Schrebergärten

Gartenglück für Zaungäste: Berliner Kleingartenkolonien

Laubenpiepern gilt längst nicht mehr als spießig. Aber ­wussten Sie, dass Berlins Kleingartenkolonien zu den öffentlichen Grünanlagen zählen, deren Wege allen offen stehen müssen? Höchste Zeit für Touren durch erstaunliche Gefilde

Foto: Susanne Fuenfstueck

Es ist früher Sommerabend. Zart duftet die Luft nach Rosenblüten, der Himmel ist wolkenlos blau. Ein paar Hummeln kurven träge durch die Luft. In den Gärten der Grundstücke links und rechts des schmalen, mit Laternen versehenen Weges wuchern Farne, blüht Lavendel und glänzen Kirschen dunkelrot-fett vom Baum. Eine Hundebesitzerin spaziert mit ihrem Vierbeiner vorbei, grüßt über den Zaun eine Frau, die, ausstaffiert mit grüner Schürze und gelben Gummi­handschuhen, auf der Bank vor einem kleinen Haus ausruht.

Zu Mauerzeiten gehörte diese Gegend quasi zum Zentrum West-Berlins. Denn nur wenige hundert Meter von der Kleingartenkolonie „Am Stadtpark I“ bei der Waghäuseler/ Ecke Kufsteiner Straße ­regierte im Rathaus Schöneberg der einstige Oberbürgermeister Willy Brandt und sprach John F. Kennedy vom Balkon sein legendäres ­Bekenntnis, er sei ein Berliner. Ob Kennedy damals wusste, dass er sich ganz in der Nähe eines kleinen „Dörfchens“ befand? Mit rund 120 Parzellen nebst Holz- oder Steinhäuschen, Maulwürfen, Bienen, Wespen sowie Obst- und Gemüseanbau? 1963, zu Kennedys Besuch, war die 1919 eröffnete Kleingartenanlage immerhin schon 44 Jahre alt.

Bis heute gilt die Ausstattung Berlins mit Kleingartenanlagen (KGA) als ziemlich ­einzigartig: „Die kleingärtnerisch genutzte Fläche in Berlin beträgt cirka 3.060 Hektar und nimmt somit rund drei Prozent der ­gesamten Stadtfläche ein“, heißt es beim ­Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V., einer Vereinigung, die rund 18 Bezirksverbände und über 67.000 Kleingartenpächter vertritt. Unter den deutschen Metropolen steht die Hauptstadt damit an einsamer Spitze, Hamburg hinkt mit rund 35.000 und München gar mit nur 8.500 innerstädtischen Parzellen hinterher. Dabei gilt Deutschland noch vor Polen als das Kleingärtner-Eldorado. Rund 970.000 Mitglieder hat der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde, sein Pendant in Polen blickt auf 850.000 Mitglieder, die entsprechenden Verbände in Großbritannien und Frankreich liegen mit 80.000 beziehungsweise 26.000 Mitgliedern abgeschlagen hinterher: Weder in London noch in Paris wird man – wie in Berlin in jedem Bezirk gleich vielfach – mitten in der City durch teils riesige Flächen mit Kleingärten spazieren können.

Ganz im Gegensatz zu dem immer noch ­existierenden Image von Schrebergarten­kolonien als hermetische Rückzugsorte des kleinen, privaten Glücks zählen sie in Wirklichkeit zu Berlins öffentlichen Grünanlagen. Zusammen mit Parks, Freibädern oder Friedhöfen sollen sie als allgemein zugängliche Erholungsflächen sowie als Garanten für ein gesundes Stadtklima und der Artenvielfalt dienen. Immerhin 25 Prozent von Berlins öffentlichen Grünflächen sind Kleingartenanlagen. Die hauptstädtischen Friedhöfe, die von vielen Menschen als Paradiese für kontemplatives Flanieren geschätzt werden, die aber auch Lebensraum unter anderem von rund 60 Brutvogelarten sind, machen dagegen nur 9,6 Prozent aus.

