Berlin Biennale

Gabi Ngcobo – Gespräch mit der Kuratorin der Berlin Biennale

„Ich vergleiche nicht gern“ Die südafrikanische Künstlerin und Aktivistin Gabi Ngcobo ­kuratiert die
Jubiläumsausgabe der Berlin-Biennale mit ­kritischem Geist

Masimbac Sasa

Gabi Ngcobo, 44, kommt aus Johannes­burg und engagiert sich seit 2000 für zeit­genössische Kunst, für eine Selbst­bestimmung des globalen Südens sowie für die Rechte von Homosexuellen. In Süd­afrika gründete sie die Plattformen Nothing Gets Organised und Center for ­Historical Reenactments mit. Sie kuratierte bereits Biennalen in Kapstadt und Sao Paulo.

tip Frau Ngcobo, Sie waren 2014 mit der südafrikanischen Gruppe Center for Historical Reenactments selbst Gast bei der Berlin Biennale. Worum ging es dabei?
gabi Ngcobo Das war eine experimentelle Plattform, in der wir – eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern in Johannesburg – über unsere Arbeit nachdenken konnten und darüber, wie wir mit unserer Arbeit an die Öffentlichkeit gehen konnten. In Südafrika wurde nach dem Ende der Apartheid die Erinnerung an diese Zeit und an den Übergang zunehmend verfestigt. Sie wurde gewissermaßen begehbar gemacht, als wäre sie ein fixer Museumsparcours. Uns ging es um das Experimentieren mit Formen, um eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit diesen Narrativen. Wichtig war uns auch, Südafrika nicht isoliert zu betrachten. In Südafrika gibt es diese Versuchung, die Geschichte zu verklären, auch Nelson Mandela wird ungebrochen verehrt.

tip Es gab im Übergang aus der Apartheid in Südafrika damals auch radikale Fraktionen, die eine viel weitergehende Demokratisierung oder sogar eine revolutionäre Gesellschaftsveränderung wollten. Lagen dort auch Ihre Sympathien?
Ich zähle mich zu dieser Fraktion, die diese Geschichte von dem glücklichen und vergleichsweise gewaltlosen Übergang nicht kauft, denn die Geschichte ist sehr kompliziert, und mich interessieren die Komplikationen daran.

tip Wie gingen Sie als junge afrikanische Künstlerin und Kuratorin mit der westlichen Übermacht im Kunstbetrieb um? Die galt ja in allen Bereichen, im Markt genauso wie in der Theorie.
Es geht nicht darum, alles zurückzuweisen. Ich wollte nur anerkennen, dass es auch andere Wissenssysteme gibt, die man für das Überleben braucht – und zwar nicht die ­dominanten. Was ist in den Systemen der Unterdrückung verloren gegangen, wie verstehen wir unsere Körper, wie reagieren wir auf Umwelten und auf das Essen? Solche F­ragen habe ich der Hegemonie entgegen­gestellt.

tip Sie haben davor Biennalen in Kapstadt und São Paulo geleitet. Gibt es da hilfreiche Vergleiche für Ihre Arbeit in Berlin?
Ich vergleiche nicht gern, es ist auch schwierig. Es führt zu nichts. Ich erkenne manche Fakten. Die São Paulo Biennale ist älter, hat ein viel größeres Budget, das Geld kommt aus der Staatsindustrie, es gibt keinen Eintrittspreis. Es ist eine Volksbiennale. Vielleicht ist die Berlin-Biennale die Kunstwelt-Biennale.

tip Sie hatten ein höheres Budget als die Berlin-Biennalen davor, weil die Bundeskulturstiftung sich engagiert.
Und doch ist es nicht genug. Gut, ich habe mit den anderen Budgets nicht arbeiten müssen, aber auch mit 500.000 Euro mehr ist es sehr limitiert, nicht zuletzt im Vergleich zu den allgemeinen Verhältnissen von Berlin. Hier wird alles immer teurer. An den KW Institute for Contemporary Art kann man sehen, wie Berlin sich verändert hat. Die Stadt, in der dieses Projekt begann, hat sich so enorm verändert, und wir sind Teil dieser Veränderung. Da ist es nur logisch, dass das Budget wachsen muss, es wächst aber bescheiden.

