Kultur & Freizeit in Berlin

Die Gentrifizierung bedroht die Freie Kunstszene

Berlin wird teurer. Die Gentrifizierung verändert die Stadt und bedroht die Freie Kunstszene. Die Künstler entwickeln neue Überlebensstrategien. Von außen kommen neue Player in ?die Stadt. Und sogar die Politik hat verstanden, dass die nicht etablierten Kunstszenen kein pittoresker Luxus, sondern ein Standortfaktor sind. ?Zwischenbericht von einer Stadt im Umbruch

Festsaal_300(c)Joe_Goergen

Die Sophiensжle haben sich seit ihrer Gründung 1996 als wichtiger Produktionsort für freies Theater in Deutschland etabliert.

Die gute Nachricht zuerst: Trotz Gentrifizierung und härter werdenden Kämpfen um Räume, Geld und Zukunftsperspektiven ist Berlin immer noch ein Paradies für unabhängige, nicht kommerzielle Künstler. Zumindest wenn man wie Daniel Brunet aus New York City kommt. Der künstlerische Leiter des English Theatre Berlin ist jahrelang zwischen den Städten gependelt, er kennt beide Welten: das langsam teurer werdende Berlin und die marktgesteuerte Kunstszene im durchgentrifizierten New York. „Es gibt in Berlin immer noch sehr viel mehr Räume zu günstigen Bedingungen als in New York – für Theater, Performances, Lesungen, Musik oder bildende Kunst. In New York kann man als freier Künstler von Bedingungen wie in Berlin nur träumen“, sagt Brunet. Das gilt natürlich nicht nur für New York, sondern auch für Paris, London, Stuttgart, Warschau, München, Zürich, Madrid und unzählige andere Städte. Wie es aussieht, hat Kulturstaatssekretär Andrй Schmitz nicht ganz unrecht mit seinem zynischen Spruch, so schlecht könne es der Freien Szene Berlins nicht gehen, sonst würden ja nicht so viele Künstler aus aller Welt in die Stadt strömen. Also – alles bestens? Leider nicht.

Trouble in Paradise

Was für New Yorker wie ein Kreativ-Paradies aussieht, ist aus Berliner Perspektive ein bedrohtes Biotop. Viele Künstler und mit ihnen viele Berliner, die diese Szene lieben, fürchten, dass die besten Zeiten von Boheme-Berlin vorbei sein könnten. Die Frage ist: Wie kann die Kreativ-Szene auf den wachsenden ökonomischen Druck reagieren? Und wie verändert sich die Stadt dadurch nicht nur für die Künstler, sondern für viele Bewohner? Gentrifizierung und steigende Mieten im Innenstadtring, der Kampf um Grundstücke und die von Spekulation, aber auch von echtem Bedarf getriebene Hausse am Immobilienmarkt – all das macht die Kreativen zunehmend nervös. Georg Scharegg vom Theaterdiscounter macht eine einfache Rechnung auf: Würde man die 590 Quadratmeter seines Theaters in der Klosterstraße, beste Innenstadtlage, in 60-Quadratmeter-Parzellen unterteilen, ließen sich wesentlich höhere Mieten erzielen als die rund 5?000 Euro, die der Theaterdiscounter heute inklusive Nebenkosten zahlt. „Marktübliche Innenstadt-Mieten können wir schlicht nicht aufbringen“, sagt der Regisseur, der den Theaterdiscounter seit zehn Jahren betreibt.

Theater und andere Veranstalter der nicht etablierten Kunst sind vergleichsweise arme und unrentable Mieter. Schareggs Rechnung gilt so oder ähnlich für viele Kulturorte: Warum das Grundstück im Trendbezirk einem Theater, einem Performance-Kollektiv oder einer nicht kommerziellen Galerie günstig vermieten, wenn man sich als Investor auch mit schön teuren Eigentumswohnungen oder einem Hostel eine goldene Nase verdienen kann?