In der mit 2,7 Hektar und 119 Parzellen vergleichsweise kleinen und noch dazu in vier voneinander abgetrennten Blöcken aufgeteilten Anlage „Am Stadtpark I“ allerdings tut man auch einiges dafür, um öffentlich wahrgenommen zu werden. Der Kleingartenverein beteiligt sich am „Langen Tag der Stadtnatur“, der „Fête de la Musique“, lädt die Nachbarschaft zu Sommerfesten, außerdem sonntags in den Mitmachgarten sowie zum täglichen Büchertausch in die Vereinslaube ein. Natürlich stehen die wenigen vorhandenen Wege jedermann zum Spazierengehen offen. In einer Sackgasse wurde zudem eine Pétanque-Bahn zur kostenlosen Nutzung für alle angelegt.

Gabriele Gutzmann vom Vorstand des Vereins „Am Stadtpark I“ ist sich bewusst, dass Kleingärtner anderen Bürgern gegenüber in einer Bringschuld sind. „Kleingärtner pachten das Land zu sehr günstigen Konditio­nen. Da ist es selbstverständlich, dass man etwas zurückgibt“, sagt sie. Das schreibt ­allerdings auch das Kleingartengesetz vor, das unter anderem dazu dient, die Allgemeinheit am Gärtnerglück partizipieren zu lassen. Vorschriften, nach denen die Hecken entlang der Grundstücke, vor allem entlang der Wege, nicht höher als 1,25 Meter sein dürfen, sollen einen unverstellten Blick in die Gärten – und damit Teilhabe – ermöglichen.

KGA Johannisberg

Auch, wenn derartige Regeln nicht von allen Laubenpiepern befolgt werden, lohnen sich Entdeckungsreisen in das Wegenetz der 929 öffentlich zugänglichen Kleingarten­anlagen Berlins. Denn tritt man durch die Eingangspforten der Anlagen, fühlt man sich der Hauptstadt weit enthoben: Gold- oder Blauregen, Flieder und Anemonen schwappen über die Zäune. Vögel zwitschern, mitunter huscht eine Eidechse oder, abends, ein Igel ins Gebüsch. Im Unterschied zu den Berliner Parks, die durch die finanziell eher klammen Grünflächenämter oder der landeseigenen Grün Berlin GmbH gepflegt werden, lassen die Privatleute in den Laubenkolonien die Fauna mit viel Aufwand prunken. Klassisch-akurat geordnete Gärten mit Zwergen und aus Keramik geformter Windmühlen gibt es zwar auch noch, sie befinden sich aber im Rückzug. Stattdessen dominiert üppige gärtnerische Vielfalt als Spiegel einer immer heterogener werdenden Pächterschaft: Junge Familien mit Öko-Touch, schwullesbische Paare, Künstler, Migranten rücken den einst als Sinnbild für deutsches Spießertum geltenden Schrebergärtnern auf den Parzellen nach und sorgen für äußerst abwechslungsreiche Gestaltung.

Für einen Ausflug in die gigantische Kleingartenanlagen beim Schöneberger Südgelände zwischen Vorarlberger Damm, Priester- und Prellerweg sollte man viel Zeit reservieren. Das aus 26 zusammenhängenden Kolonien – ­darunter ein Verein mit dem irritierenden Namen „Burenland e.V.“ – mit zusammen 2.698 Parzellen bestehende 75 Hektar ­große Gelände ist nicht nur die größte Fläche ­dieser Art in Berlin, sondern in ganz ­Europa. Fast wie eine Art Township liegt es eingebettet zwischen Tempelhof und Schöneberg. Obwohl die Wege hier teils wie mit dem Lineal gezogen sind, neigen Orts­unkundige wegen deren Vielzahl immer wieder dazu, sich zu verirren.

