Essen & Trinken in Berlin

Gastronomie ist eines der schwierigsten Geschäfte überhaupt

Elisabetta Gaddoni stammt aus Italien und liebt die kulinarische Vielfalt Berlins. Sie schreibt über Essen und Trinken (u.a. für das Magazin "Slow Food Deutschland") und rezensiert für das Kulturradio vom RBB Restaurants und Spezialitätenläden

ElisabettaGaddoniEs ist nicht leicht, die vielen kleinen und großen kulinarischen Erlebnisse, die einem das Leben angenehm machen, auf eine Seite zu bringen! Es gibt jedoch einen Ort, den ich als ersten erwähnen muss, einfach, weil er seit zwei Jahren meinen Alltag verbessert, und zwar gleich morgens: meine Lieblingsfrühstücksbar Cuccuma in Kreuzberg. Das Schick­sal hat gewollt, dass die Bar mit dem besten Espresso im Bergmannkiez neben dem Kinderladen meiner Tochter liegt. Nach ihrer „Abgabe“ fängt mit dem Kaffee im „Cuccuma“, dem Blick in die Zeitungen und dem Plausch mit den stets gut gelaunten Betreibern der Tag an.

Ich koche am liebsten Pasta-, Gemüse- und Fischgerichte. Frische Pasta brauche ich allerdings gar nicht mehr selbst zu machen, seitdem ich den kleinen Laden Mani di Fata entdeckt habe. Die Ravioli mit den ausgefallenen Füllungen, die es dort gibt, sind sowieso von mir nicht zu toppen! Jahrelang habe ich den Plan gehegt, in Berlin „Piadina“ bekannt zu machen, eine Art Fladenbrot, das typisch für die Region ist, aus der ich komme: die Romagna. Zum Glück haben andere diese Aufgabe übernommen! Allerdings kenne ich unter allen Piadinen, die mittlerweile in Berlin verkauft werden, nur eine, die diesen Namen verdient: Die gibt es bei Via Emilia. Am besten schmeckt sie sehr warm, begleitet von Aufschnitt oder Käse und Rotwein. Wenn ich essen gehe, mag ich am liebsten kleine Gaststätten mit familiärem Charakter, so wie ich z.B. in Lissabon viele kennengelernt habe: winzige Wohnzimmerrestaurants, die durch den einfachen, aber echten Geschmack der Gerichte bestechen. In solch einem Laden saß ich neulich, mit dem Unterschied, dass er sich nicht in Lissabon befindet, sondern in Kreuzberg, und nicht portugiesisch ist, sondern … griechisch! Im Thalassa kann man eben solch eine bodenständige Küche genießen, sorgfältig von Mutters Hand zubereitet und abseits des üblichen Reper­toires von Souvlaki, Gyros & Co., das keiner mehr abkann. Auf einem höheren Niveau, aber in einer ähnlich intimen Atmosphäre isst man im Glügk am Kaiserdamm, und zwar süddeutsch-österreichisch-mediterran.

Tim_RaueUnter allen Küchen der Welt fasziniert mich am meisten die japanische, wegen der Reinheit der Zutaten und der Klarheit der Kombinationen. Genau diese Eigenschaften schätze ich an Tim Raues brillanter Art, in seinen Restaurants die fern­östlichen Küchen zu interpretieren. Läuft man an der S-Bahnstation Großgörschenstraße vorbei, fällt ein Satz auf, der auf der Außentafel der Berliner Gaststätte Zum Aussteiger geschrieben steht: „Wat wech muss“ – es folgen die Tagesgerichte. Diese Worte fassen unfreiwillig das Dilemma der Berliner Gastronomie zusammen: Es gibt so viele Restaurants, dass man sich fragen muss, wie sie ihr Zeug loswerden. Gastronomie ist eines der schwierigsten Geschäfte überhaupt. Damit es klappt, müssen viele verschiedene Faktoren stimmen, die uns oft nicht bewusst sind. Es muss Kontinuität geben, etwas, was eher Familienbetriebe gewährleisten, und davon gibt es in Berlin nicht besonders viele (Carmens Restaurant in Eichwalde ist ein exzellentes Beispiel dafür). Und es gehören Menschen dazu, die bereit sind, gutes Essen zu würdigen. Daher: Hut ab vor all denjenigen, die es schaffen, trotz all der Schwierigkeiten über die Jahre Qualität zu wahren und sogar Spitzenleistungen hervorzubringen. Das gilt vor allem für die Restaurants, die auf sich selbst gestellt sind, wie z.B. das Margaux in Mitte, ohne damit die großartige Arbeit der Lokale abwerten zu wollen, die sich finanziell auf Hotels stützen – das trifft ja auf fast alle Spitzenrestaurants zu, in Berlin und Brandenburg.