Bis es so weit ist, steigen schon mal die Mieten. Daniel Schrader vom Ballhaus Ost erzählt, dass die Erhöhung der Zuwendungen von jetzt 157?000 Euro auf 211?000 Euro im kommenden Jahr mehr oder weniger komplett von den vertraglich fixierten Mieterhöhungen aufgefressen wird. Jochen Sandig rechnet vor, wie die Mieten in den Sophiensaelen gestiegen sind. Als er 1995 den ersten Mietvertrag unterschrieben hat, lag die Jahresmiete für alle Räume der Sophiensaele bei 50?000 DM. Heute ist es etwa das Achtfache – und damit ist der Vermieter nicht unverschämt, sondern ausgesprochen fair. Kommerzielle Mieter in der näheren Umgebung dürfen deutlich höhere Quadratmeter-Mieten zahlen. Das bedeutet bei stagnierenden Subventionen für die Freie Szene, dass entweder bei den einzelnen Projekten mehr Geld in die Miete und weniger in die Kunst fließt. Oder dass einzelne Akteure mehr Geld bekommen, um die steigenden Mieten ausgleichen zu können, und andere im Gegenzug leer ausgehen. Die Verteilungskämpfe um die begrenzten Mittel werden, getrieben von der Mietpreis-Entwicklung, deutlich härter.

villa_kuriosum_benjamin_pritzkuleit

Die Villa Kuriosum hat alles unter einem Dach: Museum, Kuriositätenkabinett, Ausstellungen und Botanik.

Die Sophiensaele haben in den 90er-Jahren zur wachsenden Attraktivität der Gegend beigetragen. Genau diese Attraktivität sorgt jetzt für explodierende Mieten. Es ist ein geradezu klassisches Muster: Künstler, die in ökonomisch wenig interessanten Straßenzügen erst Vorreiter der Gentrifizierung sind, werden ein paar Jahre später ihr Opfer. Wie sich die Gentrifizierung im Endstadium zu Tode siegt, kann man gleich um die Ecke der Sophiensaele besichtigen: In der Auguststraße sieht Berlin-Mitte etwa so aufregend aus wie ein Vorort von Stuttgart.
Die Einschläge ?kommen näher

Noch sind die Berliner Off-Szenen ein buntes, extrem vielfältiges, unübersehbares Biotop und ein in viele Richtungen durchlässiges Experimentierfeld. Die rituellen Klagegesänge der Szene-Aktivisten, die um ihre Freiräume bangen, wirken da leicht übertrieben. Aber die Einschläge kommen näher. Den Schokoladen hätte es im vergangenen Jahr fast erwischt – der Immobilienbesitzer konnte juristisch einen Räumungsbefehl durchsetzen, um das Grundstück kommerziell zu verwerten und ordentlich abzusahnen. Schon 2010 musste das Eigenreich sein Domizil in der Greifswalder Straße räumen – ein Investor hatte Lukrativeres mit dem Grundstück vor. All die Clubs, die sich wie das ZMF (Zur Möbelfabrik) nach der Kündigung nach neuen Orten umsehen müssen, und die vielen Projekträume, die überall entstehen und unterm Kostendruck wieder aufgeben müssen, kann man ohnehin kaum noch zählen.

Erst kommen die Hipster, ?dann die Investoren

Den Umbauprozess der Stadt, der in Berlin gerade Fahrt aufnimmt, hat New York schon hinter sich. Noch in den 80ern war die Stadt ein Mekka der Underground-Kunst und in vielen Gegenden wesentlich ärmer, gefährlicher und verruchter als Berlin. „Seit Mitte der 90er-Jahre habe ich die Gentrifizierung von Nord-Brooklyn miterlebt“, berichtet Daniel Brunet. „Innerhalb von vier Jahren wurde etwa die Hälfte der Häuser in meinem Wohnblock abgerissen und durch Gebäude mit sehr viel teureren, neuen Mietwohnungen ersetzt. Plötzlich wurden in einer früher industriell geprägten Gegend wie Bushwick Türme mit Luxus-Eigentumswohnungen hochgezogen. Wer am Off-Off-Broadway Theater macht, musste sich spätestens in den Nullerjahren genau wie die gesamte unabhängige Kunstszene entscheiden: kommerziell und chic werden – oder verschwinden. Wenn man in New York ein freies Theaterprojekt ohne großes Budget machen will, muss man damit rechnen, dass man zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens probt. Tagsüber müssen die Leute arbeiten, um ihre Miete zahlen zu können.“ Brunets Wohnung in New York zum Beispiel war kleiner, aber genau doppelt so teuer wie seine jetzige Berliner Wohnung. Das hat Folgen für die Frage, wie viele Tage im Monat man jobben muss und wie viel Zeit für die kommerziell unergiebige Kunst bleibt.

