Berlinale-gewinner

„Fuocoammare – Seefeuer“ – im Kino

Eine unkommentierte Sehhilfe: Gianfranco Rosi zeigt in „Seefeuer“ seine ganz subjektive Sicht auf die Flüchtlingskrise – und nimmt Abschied von einer heilen Welt

Seefeuer
Foto: Weltkino

Als Gianfranco Rosis Dokumentarfilm „Seefeuer“ (OT: „Fuocoammare“)  im Februar dieses Jahres bei der Berlinale den Golden Bären erhielt, war die Begeisterung nicht restlos ungeteilt. Ein Jahr lang hatte Rosi auf Lampedusa gefilmt, jener kleinen italienischen Insel im Mittelmeer, die, nur 70 Meilen von der afrikanischen Küste entfernt, lange Zeit zum europäischen Synonym für die sogenannte Flüchtlingskrise ­wurde: In den letzten 20 Jahren kamen auf dem nur 20 Quadratkilometer großen Eiland rund 400.000 Flüchtlinge an, etwa 15.000 weitere Menschen verloren ihr Leben beim Versuch der Überfahrt.

In seinem Film kontrastiert Rosi das Leben von Bewohnern der Insel mit den Rettungsmaßnahmen für Flüchtlinge, doch das Ergebnis erschien einigen Kritikern nicht wirklich ausgewogen. Bemängelt ­wurde etwa, dass den Individuen aufseiten der ­Inselbewohner (der Junge Samuele und seine Familie) lediglich eine als anonym und teils latent bedrohlich wahrgenommene ­Masse von Flüchtlingen gegenüberstünde. Auch dass Samueles Familie ihr Leben so scheinbar völlig unbeteiligt an den dramatischen Vorgängen auf der Insel lebt, wurde kritisiert. Wo bleiben die Sympathisanten, die vielen Helfer, die Willkommenskultur? Denn nicht einmal die Hilfe sieht in „Seefeuer“ schön aus: Ständig sieht man Leute in weißen Schutzoveralls mit Kapuzen und Atemmasken, die halbtote Menschen herumzerren oder Leichen wegtragen. Flüchtlinge werden gezählt, nummeriert, fotografiert und von Polizisten abgetastet. So bekommt man das Gefühl, man habe es eher mit potenziell kriminellen Aliens als mit schutzbedürftigen Menschen zu tun.

Doch genau da liegt die Qualität von ­Rosis Dokumentarfilm: „Seefeuer“ ist ein Film über verzerrte Wahrnehmungen. Denn dies ist ja die Vorstellung vieler Menschen in den westlichen Wohlstandsgesellschaften: Dass uns das alles eigentlich nichts angeht, weil es vermeintlich weit weg ist, weil es Menschen anderer Kulturkreise und anderer Hautfarbe betrifft, und dass man sein Leben doch ­unbehelligt weiterleben könne, wenn man nur irgendwo Zäune errichtet und Despoten dafür bezahlt, uns die suspekten Flüchtlinge vom Leib zu halten.
„Seefeuer“ hält auf subtile Weise dagegen, unkommentiert und mit einer Montage, die von Gegenüberstellungen und Assoziationen lebt: Wenn Samuele beim Rudern im Hafen abgetrieben wird, dann landet er nicht etwa zwischen Fischkuttern, sondern inmitten ­einer Armada von Wachbooten. Und der ­Inselarzt, der mit leiser Stimme davon ­berichtet, wie sehr es ihn mitnimmt, die Flüchtlinge in einem oft ­erbärmlichen ­Gesundheitszustand zu sehen, und dass er sich nie daran gewöhnen werde, die vielen Leichen zu untersuchen, ist ­auch der Hausarzt von Samuele. Doch ­Samuele, ­diagnostiziert der Doktor, ist lediglich ein eingebildeter Kranker: Er zeigt Symptome, weil er Angst hat, krank zu sein.

Das kann man natürlich auch als Metapher sehen, ebenso wie Samueles zweites ­Gebrechen: Er hat ein träges linkes Auge, das sich weigert, ein korrektes und scharfes Bild der Umwelt an das Gehirn zu senden und mit einer Sehhilfe erst wieder daraufhin trainiert werden muss. Und genau das ist „Seefeuer“ auch: keine journalistische Recherche mit Fakten und Hintergründen, kein Thesenfilm, sondern eine unkommentierte Sehhilfe. Ein Film, der zeitweise die Grenzen von der Dokumentation zum Essayfilm überschreitet und dabei die Notwendigkeit der Hilfe ebenso verdeutlicht wie die Vergeblichkeit des Sehnens nach einer nostalgischen, scheinbar heilen Welt. Denn unsere Welt ist längst eine ­andere geworden, und wir müssen in der Realität ­ankommen, so unpopulär und schmerzhaft das auch sein mag.

Fuocoammare (OT) I/F 2016, 108 Min., R: Gianfranco Rosi, Start: 28.7.

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