Essen & Trinken in Berlin

Gemüseküche in Berlin

Kein Fisch, kein Fleisch, keine Eier, keine Milchprodukte. Vegetarier und Veganer verzichten gern, leben gesünder und retten nebenbei das Klima. Rund sechs Millionen Menschen in Deutschland ernähren sich fleischlos. Aus einer alternativen Lebensform ist längst eine Massenbewegung geworden, mit Berlin als inoffizieller Hauptstadt

VeggieMensaGegen halb zwölf füllt sich der helle Speisesaal, der mit seinen Panoramafenstern und den schnörkellosen Möbeln wie eine Mischung aus Ikea und Bauhaus aussieht. Eine halbe Stunde später sind alle Tische besetzt. Vor der Essensausgabe stehen hungrige Menschen in langen Schlangen und beladen ihre Tabletts mit Peruanischem Linsensalat, Grünkerneintopf oder auch Hirsepüree mit Waldpilzragout. Seit Mitte Januar gibt es in Berlin-Dahlem einen neuen Vegetariertreffpunkt. Die alte FU-Mensa in der Van’t-Hoff-Straße wurde nach einem Umbau mit neuem Konzept und neuem Namen wiedereröffnet: Veggie No. 1 ­­– die Grüne Mensa. Deutschlands erstes Campus­restaurant, in dem komplett fleischlos gekocht wird.

„Wir wissen schon lange, dass viele Gäste kein Fleisch und keinen Fisch mögen“, sagt Hans Joachim Gabriel, der selbst Vegetarier ist. Als Bereichsleiter des Studentenwerks ist Gabriel für die Koordination des Angebots in 44 Mensen und Cafeterien an Ber­liner Hochschulen zuständig. Die Zeiten, in denen studentische Vegetarier sich mit langweiligen Sättigungsbeilagen begnügen muss­ten, sind in Berlin lange vorbei. Um diese Mensagäste mit besonderen Gerichten zu versorgen, werden bei den Zulieferern des Studentenwerks regelmäßig Soja- und Seitan-Produkte geordert. Auch vegane Speisen, die ohne tierische Fette, Milchprodukte und Eier zubereitet wurden, sind auf den Speiseplänen der Berliner Mensen weit verbreitet, allergene Zutaten wie Gluten und Laktose werden extra gekennzeichnet.

Zwischen zehn und fünfzehn Prozent der Gäste, so die Schätzung des Mensa-Managers, futtern gern fleischlos: „Das Bewusstsein für gesunde Ernährung ist gestiegen. Darauf haben wir mit dem neuen Konzept in der vegetarischen Mensa reagiert.“ Doch es kommt noch etwas hinzu. Fleischlose Ernährung ist nicht nur gesund, sondern auch gut fürs Klima. Auch deshalb hat die vegetarische Bewegung immer mehr Zulauf. Es ist die richtige Zeit für eine neue Initiative, die der Deutsche Vegetarierbund kürzlich ins Leben gerufen hat. Das Ziel: Jede Woche ein vegetarischer Tag. Dabei geht es nicht darum, die Fleischesser zu missionieren oder die Massentierhaltung abzuschaffen, sondern lediglich um eine kleine Änderung des Konsumverhaltens. Ein bisschen Verzicht reicht schon, um für den Klimaschutz viel zu erreichen. Wenn alle Berliner beim vegetarischen Tag mitmachten, würde dabei jedes Jahr so viel Kohlendioxid eingespart wie 250.000 Autos in die Umwelt pusten. Unterstützt wird die Initiative von Sir Paul McCartney. Kurz vor dem Kopenhagener Klimagipfel hat der Ex-Beatle im Dezember einen offenen Brief an das Europaparlament geschickt und die Politiker aufgerufen, lokale Initiativen für fleischfreie Tage zu fördern: „Da unser Essen, und besonders der Fleischkonsum, ein entscheidender Verursacher der Treibhausgasausstöße ist, ist das stärkste Mittel, das wir in unserem Kampf gegen den Klimawandel zur Verfügung haben, unsere … Gabel.“

cookieIn Berlin dürfte sein Appell gut ankommen. Die Tierschutz­bewegung Peta hat bereits 2008 festgestellt, dass die Hauptstadt der fleischlosen Ernährung an der Spree liegt und Berlin als vegetarierfreundlichste Stadt Deutschlands ausgezeichnet. Entscheidend war dabei das breite und hochwertige Angebot der vegetarischen und veganen Restaurants. „Gas­tronomisch hat sich hier in den letzten Jahren viel getan“, bestätigt Heinz Gindullis alias Cookie. Der Clubmacher ist seit seinem achten Lebensjahr Vege­tarier und seit zweieinhalb Jahren Chef des Restaurants Cookies Cream. „Als wir damals angefangen haben, war Cookies Cream ein Experiment, von dem wir nicht wussten, ob es funktionieren würde. Ein vegetarisches Restaurant ohne die klassischen Sachen, ohne Risotto, ohne Pasta, ohne Tofu.“ Inzwischen steht fest, dass es bestens funktioniert. Mit Speisen wie Strudel von der Steckrübe oder Parmesanknödel mit geschmorten Mini-Artischocken zieht das Lokal ein internationales Publikum an und überzeugte auch die strengen Juroren vom Magazin Feinschmecker, die das Res­taurant zu den 30 besten Adressen der Stadt zählen.

