Installation

Gesamtkunstwerker Tobias Rehberger mischt das Haus am Waldsee auf

„Es geht um die Ungewissheit über das, was man Kunst nennt“, sagt Rehberger, der mit seiner ersten Soloschau in einer Berliner Institution einlädt, über die Grenzen der Kunst nachzudenken

Tobias Rehberger: „Kaputte Zwergenmutter 10“, 2004; Courtesy der Künstler, Gió Marconi, Mailand, und neugerriemschneider, Berlin, Foto: Wolfgang Günzel

Seit Jahrtausenden bauen Termiten mannshohe Belüftungstürme, die wie moderne Plastiken wirken. Sie bestehen aus einer papierartigen Masse, zerkautem Pflanzenmaterial, und bergen ein Labyrinth an Gängen. Sind diese staatenbildenden Insekten vielleicht auch Künstler? In gewisser Weise. Das legt uns jedenfalls der Bildhauer Tobias Rehberger nahe, der in neuen dreidimensionalen Werken ihre Autorschaft aufgreift.

Als gewitzter Gesamtkunstwerker stellt der 53-Jährige die Frage nach derselben einmal mehr zur Diskussion. „Es hat mich schon immer interessiert, wie sichtbar etwas ist. Es geht darum, dass man eine gewisse Lebensrealität herstellt und nicht nur, dass man vor einem Kunstwerk steht und es anschaut“, so  Rehberger vor ein paar Jahren.     

Diesmal mischt der zwischen Malerei, Bildhauerei, Design und Architektur mäandernde Künstler, dessen Rauminstallationen immer wieder beeindrucken, das Haus am Waldsee auf – in Papier. Erstmals wird dabei sein intensiver Umgang mit diesem Material sichtbar. Was läge da näher, als die Zellulosefresser aus dem Tierreich einzubeziehen? In der Ferne wandelte Rehberger auf den Spuren der Termiten und nahm Abgüsse von ihren Hügeln.

Farbenfroh gefasst, sehen sie aus wie Kunst und doch erinnern diese abstrahierten Arbeiten auch an ihre Vorbilder aus der Natur. „Inspiration is a little town in China“, lautet der ironische Titel der Schau. Schließlich kopiert man dort besonders gut. Die Irritation ist natürlich beabsichtigt. Der Künstler, der als Professor an der Frankfurter Städelschule lehrt, gibt nicht nur hier augenzwinkernd Denkanstöße und hinterfragt vermeintliche Gewissheiten.

„Es geht um die Ungewissheit über das, was man Kunst nennt“, sagt er, der mit seiner ersten Soloschau in einer Berliner Institution einlädt, über die Grenzen der Kunst nachzudenken. Zu bestaunen sind aufwändig verpackte Geschenke, naturalistische Pappmaché-Objekte, Origamilampen, hängende Masken, handbemalte Tapeten, Aquarelle, tagebuchartige Collagen, große Computerdrucke, Schreibmaschinenergüsse und Termitenhügel-Skulpturen.

Die gezeigten Werke stammen aus den 90er Jahren bis heute. Mit ihnen nimmt der Grenzgänger zwischen Design, Kunst und Architektur das gesamte Ausstellungshaus in Besitz und verändert es auf pointierte Weise. Dabei lernt der Besucher den Schöpfer neuer Rauminszenierungen auch von einer weniger bekannten Seite kennen: Der Mann kann klasse zeichnen! Zum Beispiel hat er Günther Jauch in Wasserfarben zu Papier gebracht oder Karl-Theodor zu Guttenberg – beide im Clownskostüm und hübsch bunt.    

Haus am Waldsee Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di–So 11–18 Uhr, 6.9. – 17.11., 7/erm 5 €