Blick praktisch nichts verändert. Man läuft über zusammengestückeltes Linoleum in verschiedenen Brauntönen, dem immer noch jener modrige Geruch des real existierenden Sozialismus anhaftet. Im Zimmer der Intendanz kündet das Farbporträt Erich Honeckers davon, wer hier einst das Sagen hatte. Sogar ein alter Sendeplan, fein säuberlich mit Bleistift geschrieben, hängt noch an der Wand. Hinter einer Schranktür verbirgt sich ein Waschbecken, eine andere führt zu einer Bar, die allerdings leergeräumt ist. In den Regalen stehen verstaubte Radioapparate, aber auch eine komplette Sammlung von Stalin-Büchern.

Vor gut zwei Jahren hat der Immobilien-Unternehmer Uwe Fabich die Anlage gekauft, in den Medien wird ein Betrag von rund 12 Millionen Euro genannt. Fabich besitzt auch den Postbahnhof in Friedrichshain, die Erdmann-Höfe in Kreuzberg und den Wasserturm am Ostkreuz. Die gesamte Anlage in der Nalepastraße steht unter Denkmalschutz. So bleibt Fabich nichts anderes übrig, als Raum für Raum zu sanieren. Und er hat viel vor.

Der erste Stock des Haupthauses ist bereits entkernt, hier entsteht ein Creative Coworking Space mit einem Musik-Inkubator. Die bildende Künstlerin Sibylle Jazra hat seit sieben Jahren ein 45 Quadratmeter großes Atelier im Hauptgebäude angemietet. Sie arbeitet mit kulturellen Überresten – beispielsweise gefundene alte Möbelstücke – , die sie über die Verbindung verschiedenster Elemente in Form von konstruktiven Dissonanzen künstlerisch neu ordnet. „Ich bin sehr zufrieden damit, auch wenn es in den letzten Jahren hier große Veränderungen gab, sowohl im Positiven als auch im Negativen“, sagt sie. Das Netzwerk im Haus sei aber sehr hoch zu bewerten, „und vor Kurzem habe ich mich an einer großen Ausstellung hier im Haus beteiligt, das war klasse.“

Der Produzent und Songschreiber Nicolas Rebscher (35), der für Budde Music tätig ist, arbeitet seit über vier Jahren im Funkhaus. „Den Mietvertrag für mein 60 Quadratmeter großes Studio habe ich vom Vorbesitzer übernommen. Es ist schon eine super Lage, direkt am Wasser, auch wenn es etwas abgelegen ist“, sagt er.
Die Gebäudesubstanz der Anfang der 50er-Jahre errichteten Anlage ist immer noch gut. Unter anderem verbaute man im Foyer Marmorplatten aus der Neuen Reichskanzlei. Der Architekt des Hauses an der Nalepastraße war Franz Ehrlich. Der Bauhausschüler plante höchst elegant: Geschwungene Treppen haben Marmorstufen, in den Hallen liegt Parkett, und überall sieht man edle Wandvertäfelungen aus dunklem Holz.
Sogar der Vorläufer eines Pager-Systems, den man damals entwickelte, lässt sich noch erkennen. Auf den Fluren und in jedem Studio hängt eine Uhr, unter der fünf Zifferblätter angebracht sind. Jeder Techniker hatte einen eigenen Code. Wenn dieser aufleuchtete, bedeutete das, dass der Techniker sich per Haustelefon in der Zentrale melden sollte.

Das Dach der ehemaligen Fuhrparkhalle ist bereits saniert, den riesigen Raum nutzt Fabich als Veranstaltungsort. Die Berlin Fashion Week und Apple waren nur einige der Großkunden der letzten Zeit. Kürzlich bezog auch das Institut dbs music, das Ausbildungen im Bereich elektronischer Musik anbietet, Räume im Funkhaus.

Mieter dieser Art sind es, die Fabich favorisiert. Er nimmt aber auf die angestammten Mieter Rücksicht. „Die Mietverträge der vielen alten Mieter, die Studios im Hauptgebäude haben, werden wir auf mittlere Sicht bestehen lassen“, sagt er.

Glanzstück der Anlage sind jedoch die beiden riesigen Musik-Aufnahmesäle. Sie wurden in einer Haus-im-Haus-Konstruktion errichtet, sodass die Wände der Säle nicht mit tragenden Außenwänden des Hauses in Berührung kommen. Die Säle sind dermaßen schallisoliert, dass man selbst ein Flugzeug, dass direkt über dem Haus fliegt, drinnen nicht hören würde.

Der Techniker und Musikredakteur Matthias Hopke, der von 1977 bis 1993 im Funkhaus arbeitete, zuletzt beim dann trotz massiver Hörerproteste eingestelltem Jugendsender „DT64“, sagt: „Dies war wichtig, denn die Nalepastraße lag in der Einflugschneise des Flughafen Tempelhof, der damals noch gut frequentiert war.“
Der größere Sendesaal verfügt über eine Orgel, deren dunkelbraune Pfeifen Zigarillos nachempfunden sind. Die Orgel ging aber schon kurz nach Inbetriebnahme kaputt und wurde seitdem auch nicht repariert. Beide Säle sind schalltechnisch mit einem derart hohen Standard konzipiert, dass Musiker noch heute ehrfürchtig ob der Klangqualität werden. Zum Beispiel gibt es eine auswechselbare Wandbespannung, die sich unter der Holzverkleidung verbirgt und je nach Musikart ausgetauscht werden kann.