Den neuen Trend zum Vegetarismus bewerten Ernährungswissenschaftler grundsätzlich positiv, aber sie machen dabei eine Einschränkung: Gesund ist fleischlose Ernährung nur dann, wenn sie ausgewogen ist. Besonders wichtig: eine ausreichende Versorgung mit Eiweiß, B-Vitaminen, Kalzium und Eisen, etwa durch Nüsse, Vollkorngetreide oder grünes Gemüse. „Schwangere Frauen und Kinder haben einen besonders hohen Eisenbedarf und sollten das bei der Ernährung berücksichtigen“, empfiehlt Gisela Olias, Sprecherin des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam. Insgesamt seien Mangelerscheinungen bei Vegetariern aber sehr selten. Was damit zusammenhängt, dass die meisten Vegetarier auf Fisch, Eier und Milchprodukte nicht verzichten möchten. Ganz anders die Veganer. Sie verzichten gern und machen dabei keine Kompromisse. Dadurch wird die Sache mit der ausgewogenen Ernährung deutlich komplizierter. Neben Eiweiß, Kalzium und Eisen müs-sen Veganer vor allem auf ihren Vitaminhaushalt achten. Das betrifft insbesondere das Vitamin B12, das für die Bildung von roten Blutkörperchen gebraucht wird und fast nur in tierischen Lebensmitteln enthalten ist. Der menschliche Körper verfügt zwar über ein Depot in der Leber, das einige Jahre reicht. Aber danach muss B12 künstlich zugeführt werden – durch Tropfen, Pillen oder eine Spritze vom Hausarzt.

goldbachRegelmäßige Arztbesuche ge­­hören für viele Veganer ohnehin zum Alltag – nicht zur Behandlung, sondern zur Kontrolle. „Meine Blutwerte sind super, ich lasse sie regelmäßig checken“, sagt Stephanie Goldbach, Sprecherin von „Berlin Vegan„, einem Tierschutzbündnis mit ungefähr 30 Aktivisten. Sie bestellt Journalisten zum Interview gern in das Restaurant Yoyo Foodworld, um Berlins vegane Gastronomie zu promoten. Das Bio-Fastfood-Restaurant ist ein paar Schritte vom Boxha­gener Platz entfernt und zur ­Mittagszeit ähnlich voll wie die Dahlemer Veggie-Mensa. Vor gelben Wänden sitzt das Fried­richshainer Publikum auf einfachen Bistrostühlen und bestellt fleischlose Burger, Pizza mit Soja­käse, Wraps und Salate.

Stephanie Goldbach beißt in ihre Pizza und schüttelt den Kopf. Seit sieben Jahren lebt sie schon vegan, und noch nie hatte sie das Gefühl, dass ihrem Körper etwas fehlt. Umso mehr ärgern sie „diese blöden Geschichten, dass Veganer beim Joggen umkippen oder beim Yoga ohnmächtig werden.“ Als Gegenbeweis schiebt sie beim Interview eine Zeitschrift über den Tisch und tippt mit dem Zeigefinger auf eine Geschichte über den amtierenden Bodybuilding-Weltmeister. Ein Veganer. Auf ihrer Homepage informieren die Berliner Aktivisten über ihre Grundsätze: gegen Rassismus, gegen Sexismus, gegen Antisemitismus, gegen Homophobie, gegen Diskriminierung jeder Art, für Tierbefreiung. Zweimal im Monat treffen sie sich und besprechen die nächs­ten Aktionen – mal eine Mahnwache vor der russischen Botschaft, um gegen das Robbenschlachten in Archangelsk zu protestieren, mal eine Demo vor dem Circus Krone, um die Käfighaltung der Wildtiere anzuprangern.

„Wir arbeiten außerparlamen­tarisch„, sagt Goldbach. „Die politischen Strukturen sind völlig verkrustet, da kommen wir mit unseren Anliegen nicht durch, nicht mal bei den Grünen.“ Das klingt nicht verbittert oder resigniert, sondern ganz nüchtern und sachlich. Die Veganer planen keinen Marsch durch die Ins­titutionen, sie verbreiten ihre Botschaften lieber auf der Straße oder im Internet. Das funktioniert immer besser, seit sie ihre Kommunikationspolitik umgestellt haben. Statt „Rettet die Tiere“ lautet die wichtigste Botschaft inzwischen „Vegan leben ist einfach und macht Spaß.“ Dass die neue Botschaft ankommt, zeigen die Resultate der ersten veganen Schnupperwochen, die im Januar stattgefunden haben. Via Facebook, Myspace und Studi-VZ haben die Berliner Veganer eingeladen und waren überrascht wegen der großen Resonanz: „Sogar aus Göttingen und Düsseldorf wollten Leute anreisen und mitmachen.“ Die Schnupperwochen boten eine Mischung aus Vorträgen, Filmabenden, Shoppingtouren und Kochkursen. Das Ergebnis: Von den 32 Teilnehmern will ungefähr die Hälfte vegan weiterleben. Schon sind die nächsten Aktionen geplant, es gibt Anfragen aus Österreich und der Schweiz, es soll neue Schnupperwochen geben, vegane Blockseminare und irgend­wann vielleicht auch einen Crashkurs für Kita-Leiterinnen.