Der Regisseur und Performer neigt nicht zu Panik, Brunet ist ein ausgesprochen nüchterner Beobachter. Aber die Parallelen der Entwicklung zwischen Bushwick und zum Beispiel Nord-Neukölln findet er ziemlich offensichtlich: Erst kommen die Hipster, dann kommen die Bagel-Shops, die Touristen, die Galerien und überteuerten Cafйs. Und dann wird es für Leute mit viel Geld chic, sich dort eine Eigentumswohnung zu kaufen.

panke-club_benjamin_pritzkuleit

Panke-Club: DJ-Sets im Fabrik Ambiente beleben den Wedding.

Shift happens

Nichts an dieser Entwicklung ist überraschend. Seit in Berlin mehr gut bezahlte Jobs entstehen, die Startup-Branche blüht, der Tourismus boomt und Konzerne große Einheiten oder ihre Unternehmenszentralen in die Hauptstadt verlegen, wird der Raum knapper und das verfügbare Geld mehr. Logische Folge: Die Mieten steigen. Was Berlin erlebt, ist in der Makroperspektive nichts als eine langsame Angleichung an die Normalität anderer europäischer Hauptstädte. Die Ausnahme ist nicht, dass jetzt die Marktgesetze Wirkung entfalten. Die historische Ausnahme waren die Jahrzehnte vor und nach dem Mauerfall. Es wäre albern, sich nostalgisch das subventionsgepamperte West-Berlin oder das schöne Chaos der Übergangsjahre nach der Wende zurückzuwünschen. Shift happens. Das Boheme-Berlin wird sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass die fetten Jahre irgendwann vorbei sind.

Die Lage ist ein wenig paradox: Je besser es der Stadt wirtschaftlich geht, desto enger könnte es bei den Rahmenbedingungen für die nicht kommerzielle Kunst werden. Und umgekehrt: Je schlechter es der Stadt früher ökonomisch ging, desto größer waren die Freiräume für experimentelle Lebensentwürfe und Selbstversuche in Kunstlaboratorien aller Art – sowohl die ökonomischen Freiräume (Man kam auch dank niedriger Mieten mit wenig Geld über die Runden) als auch die Freiräume in Form von Orten. Die beliebten Zwischennutzungen und temporären Bespielungen waren nur möglich, weil zentral gelegene Orte im Übergangsjahrzehnt nach dem Mauerfall noch nicht kommerziell nutzbar waren. Der Akzent liegt auf: „noch nicht“. Und genau das ändert sich gerade.

Was so entstand, war ein kultureller Reichtum bei relativer finanzieller Armut. Aber spätestens seit jeder Berliner Stadtplaner und jeder zweite Kulturpolitiker Richard Floridas einschlägiges Manifest vom „Rise of the Creativ Class“ mit seiner Botschaft, ein reges Kultur- und Subkulturleben sei gerade in postindustriellen  Städten ein weicher Standortfaktor von enormer Ausstrahlung, gelesen hat, ist klar, dass das Problem wesentlich komplizierter ist, als simple Gentrifizierungs-Szenarien vermuten lassen. Wie schützt man den Standortfaktor Subkultur? Nicht nur aus Liebe zur Kunst, die in politischen Konflikten im Zweifel wenig durchsetzungsfähig ist, sondern aus harten ökonomischen Gründen. Und wie geht das, bei begrenzten öffentlichen Ressourcen, in einer Stadt, die nicht zuletzt durch die Kultur- und Subkultur-Szene für Investoren so attraktiv ist, dass deren Immobilien-Investments genau dieser ökonomisch labilen Kultur-Szene das Wasser abzugraben drohen?

WEITER SEITE 2

Kommentiere diesen Beitrag