Die Säle sind hoch attraktiv für Musikaufnahmen von Orchestern. Nicht nur Daniel Barenboim und die Staatskapelle sowie der Runkfunkchor Berlin waren da, auch Klassik-Stars aus den USA fliegen extra ein, um hier ihre CDs aufzunehmen. Die Black Eyed Peas, Sting, A-ha und Cecila Bartoli haben Alben in der Nalepastraße produziert.

Im Original erhalten geblieben ist der große Kultursaal mit Bühne, der einst für Weihnachtsfeiern der Belegschaft diente. Er wird, wie auch andere Teile der Anlage, gerne von Filmteams für Kinoproduktionen gemietet. Auch bei Fotografen ist das Rundfunkhaus als Ort für Fotoproduktionen beliebt, denn jeder Winkel bietet hier andere Perspektiven und dekorative Hintergründe.

Die Milchbar mit Blick zur Spree – „seit 1956“, wie die Facebookseite verkündet – wurde bereits im Juli 2009 wieder eröffnet. Hier sorgt das Team vom Restaurant Schneeweiß dafür, dass beim Essen keine nostalgischen Gefühle aufkommen. Die nebenan liegende Kantine mit der Essensausgabe und der eindrucksvollen Kassettendecke rottet dagegen noch vor sich hin, der Chef der Milchbar überlegt aber, sie zu integrieren.
Neben der Kantine gab es auf dem Gelände früher auch einen Kindergarten, eine Klinik, einen Frisör und einen Delikat-Exquisit-Laden. Sogar eine Sauna für die Radio-Mitarbeiter. Es war eine kleine Welt für sich.
In den 70er-Jahren arbeiteten hier immerhin rund 5.000 Menschen. Die Radiosender, die von hier funkten, waren die „Stimme der DDR“, der „Berliner Rundfunk“, „Radio DDR1“, „Radio DDR2“ und der Jugendsender „DT64“. „Die ,Stimme der DDR’ war eigentlich nicht für DDR-Bürger bestimmt, sondern als Kontraprogramm zum RIAS und zum SFB in Berlin“, erinnert sich Moderator Hopke. „Es war als UKW-Programm installiert, deren Sender-Antennen-Abstrahl-Ketten vorrangig an der innerdeutschen Grenze in die BRD strahlten; nichtsdestotrotz war die Stimme auch in der DDR zu empfangen.“

Der Radiobetrieb an der Nalepastraße wurde exakt bis zum 31. Dezember 1991 fortgeführt, danach übernahmen der ORB und der MDR die Radioversorgung in Ostdeutschland. Danach versuchten sich verschiedene Investoren an der Anlage unter der Vorgabe, das Rundfunkhaus kulturwirtschaftlich zu nutzen. Darunter einige mit höchst dubiosen Geschäftsbaren. Eine Firma aus Sachsen-Anhalt zum Beispiel, die das Areal seinerzeit für gerade mal 350.000 Euro erwarb, hinterließ Mitte der Nullerjahre unbezahlte Betriebskostenabrechnungen in Höhe von 500.000 Euro. Eine der vielen Merkwürdigkeiten war damals eine Versteigerung des Areals im Meistersaal, bei der ein Schönheitschirurg aus Charlottenburg für 4,75 Millionen Euro den Zuschlag bekam, hinterher aber nicht mehr aufzufinden war.

Mittlerweile sind die Studios im „Block B“, wie das Haus für Hörspiel- und Musikproduktion genannt wurde, seit Jahren an rund 200 Künstler, Musiker, Maler, Fotografen, Konzertveranstalter, Designer und Audio-Produzenten vermietet, denen Fabich zusagte, dass der Großteil der Verträge erhalten werden soll. Den ehemaligen Kammermusiksaal und den einstigen Saal für Tanz- und Unterhaltungsmusik beherbergen sogar seit bereits 20 Jahren das „Studio P4“, ein Team aus Tonmeistern und Produzenten, die hier Hörspiele, Filmmusik und CDs produzieren.

Seit 2012 hat beispielsweise der Produzent und Tonmeister Yensin Jahn die Räume der ehemaligen Hörspielproduktion H1 für seine Produktionsfirma Funkhaus Studio gemietet. Jahn ist begeistert von der Qualität der Räume: „Die Studios wurden damals alle aus organischem Material gebaut und sind weitgehend in originalem Zustand erhalten.“ Schon damals gab es ein Luftbefeuchtungssystem, das die Luftfeuchtigkeit konstant auf 70 Prozent hielt. „Sogar die Schallschleusen zwischen den Studios sind akustisch optimiert“, sagt Jahn. Er vermietet die Studios zum Teil an andere Produzenten, zum Teil nutzen er und sein siebenköpfiges Team sie selbst. Und sie sind gut gebucht: Max Herre, Mark Forster, Til Brönner, Seeed, Emigrate, Philipp Dittberner und Joris sind nur einige Namen, die im „H1 Studio“ schon aufgenommen haben. Wer die Akustik persönlich testen will, sollte sich eines der Konzerte vormerken, die regelmäßig im Sendesaal laufen. Kürzlich stellten dort zum Beispiel LCD Soundsystem ihr neues Album „American Dream“ vor.

Und die nächste Neueröffnung steht am 1. und 2. Dezember an. Dann feiert Monom, Berlins neues Zentrum für Raumklang, mit expressivem Sound seine Auftaktparty.

tip-Autor Dirk Engelhardt lernte das Funkhaus bei der Recherche für sein Buch „Berlin: Wo es die DDR noch gibt“, Reise Verlag, 2016, kennen.

Infos: www.funkhaus-berlin.net; Führungen durch das Funkhaus: www.ddr-funkhaustour.de;
Studio P4: www.studiop4.de; Funkhaus Studio: www.funkhaus-studio.de

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