Berliner Songwriter

Funny van Dannen spricht über Berlin, seine Songs und die Welt

Politisch, melancholisch und lustig: Der Liedermacher Funny van Dannen spricht über den Urbanhafen, Gentrifizierung, Politik, Fußball und sein neues Album

Foto: Jaro Suffner

tip Funny van Dannen, ich muss immer an Ihren Song „Urbanhafen“ denken, wenn ich dort die Schwäne sehe. Ein Funny-Moment.
Funny van Dannen Ich bin dort auch oft genug langgelaufen und da lagen immer die Schwäne auf dem Wasser. Das ist ein sehr einprägsames Bild, es ist sehr friedlich und hat fast etwas Mystisches.

tip In Ihren Songs geht es oft um Berlin, wie wichtig ist die Stadt als Inspiration?
Funny van Dannen Das weiß ich nicht, ob es von der Stadt abhängt. Auf dem Land finde ich auch Anregungen. Wenn man so wie ich auf dem Dorf aufgewachsen ist, bleibt man immer das Kind vom Dorf. Ein Kind, das in der Stadt aufwächst, ist viel beweglicher im Kopf. In der Provinz ist das alles etwas bodenständiger, vielleicht auch etwas gründlicher. Das nimmt man mit in die Stadt und es kommt was zusammen. Vielleicht gibt es da auch eine Reibung. Ich lebe gerne in Berlin und die Stadt hat mich interessiert, noch bevor ich hierher gezogen bin.

tip Sie sind 1978 fest nach West-Berlin gekommen, wegen des Wehrdiensts?
Funny van Dannen Nicht nur um der Bundeswehr zu entfliehen (lacht). Vielleicht hätten sie mich noch ausgemustert wegen meinen Bronchien und Allergien. Gedient hätte ich sowieso nicht. Damals lebte der Bruder meiner damaligen Freundin schon in West-Berlin und wir fanden das cool und sind auch hingezogen. Ich bin auch immer noch gerne hier, auch wenn viele Leute den zunehmenden Tourismus und die steigenden Mieten beklagen.

tip Die Gentrifizierung bereitet Ihnen keine Sorgen?
Funny van Dannen Gentrifizierung, ja. Das ist generell ein Problem. Die steigenden Mieten hätte die Politik schon längst richtig anpacken müssen, nicht nur mit so einer luschigen Mietpreisbremse, die dann doch nicht greift. Generell finde ich aber eine Offenheit und Internationalität von Städten dieser Größenordnung sehr schön. Große Städte ziehen das an, das lässt sich auch nicht steuern. West-Berlin war sehr wild und interessant aber zugleich auch sehr überschaubar.

tip Wie haben Sie eigentlich angefangen Lieder zu schreiben, wollten Sie als Jugendlicher nicht Fußballer werden?
Funny van Dannen Das wäre meine erste Wahl gewesen (lacht). Ich war ein kränkliches Kind, hatte Neurodermitis, Allergien, Bronchitis, habe aber immer Sport gemacht. Der Arzt sagte dann zu meiner Mutter: „Er darf Fußball spielen, aber nicht schwitzen“ (lacht laut). Als Teenager fing das mit der Kunst an, das waren zwei Welten und ich habe mich für die Kunst entschieden. Wenn ich aber ein zweites Leben hätte, würde ich es noch einmal als Fußballer probieren.

tip Sie bereuen die Entscheidung nicht?
Funny van Dannen Überhaupt nicht. Die Kunst war immer in meinem Leben präsent, auch die Musik. Da wo ich herkomme, der Gegend an der holländischen Grenze, gab es Liedermacher, die man Troubadours nannte. Das waren Leute wie Frits Rademacher, die in meiner Muttersprache, der Mundart, gesungen haben. Das fand ich als Kind schon toll. Damit fing alles an, diese Lieder habe ich als erstes gespielt. Mein Vater hatte eine Gitarre, konnte auch ein wenig spielen. Das hatte alles viel mit Karneval zu tun, die Texte waren oft parodistisch, hatten diesen karnevalistischen Witz. Die berühmten politischen Liedermacher jener Tage, Franz Josef Degenhardt oder Hannes Wader, entdeckte ich später und fand die auch etwas säuerlich.

