Kultur & Freizeit in Berlin

Gaza-Krieg und Toleranz-Projekte: Schalom Rollberg!

Anfang des Jahres startete der Neuköllner Verein Morus?14 im Rollbergviertel das Projekt ?„Schalom Rollberg!“. Vereinschef Gilles Duhem über ­Antisemitismus, Schweinetage, ?Lernnächte und seine Rente

Gilles Duhem

Gilles ?Duhem ist gebürtiger Franzose, Jahrgang 1967. Er kam Anfang der 90er zur Treuhand und war vier Jahre lang streitbarer Quartiersmanager im Rollbergviertel. Seit 2007 ist er Geschäftsführer des Morus?14 e.?V. Der Verein betreibt seit mehr als zehn Jahren Bildungsarbeit im Rollbergviertel, u.?a. mit dem Netzwerk Schülerhilfe, aber auch dem bereits 2002 begründeten „Mieter kochen für Mieter“ und seit diesem Jahr mit „Schalom Rollberg!“. Im rollbergviertel leben rund 5?800 ­Menschen, ein gutes Drittel mit Migra­tionshintergrund aus rund 30 Ländern. Laut Quartiersmanagement ist fast ein Viertel der Bewohner unter 18 Jahren.

tip Herr Duhem, waren Sie in den letzten Wochen um „Schalom Rollberg!“ in Sorge?
Gilles ?Duhem Nein, nie.

tip Trotz der hitzigen Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg auf Berlins Straßen?
Gilles ?Duhem Wir sind keine Weltverbesserer, wir machen hier keine Politik! Der Nahostkonflikt ist im Rollberg auch nicht mein Hauptanliegen.  

tip Für die aus Nahost stammenden Bewohner im Rollbergviertel ist das vielleicht anders.
Gilles ?Duhem Viele sind jetzt gar nicht da. Die jüngsten Kämpfe um Gaza haben angefangen, als Ramadan und Ferien waren. Im Ramadan sind hier alle im Wachkoma. Und dann im Urlaub.

tip Glück gehabt?
Gilles ?Duhem Nö. Zufall. Wir hatten schon viele brenzlige Themen hier: Gewalt, Drogen, Fundamentalismus, Pädophilie, Homosexualität. Das ist einfach ein zusätzliches schwieriges Thema.

tip Die offen antisemitischen Auswüchse bei den Demos geben Ihnen nicht zu denken?
Gilles ?Duhem Dieser Hass ist bei Menschen, die meistens keine Juden kennen, immer so abstrakt! Hier kennt man sich. Ich könnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass einer der Jugendlichen oder der Eltern plötzlich meiner jüdischen Kollegin sagt: „Meine Vorfahren sind Palästinenser, jetzt spucke ich dir ins Gesicht.“

tip Hagar Levin leitet das Projekt „Schalom Rollberg!“, das Anfang 2014 begann.
Gilles ?Duhem Die Idee ist, beim Thema Juden und Muslime genau dieselbe Herangehensweise wie beim Thema sexuelle Minderheiten anzuwenden. Konkret, mit Menschen und Alltag. Nicht mit abstrakten und hitzigen Grundsatzdebatten.

tip Es gab gegen Sie keinerlei Ressentiments?
Gilles ?Duhem Im Büro hängen Karten von Deutschland, vom Libanon, von der Türkei, auch von Israel. Einmal sagte eine Mutter: „Das ist nicht Israel, das ist Palästina.“ Ich sagte: „Weißt du, Elsass-Lothringen war nicht immer französisch, Danzig nicht immer polnisch. So ist der Lauf der Welt.“ Diese Frau hat wenig später als erste Hagar einen Krankenbesuch abgestattet.

tip Das erste große Projekt war kurz vor den Ferien eine interreligiöse Lernnacht.
Gilles ?Duhem Das hatten wir vorher noch nie gemacht: gebildetes muslimisches, christliches, jüdisches, nichtreligiöses Publikum für eine Tagung ins Rollbergviertel zu locken.