tip Die Spannung zwischen Kunstwelt und Kunstmarkt gehörte von Anfang an dazu. Spielt sie für Ihre Biennale eine wichtige Rolle?
Ich will nicht sagen, dass es mir egal ist, aber es ist nicht im Zentrum. Bei den Künstlern gibt es solche, die sehr stark schon im Markt sind, andere werden gerade bekannt, manche gelten als unbekannt, aber ich weiß, dass das nicht so ist, weil ich Kontexte kenne, in denen diese Künstler bekannt sind.

tip Man erwartet von Ihnen eine globale, postkoloniale Biennale. Zugleich redet Berlin die ganze Zeit über die Probleme des Humboldtforums im neu errichteten Schloss, wo einmal Kunst aus aller Welt gezeigt werden soll. Spielt das in Ihre Biennale hinein?
Ich würde das lieber beiseite lassen, es ist auch ein viel zu großes Thema. Aber das geht natürlich nicht, denn das Humboldtforum ist für eine Berlin-Biennale 2018 so etwas wie der Elefant im Zimmer. So einen Elefanten schaue ich mir aber lieber aus dem Augenwinkel an. Ich kann ihn nicht ignorieren, ich kann allenfalls so tun. Die Leute vom HF waren auch schon in Johannesburg, ich kenne Hermann Parzinger schon von einem gemeinsamen Projekt, Museale Episode – zur globalen Zukunft der Museen. Gleichzeitig geht es uns darum, eine alternative Grammatik des Sprechens über vielleicht dieselben Dinge des Konsenses zu entwickeln, um sie unklar zu machen. Dafür muss ich nicht direkt auf das Humboldtforum eingehen. In Juans Biennale (Juan A. Gaitán, 8. Berlin-Biennale) ging es schon ganz wesentlich darum. Es soll nicht darum gehen, Felder abzuhaken, sondern eine andere Grammatik zu bewohnen. Manchmal stellt man eine Frage und es passiert etwas ganz anderes.

tip Wie stellen Sie sich das Publikum einer Berlin-Biennale vor?
Das ist eine geheimnisvolle Sache, manchmal finden wir Menschen in einer Ausstellung, und sie sprechen über Rassismus, als wäre ihnen das bewusst, und später machen sie selbst eine rassistische Bemerkung. Es gibt regelmäßige Biennale-Besucher, die dreimal im Jahr so eine Veranstaltung besuchen. Ich bin aber auch interessiert an Leuten an entfernten Orten, die vielleicht gar nicht nach Berlin kommen. Wie kann dieses Ereignis über den Ausstellungsmoment hinauswirken? Der Katalog, das Buch ist immer wichtig: Welche Texte nehmen wir, wer ist vertreten?

tip Zum Berlin-Mythos gehört wesentlich das Ost-West-Verhältnis. Werden Sie demgegenüber eine Nord-Süd-Biennale machen?
Das wäre zu einfach. Auch für uns ist Ost-West wichtig, wir suchen in alle Richtungen, unsere Fragen gehen in alle Richtungen. Viele Leute aus Südafrika waren in der DDR im Exil, diese Geschichte ist bis heute relevant, da geht also Nord-Süd und West-Ost ineinander über.

tip Den Biennale-Titel haben Sie einem Song von Tina Turner entnommen. In Frankfurt haben Sie die Sängerin auch schon einmal zitiert. Sind Sie ein großer Fan?
Das ist nur ein schöner Zufall. Ich suche ihre Lieder nicht nach Formulierungen ab. Ich höre sie gar nicht einmal so viel, ihre Musik ist halt immer da gewesen, als ich aufgewachsen bin. Michael Jackson, Prince, Anita Baker sind genauso wichtig.

tip Haben Sie in der Zeit der Arbeit an der ­Biennale einen besonderen Ort in Berlin für sich entdeckt?
Ich lebe im Wedding, nicht weit vom Gesundbrunnen. Dort treffe ich niemanden aus der Kunstwelt. Dort ist es friedlich. Ein anderer Vibe. Ich mag die Nähe zum Humboldthain, wo ich in den Wald gehen kann, das ist für mich ein Highlight. Wenn ich in die KW Institute for Contemporary Art fahre, fühle ich mich fast so, als hätte ich eine Grenze passiert.

10. berlin biennale für zeitgenössische kunst Diverse Orte, Sa 9.6.–9.9., Eintritt für alle Orte:
16, erm. 10 €, www.berlinbiennale.de

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