tip Gesellschaftskritisch und politisch sind Sie auch in ihren Liedern. Ihr neues Album heißt „Alles gut Motherfucker“. Eigentlich ist aber überhaupt nicht alles gut und davon singen sie auch.
Funny van Dannen Es ist ja auch nicht alles gut. Es läuft gerade sehr viel schief. Der Schwachsinn der Rechtsextremisten, der die Debatten in den Medien bestimmt, die Sache mit dem Hambacher Forst, dass Arbeit schlecht bezahlt wird, der ganze Dieselwahnsinn und die Verlogenheit der Autoindustrie. Politische Anliegen hatte ich von Anfang an. Das hat vielleicht auch etwas mit meiner Generation zu tun. Das war nicht 1968 sondern zehn Jahre später, trotzdem sind wir mit einem politischen Bewusstsein aufgewachsen.

tip In Ihren Songs gibt es beide Seiten, die kritische und eine alltägliche, wenn Sie von ganz normalen Menschen und Dingen singen. Denken Sie immer beides mit?
Funny van Dannen Das ist in der Tradition des Privaten und Politischen verankert. Das vermischt sich und findet sich in den Songs auch wieder. Man darf auch nicht alles schwarz sehen, wir leben hier in Mitteleuropa quasi im Paradies. Es geht natürlich nicht allen gut und es geht darum, dass es besser wird und die Leute, denen es gut geht, die müssen einfach mal ran jetzt, wir sind gefordert, die Demokratie zu verteidigen. Dazu ist jeder aufgerufen. Ich sehe Künstler nicht als besonderen Beruf an. Auch von einem Künstler erwarte ich, dass er eine Haltung hat, die der Gemeinschaft dient und nicht nur seinen Privatinteressen.

tip Auf dem neuen Album singen Sie von Zukunftsangst, Erkältungen, einem Kriminalroman, üben Religionskritik, huldigen dem Meer. Wie kommen Sie auf Ihre Themen, wie schreiben Sie ihre Lieder?
Funny van Dannen Es ist alles da, durch die ganze Vielfalt des Lebens. Die Themen kommen zu mir, wenn ich etwas sehe oder lese oder mit jemandem rede. Das kann erst einmal ein Wort sein oder nur ein Satz. Das merke ich mir und schreibe es später am Küchentisch in so eine Art Poesiealbum, darin werden alle Ideen gesammelt, Texte, Bilder, Skizzen. Dann gucke ich irgendwann wieder rein und mache was daraus und letzten Endes entstehen so die Platten und auch meine Bücher.

tip Sie haben neun Bücher veröffentlicht und es mit der Malerei versucht. Ist die Musik zu wenig?
Funny van Dannen Ich habe schon immer gemalt, gesungen und geschrieben. Das mit der Malerei hat leider nicht geklappt, ich bin nach Berlin als Maler gekommen und habe auch gedacht, dass ich das schaffen kann. Und dann war ich 30 und da war mir klar, dass ich das nicht schaffe. Das war so ein Zwiespalt: Kunst finde ich großartig, den Kunstbetrieb finde ich nicht großartig. Weil er abhängig von wenigen reichen Menschen ist. Deshalb habe ich mich den endart-Leuten um Klaus Theuerkauf angeschlossen, weil endart eine der wenigen Bastionen der freien Kreativität waren, die nicht irgendwelchen reichen Erben in den Hintern gekrochen sind.

tip Ist Ihr Song „Menschenverachtende Untergrundmusik“ eine Referenz auf diese Tage?
Funny van Dannen (lacht) Ich habe ja auch selbst menschenverachtende Untergrundmusik gemacht, das mache ich vielleicht bald wieder. Viel freiere Sachen, als die Lieder, für die man mich kennt. Ich spiele sehr gerne auf verstimmten Gitarren, es müssen auch nicht sechs Saiten sein. Gerne verstärkt und mit obskurem Gesang. Bevor ich meine Lieder sang, habe ich auch schon in Bands gespielt und das waren teilweise auch wildere Sachen. Man war zwei mal auf der Bühne, dann flog die Band auseinander, weil das Equipment geklaut wurde. Alles war in Bewegung, es hat sich nichts gehalten und so blieb ich am Ende allein übrig und bin auf die alte Art der Musik zurückgekommen, die ich aus meiner Kindheit kannte.

Großer Sendesaal des RBB Haus des Rundfunks, Masurenallee 8 – 14, Charlottenburg, Do 8.11., 21 Uhr, VVK: 30,75 €

Alles gut Motherfucker von Funny van Dannen, Edition Tiamat

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