tip Es war aber niemand aus dem Viertel da?
Gilles ?Duhem Papier, Diskussionen, Intellektualität: Das interessiert hier keinen.

tip Womit kriegt man die Menschen hier dann?
Gilles ?Duhem Essen. Konsum. Einfache Feste. Kinderakti­vitäten. Spaß.

tip Wie „Mieter kochen für Mieter“? Immer mittwochs, seit mehr als zehn Jahren.
Gilles ?Duhem Ja. Damit kriegt man überwiegend die deutschen Rentner. Das ist für sie sehr wichtig.

tip Dann gibt’s einmal im Monat Schwein.
Gilles ?Duhem Der Schweinemittwoch am ersten Monatsmittwoch. Abgestimmt mit den Muslimen.

tip Kommen da dann auch Muslime?
Gilles ?Duhem Kaum. Mittags ins „Restaurant“ zu gehen, ist den meisten Familien hier fremd. Es geht uns auch nicht darum, ein künstliches Mitein­ander aller Gruppen durchzuboxen. Es geht darum, dass sich die Leute in einem Sozialraum einigermaßen ertragen. Sich nicht sofort an die Gurgel gehen, wenn sie sich begegnen.

tip Ein eher pragmatisches Integrationsziel.
Gilles ?Duhem Der Weg dahin ist Bildung – und sozial, ethnisch und religiös gemischte Vorbilder, um vor allem Kinder und Jugendliche aus ihren Kultur­aquarien rauszuholen. Dabei gilt: keine Extrawurst für niemanden!

tip Extrawurst?
Gilles ?Duhem Zum Beispiel finde ich es falsch, dass in einer nichtkonfessionellen Schule beim Essen aus religiösen Gründen etwas nicht auf den Tisch kommt. Wenn man irgendein Fleisch nicht essen will, weil es die Religion verbietet, bitte schön! Dann isst man eben nur die Kartoffeln.

tip Im Viertel sicher keine populäre Sicht.
Gilles ?Duhem Ist mir egal. Ich bin sehr laizistisch, weil ­Laizismus der Kitt der multikulturellen Gesellschaft ist und die Vielfalt der Glaubens­haltungen schützt.

tip Als Franzose sind Sie ja selbst Migrant.
Gilles ?Duhem Ja, Erbfeind – und schwul noch dazu (lacht). Bist du migriert, musst du dich dreimal mehr als Einheimische anstrengen. Das will ich den Kindern vermitteln. Arbeit und Fleiß! Und ich halte gar nichts vom Gutmenschen-Pathos.

tip Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.
Gilles ?Duhem Ich möchte, dass diese Kinder mal meinen Rollstuhl schieben. Dass sie einen Job haben, damit sie meine Rente bezahlen. Und dass man sie nicht auf der Straße rumgammeln lässt, weil sie viel Potenzial haben.

tip Wie geht es mit „Schalom Rollberg!“ weiter?
Gilles ?Duhem Im September werden wir mit einem jüdischen Mitglied der „Salaam-Schalom“-Initiative ?eine Sportgruppe für Grundschüler mit überwiegend muslimischen Kindern starten.

tip Die jüdisch-muslimische Initiative für ein friedliches Zusammenleben hatte kürzlich eine Menschenkette in Neukölln gebildet …
Gilles ?Duhem … bei der ein Mann ein Schild hochhielt: „Jews and arabs refuse to be enemies.“ Das Foto davon hängt jetzt an unserer Bürotür.

tip Ist Gaza nach den Ferien noch mal Thema?
Gilles ?Duhem Frontal wie: „Jetzt, Kinder, diskutieren wir mal!“ sicherlich nicht! Das wird sich aber sicherlich ergeben: am Küchentisch, im Flur, beim Müllraustragen. Ganz natürlich. Weil die Jugendlichen uns vertrauen.

Interview: Erik Heier

Foto: Kristin Borlinghaus/ anastrophic Videos mit TATAHHH

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