Kultur & Freizeit in Berlin

Gespräch mit dem Theaterregisseur René Pollesch

"Liebe ist nur als Nebenprodukt zu erreichen", sagt Pollesch im Interview zu seiner neuen Volksbühnen-?Inszenierung ­"Cruel to be kind"

Gespräch mit Renй Pollesch

tip Herr Pollesch, Ihre Stücktitel sind oft unverständlich, klingen aber toll. Wie kommen Sie auf diese Titel?
Renй Pollesch  Das ist sehr unterschiedlich. Ein Titel wie „Stadt als Beute“ sagt sehr viel, und ein Titel wie „Cappuccetto Rosso“ eher weniger. Wie wir zu Ihnen kommen, liegt immer daran, ob man vorher schon weiß, womit man sich beschäftigen will, oder nicht. ?“Cruel To Be Kind“ ist der Titel eines Songs von Nick Lowe. Wir brauchten einen Titel, und Sophie Rois, die ein großer Nick-Lowe-Fan ist, hat mir am Telefon Songtitel von ihm vorgelesen, und wir haben uns für „Cruel To Be Kind“ entschieden. Es standen noch mehr Songs von ihm zur Auswahl. „House For Sale“ hätte sich ganz gut auf dem Ankündigungstransparent über der Volksbühne gemacht. „Sensitive Man“ hätte zu sehr zu einem Missverständnis über den Regisseur des Abends geführt.

tip Was ist so grausam daran, freundlich zu sein?
Renй Pollesch Also, ich höre bei dem Nick-Lowe-Titel einen nicht leicht nachvollziehbaren Liebesbeweis heraus. Slavoj Zizek hat mal anhand eines Filmes beschrieben, was ein Liebesbeweis ist, oder wer wirklich die Liebe verdient. In dem Film geht es um einen Liebenden, der kurz vor einem großen Auftritt als Dirigent von seiner großen Liebe verlassen wird und der den Auftritt dann aber nicht vergeigt, sondern ihn zum Erfolg führt. Also, man kommt nicht über den geraden Weg an die Liebe heran. Weder durch einen Zusammenbruch noch durch viel Blabla. Daran anknüpfend könnte man sagen, unser Titel heißt: Man kann nicht auf geradem Wege nett sein.

tip Wie kann man denn nett sein, auf welchen Wegen kommt man an die Liebe?
Renй Pollesch Also, ein herkömmlicher Liebesbeweis wäre ja, dass man direkt am Boden zerstört ist oder ein melancholisches Gedicht schreibt. Aber nicht, dass man danach mit einer sauber dirigierten Sinfonie seinen Durchbruch schafft. Aber allein das macht einen in den Augen des Geliebten überhaupt liebenswert. Die Liebe ist eben nur als Nebenprodukt zu erreichen, sagt Zizek. Dass einer nett zu einem ist, kriegt man laut Nick Lowe auch nicht auf direktem Wege.

tip Es gab die Kritik an Falk Richters Inszenierung „Small Town Boy“ am Maxim Gorki Theater, dass er Ihre Stilmittel kopiere. Bedeutet es, offene Türen einzurennen, am Maxim Gorki Theater Homophobie zu attackieren?
Renй Pollesch Ich habe die Inszenierung leider nicht gesehen. Ich halte große Stücke auf das, was sie im Gorki probieren – und vorher schon im Ballhaus Naunynstraße probiert hatten. Ihr Problem war schon damals nicht zuallererst Rassismus, sondern Repräsentation. Ich würde ja auch sagen, nicht die ausgeflaggten Probleme wie Sexismus und Rassismus sind das Problem, sondern Repräsentation. Nicht Homophobie ist das Problem, sondern Heterosexualität.

tip Ist die Selbstfeier einer Gruppe weniger selbstbezüglich und eitelkeitsgefährdet, wenn diese Gruppe minoritär, also zum Beispiel gay oder migrantisch ist?
Renй Pollesch Ja. Es geht eben um avanciertes Theater. Ich habe mal ein Stück in Greenwich Village in New York gesehen, das von fünf Frauen geschrieben, inszeniert und gespielt wurde. Fünf lesbischen Frauen. Und ich erlebte zum ersten Mal, dass eine Schauspielerin eine Bühne betrat und sie war in den Augen der Zuschauer nicht automatisch heterosexuell. Sondern eine lesbische Femme. Das lag an den fünf produzierenden Frauen, das lag daran, dass das Theater in einer lesbischen und schwulen Community stand. Bis zu diesem Zeitpunkt fand ich das amerikanische Theater, und was ich bis dahin gesehen hatte, ziemlich altbacken und konservativ gegenüber dem, was wir in Deutschland haben. Allerdings war dieses Stück oder der Effekt, den ich da gesehen hatte, ziemlich avancierter als das, was wir in Deutschland machen. Ich glaube, das Gorki ist vielleicht eines der ersten Stadttheater in Deutschland, das da aufholen könnte. Allerdings war das erste Anti-Repräsentationstheater für mich schon immer die Volksbühne. Das Bühnenbild des Stückes in Greenwich Village, wie alle Bühnenbilder in New York, war auf dem Stand der 50er-Jahre, aber das, was in ihm passierte, fand ich fortschrittlicher. Ich finde es ziemlich zukunftsträchtig, dass es einen Theaterraum gibt, in dem „migrantisch“ aussehende Schauspieler bei ihrem Auftritt nicht automatisch Migranten repräsentieren.

tip Ihre Lieblingslektüre der letzten sechs Wochen?
Renй Pollesch Slavoj Zizeks „Die politische Suspension des Ethischen“ und immer noch „Die Puppe und der Zwerg“.

tip Und wie finden Sie Diedrich Diederichsens Buch „Über Pop-Musik?“
Renй Pollesch Wie alles von ihm ziemlich klug. Er schreibt da zum Beispiel, dass das, was in Pop-Musik zu Traditionen gerinnt, Frauen, Jugendliche, Minderheiten und Migranten sind. Und das ist schon mal ein Gegensatz zu allen anderen Kunstformen. Ein Pop-Musik-Sozialisierter schließt auch niemals die Augen. Pop-Musik klingt eben nicht in einem, sondern braucht visuell gestaltete Hüllen.

tip Fanden Sie Volker Spengler in Castorfs „Baumeister Solness“ auch so toll?
Renй Pollesch Er war bestimmt toll. Ich habe ihn da aber nicht gesehen. Bei unseren Proben gerade ist er sensationell. Und sehr laut. Ich bin ein großer Fan von Volker. So habe ich ihn kennengelernt.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Heji Shin

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