MarenotoEs ist schwierig, unter so vielen talentierten Köchen einen Favoriten auszuwählen. Mit Marco Müller (Weinbar Rutz), Michael Kempf (Facil), Sonja Frühsammer (Frühsammers Restaurant), Daniel Achilles (Reinstoff), Danijel Kresovic (Restaurant 44), Björn Alexan­der Panek (Gabriele) und Cris­tiano Rienzner (Maremoto) kämen schon viel zu viele in die engere Auswahl. Am Ende müss­te doch wieder der Name von Tim Raue fallen, schon deswegen, weil seine Küche so viele Emotionen schenkt. Küchenpsychologisch könnte man sagen, dass Tim Raues „Serotonin-Küche“ direkt das Glückszentrum im Gehirn anspricht. Das würde erklären, warum beim Kos­ten bestimmter Gerichte manchmal Glückstränen fließen! Das gilt insbe­sondere für die sagenhaften Desserts. Überhaupt: Der Nachtisch ist wie die Unterschrift am Ende eines Briefes: Damit verabschiedet der Koch seinen Gast. Niemals werde ich diejenigen verstehen, die darauf verzichten!

Carmens Restaurant Bahnhofstraße 9, 15732 Eichwalde, Tel. 675 84 23; Mi-Fr ab 19 Uhr, Sa 12-14 + 19-21 Uhr, So ab 18 Uhr, Küche bis 21 Uhr
Cuccuma Zossener Straße 34, Kreuzberg, Tel. 612 62 53 60, www.cuccuma.de; Mo-Fr 8-20 Uhr, Sa+So 10-20 Uhr
Facil The Mandala Hotel, Potsdamer Straße 3, Tiergarten, Tel. 590 05-12 34, www.facil.de; Mo-Fr 12-15 + ab 19 Uhr, Küche bis 23 Uhr, Sommerpause bis 9.8.2009
Frühsammers Restaurant Flinsberger Platz 8, Wilmersdorf, Tel. 89 73 86 28, www.fruehsammers-restaurant.de; Di-Fr 12-14 + ab 19 Uhr, Sa ab 19 Uhr, Küche bis 22 Uhr
Gabriele im Adlon Palais, Behrenstraße 72, Mitte, Tel. 20 62 86 10, www.gabriele-restaurant.de; Mo+Di, Fr+Sa ab 18.30 Uhr, So 17.30 bis 22.30 Uhr, Küche bis 23 Uhr
Glügk Kaiserdamm 4, Charlottenburg, Tel. 30 20 79 18, www.glügk.de; tgl. ab 16 Uhr
Ma Tim Raue Behrenstraße 72, Mitte, Tel. 30 11 17 33 3, www.ma-restaurants.de; Di-Sa 12.30-14 + 19-22 Uhr
Mani di Fata Leonhardtstraße 4, Charlottenburg, Tel. 32 66 33 06, www.mani-di-fata.de; Mo-Fr 9-19 Uhr, Sa 10-17 Uhr, Winter Sa 10-15 Uhr
Maremoto Strausberger Platz 2, Friedrichshain, Tel. 40 05 42 30, www.maremotoberlin.de; Di-Sa ab 18 Uhr
Margaux Unter den Linden 78, Eingang Ecke Wilhelmstraße, Mitte, Tel. 22 65 26 11, www.margaux-berlin.de; Mo-Sa ab 19 Uhr, Küche bis 22.30 Uhr, während der Sommerferien (bis 21.8.2009) montags geschlossen
Reinstoff in den Edisonhöfen, Schlegelstraße 26c, Mitte, Tel. 30 88 12 14, www.reinstoff.eu; Di-Sa ab 18 Uhr
Restaurant 44
im Swissфtel, Augsburger Straße 44, Charlottenburg, Tel. 220 10 22 88, www.restaurant44.de; Mo-Fr 6-10.30 Uhr, Sa+So 6-11 Uhr, Mo-Sa 12-14.30 + 18-22.30 Uhr
Thalassa Körtestraße 8, Kreuzberg, Tel. 68 81 78 14; tgl. 12-22 Uhr (mindestens)
Via Emilia Friesenstraße 18, Kreuzberg, Tel. 61 65 10 65; Di-So 10-22 Uhr
Weinbar Rutz Chausseestraße 8, Mitte, Tel. 24 62 87 60, www.weinbar-rutz.de; Mo-Sa ab 18.30 Uhr, Weinbar ab 16 Uhr, Küche bis 23.30 Uhr

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