„Vegan leben ist wirklich einfach, selbst bei Lidl und Aldi kriegt man inzwischen passende Produkte“, sagt Irina Itschert, die Stephanie Goldbach bei der veganen Öffentlichkeitsarbeit am Friedrichshainer Restauranttisch unterstützt. Welche Produkte sie meint, verrät www.rezeptefuchs.de, eine Internetseite, die sie selbst programmiert hat. Erfasst sind 450 Kochrezepte und 1.200 Lebensmittel, Tendenz steigend. Bei vielen Produkten weist die Internetseite detailliert die Inhaltsstoffe aus – die Zusammensetzung erfragen Itschert und ihr Team direkt bei den Herstellern. „Die sind total kooperativ, das hat uns sehr überrascht.“ Weniger überraschend ist für sie der große Erfolg ihrer Internetseite, die jeden Monat mehr als 200.000 Zugriffe verzeichnet: „Viele Menschen wollen vegan leben, aber ihnen fehlen die nötigen Informationen.“ Dass vegane Ernährung im Trend liegt, zeigt sich auch in der Berliner Gastronomie. Der Friedrichshainer Fastfoodladen Yoyo Foodworld, das Prenzlberger Cafй Hans Wurst, das Neuköllner Cafй Vux, Majas Deli in Mitte oder das Gourmetrestaurant La Mano Verde – sie alle setzen erfolgreich auf ein Angebot, das auf tierische Lebensmittel verzichtet.

„Vor ein paar Jahren war es in Berlin noch extrem schwierig, im Restaurant vegan zu essen“, erinnert sich Björn Moschinski. Das hat sich geändert, und Moschinski hat einiges dazu beigetragen – als Küchenchef im La Mano Verde, Berlins erstem veganen Gourmetrestaurant. Er lebt schon seit seinem fünfzehnten Lebensjahr vegan: „Der Auslöser war bei mir eine Geschichte über Massentierhaltung in der Bravo.“ Vor Kurzem ist La Mano Verde umgezogen von Friedenau nach Mitte. Am neuen Standort ist Moschinski nicht mehr dabei. Über seine berufliche Neuorientierung möchte er nur soviel sagen, dass er mittlerweile die Eröffnung eines eigenen Restaurants plant. Das Konzept steht, die Verhandlungen für die Finanzierung laufen. Dass es ein Erfolg wird, daran hat er keinen Zweifel: „Die Nachfrage ist da. Wir Veganer sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Text: Oliver Burgard

Foto: Stefan Abtmeyer, Diane Vincent, Oliver Wolff, Benjamin Pritzkuleit

 

INTERVIEW MIT STERNEKOCH MICHAEL HOFFMANN

FLEISCHLOS GLÜCKLICH: Z.B. VANESSA SCHULZ ALIAS NESSI

 

Adressen:

Cookies Cream Behrenstraße 55, Mitte, Di-Sa ab 19 Uhr, Tel. 27 49 29 40, www.cookiescream.com

Hans Wurst Dunckerstraße 2a, Prenzlauer Berg, Mo-Sa ab 12 Uhr, So ab 11 Uhr, Küche bis 22 Uhr,
Tel. 41 71 78 22, www.myspace.co/ hanswurstvegancafe

La Mano Verde
Scharnhorststraße 28-29, Mitte, tgl. 11-23 Uhr, Tel. 82 70 31 20, www.lamanoverde.de

Majas Deli Pappelallee 11, Prenzlauer Berg, Mo-Fr 12-20 Uhr, Tel. 48 49 48 51, www.majas-deli.de

Veggie No. 1 – Die grüne Mensa
Van’t-Hoff-Straße 6, Zehlendorf, Mo-Fr 8-18 Uhr, Sa 8-14.30 Uhr, Tel. 939 39 75 05

Vux Richardstraße 38, Neukölln, Mi-Sa 12-20 Uhr, So 11-18 Uhr, www.vux-berlin.com

Neu seit Februar 2010: Wahrhaft Nahrhaft Grünberger Straße 83 (nahe Boxhagener Platz), Friedrichshain, Mo-Fr 8-18 Uhr, Sa+So 10-18 Uhr, www.wahrhaftnahrhaft.de

Yoyo Foodworld Gärtnerstraße 27, Friedrichshain, tgl. 12-24 Uhr, Tel. 49 78 73 84, www.yoyofoodworld.de

WEITERE VEGETARISCHE RESTAURANTS

 

Fotos: Stefan Abtmeyer, Diane Vincent, Oliver Wolff, Benjamin Pritzkuleit

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