Doch es ist ein unterhaltsames Verwirrspiel, bei dem man verwunschene Hexenhäuschen mit kleinem Zauberwald ­drumherum genauso passiert wie Designer-Lauben umgeben von moderner Miniatur-Landschaftsarchitektur. Ganz beiläufig erleben die Besucher hier eine kostenlose Gartenschau im besten Sinne, zu der sogar ein Ökolehrpfad gehört. Natürlich kommen bei so einem Ausflug auch die Kinder mit. Zumal sie in der „Kleinstadt“ auf den Kolo­niewegen ungefährdet von Autos mit ihren Laufrädern oder Rollern erste Verkehrs­erfahrungen sammeln können.

Unterwegs wird in einer der beiden Vereinsgartenlokalen, der „Alten Ziegenweide“ oder in – ähem – „Zum Bunker“, auf eine Limo Halt gemacht. In den Gastronomien der Kolonien, sie sind eine Mischung aus Biergarten und Berliner Eckkneipe, ist die Stimmung meist angenehm unprätentiös, das Essen deftig und sind die Preise ­günstig. Auch wenn Foodies eher nicht auf ihre ­Kosten kommen.

Mit ihren 145 Parzellen ist die Kolonie „Zur Linde“ in Treptow an der Kiefholz­straße zwar deutlich kleiner, gilt dafür aber als ­älteste Kleingartenanlage Berlins: Kürzlich wurde hier das 130-jährige Bestehen gefeiert. Auf schmalen, kurvigen Wegen geht es hier vorbei an bunt bewachsenen Grundstücken mit zu Lauben umgearbeiteten ­Bauwagen oder typischen DDR-Mini-Bungalows ­namens B54. Beim Umherspazieren und Herumgucken vergisst man hier schnell Ort und Zeit. Wer unterwegs hungrig wird, kann während der Erntezeit in Körbe greifen, die an Gartentörchen befestigt sind und in die die Pächter überzähliges Obst und Gemüse legen. Oder kehrt, mittwochs bis sonntags, in der Vereinsgaststätte „Zur Linde“ ein.

Allerdings sind in Treptow sowohl die Kleingartenanlage „Zur Linde“ als auch elf weitere, anliegende Laubenpieperkolonien davon bedroht, als Bauland genutzt zu werden. Ein Schicksal, das über vielen Anlagen – auch dem Verein „Am Stadtpark I“ – schwebt, denn viele Gelände gelten als sogenanntes Bauerwartungsland und die Laubenpieper als nur temporär geduldet. Um die Zukunftsperspektiven ihrer Kolonien zu verbessern, haben sich in Treptow benachbarte Kleingartenvereine zusammengetan: Sie rissen die Begrenzungen zwischen ihren einzelnen Gebieten nieder und deklarierten das so zusammengeschlossene Areal am 18. März als „Gartenpark Plänterwald-Baume“. Die darin an den Wegen aufgestellten Ruhebänke und Informationsschilder für Besucher sollen das Gelände als Naherholungsgebiet für die Anwohner attraktiver – und die Kleingartenanlagen somit schutzwürdiger machen.

Auch in der Kolonie „Am Stadtpark I“, deren Schutzfrist 2020 abläuft, baut man auf die vielen positiven Beiträge, die man für die Nachbarschaft leistet. „Bei uns leben drei Bienenvölker, viele Vögel, darunter eine Spechtfamilie“, sagt Gabriele Gutzmann. „Die Anlage ist außerdem ein Gartendenkmal. An der Babelsberger Straße gibt es beispielsweise eine Laube, die noch aus den 1920er Jahren stammt.“ Für sein gesellschaftliches Engagement hatte der Verein im vergangenen Jahr vom Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf sogar den Erwin-Barth-Preis bekommen. Gabriele Gutzmann: „Uns sprechen immer wieder Anwohner an, ob sie schon Petitionen zum Erhalt unserer Kolonie unterschreiben können.“