Diskurs

Gespräch mit Alexander Kluge: „Heute entstehen Risse in der Zeit“

Alexander Kluge über Algorithmen, Evolution, Kinderlieder und seine Eröffnung der Reihe „Das neue Alphabet“ im Haus der Kulturen der Welt

Alexander Kluge, Foto: Markus Kirchgessner

tip Herr Kluge, Sie eröffnen im Haus der Kulturen der Welt mit einem begehbaren Thea­ter („Ein Babylon, dessen Turm nicht zerfällt, in Berlin“) eine neue HKW-Reihe unter dem merkwürdigen Titel „Das neue Alphabet“. Liefern Algorithmen das neue Alphabet?
Alexander Kluge Wenn Sie die Anfangsbuchstaben von „Das neue Alphabet“ nehmen, heißt das DNA. Das ist ein sehr altes Signalsystem, das über Millionen Jahre in der Evolution seine Codierung entwickelt hat und sich ungeheuer langsam jeden Tag weiter entwickelt. Es versorgt unsere Zellen mit notwendiger Information. In dieser Information der DNA ist die gesamte Geschichte unserer Gattung enthalten. Dieses ursprüngliche Alphabet der DNA tragen wir immer mit uns. Es ist verwandt mit dem Alphabet, das die Körper und Zellen der Tiere regiert. In der Digitalisierung eröffnen die hochpotenten Informationswerkzeuge der Algorithmen ein neues Zeitalter, das mich fasziniert. Das ist ein neues Alphabet. „Alphabet“ ist auch der Name der Holding, der Google gehört. Diesem neuen System der Weltvermessung mit Algorithmen steht ein Gleichgewicht gegenüber, das zum Beispiel in der Evolution steckt. Sie stellt uns Anker in einer disruptiven Welt zur Verfügung. Aber zum ersten Mal scheint es so, als ob wir selbst in die Evolution eingreifen, wenn zum Beispiel ein chinesischer Forscher an der DNA zweier Kinder herumschnippelt.

tip Das ist ein alter Traum, wenn in „Faust“ ein mittelalterlicher Forscher sagt: „Hier wird ein Mensch gemacht“. Hat Goethe vor 200 Jahren geträumt, was Gen-Forscher heute realisieren wollen?
Alexander Kluge Das kann man so sagen. Zu den schönsten Szenen, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, gehören die Begegnungen zwischen Martin Wuttke und Sophie Rois in Castorfs „Faust“-Inszenierung. Da geht es um diese Alchemie. Alchemie hat immer mindestens zwei Seiten. Manchmal hat sie etwas Gutes, wenn jemand Gold machen will und dabei Porzellan herstellt. Das finde ich überhaupt nicht schlimm. Aber heute entstehen in diesen Prozessen Risse in der Zeit. Ich bin in der Lage, mein Fahrrad zu reparieren. Aber ich bin nicht in der Lage, mein Smartphone zu reparieren oder auch nur zu verstehen, wie es funktioniert, oder wie die Algorithmen arbeiten, die mich mit Information versorgen oder mein eigenes Verhalten in Information übersetzen. Das ist eine Schranke zwischen verschiedenen Zeiten und Welten. Im begehbaren Theater des Wissens im Haus der Kulturen werden sich diese Zeiten und Welten begegnen.

tip Wenn Ray Kurzweil vom ewigen Leben träumt oder Elon Musk den Mars besiedeln will, verbinden sich Wunschphantasien und Wissenschaft. Arbeiten in den Forschungslabors des Silicon Valley die Alchemisten der Gegenwart?
Alexander Kluge Sie machen nichts anderes als der Alchemist bei Goethe. Das ist vielleicht technisch nicht alles realisierbar, aber es erweitert Möglichkeiten. Das tut es auch in mir. Aus den ­Reibungsflächen zwischen Silicon Valley, Evolution und jemandem wie dem Mathematiker Leibnitz ist ein neuer, 600 Minuten langer Film entstanden. Leibnitz, ein sehr nüchterner Denker, weiß, was Alchemie ist.

tip Wie sehen diese Reibungsflächen aus?
Alexander Kluge Wir brauchen ein Narrativ, das von beiden Seiten dieser Parallelwelten erzählt, der kali­fornischen, inzwischen globalen Silicon Valley-Welt und der traditionellen Welt, in der Menschen zum Beispiel in Fabriken arbeiten. Beide haben Gefühle und machen Erfahrungen, beide Welten müssen erzählbar bleiben und die Chance haben, einander in diesen Erzählungen zu begegnen. Das ist der Grund und die Absicht der ganzen Unternehmung im Haus der Kulturen der Welt. Es gibt sieben Inseln, auf denen sieht man Filme und Plakate und Minuten-Opern. Zehn junge Regisseurinnen und Regisseure entwickeln Momentaufnahmen, Kurzopern zum Alphabet. Zum Alphabet und zur Sprache gehört auch Babylon, also die Sprachverwirrung. Das ist die letzte Szene im zweiten Akt aus Richard Wagners „Meistersinger“, ein einziger Tumult. Daraus machen wir Babylon als Straßenschlacht.

tip Sie haben unterschiedlichste Wissenschaftler und Künstler eingeladen, dieses Theater des Wissens zu bespielen. Ist das ähnlich vielstimmig?
Alexander Kluge Hier kommen Leute zusammen, die sich sonst nie begegnen würden. Der Informatiker und Sprachwissenschaftler Ernst Kausen analysiert die Sprachfamilien der Welt, Hermann Parzinger beschäftigt sich mit Kultur vor Erfindung der Schrift. Der Biochemiker Johannes Krause untersucht am Max Planck Institut für Menschheitsgeschichte den Zusammenhang zwischen Infektionskrankheiten und menschlicher Evolution, er kann die Migrationsbewegungen unserer Vorfahren kartieren. ­Diese Wissenschaftler treffen auf einen Mann wie Max Senges aus der Forschungsabteilung von Google, den Kulturwissenschaftler Joseph Vogl, den Musiker Helge Schneider oder den New Yorker Dichter Ben Lerner – er fängt an mit einem Kinderlied, mit dem er das ABC zu einer Melodie von Mozart gelernt hat. Diese unterschiedlichen Wissenswelten und Schätze an Erfahrung begegnen sich.

tip Wie berühren sich zum Beispiel Evolu­tionsgeschichte und ein Kinderlied?
Alexander Kluge Jeder Embryo wiederholt in den neun Monaten im Mutterleib wie im Zeitraffer die Geschichte der Evolution. Die individuelle Kindheit ist mit der Kindheit der Gattung verbunden, das ist ein Gleichgewicht. Ich kann mir ein Leben ohne diese Art von Gleichgewicht nicht vorstellen. Sie können die neun Monate im Mutterleib nicht digitalisieren. Das lässt sich nicht mit Algorithmen beschleunigen oder verlangsamen.

Haus der Kulturen der Welt John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, hkw.de

Das neue Alphabet – Opening Days Do 10. – So 13.1., mit u.a. Kader Attia, Alexander Kluge, Trevor Paglen, Helge Schneider, Slavs and Tatars, Hito Steyerl, Eintritt frei, Programmdetails: hkw.de

Von Zett bis Omega. Begehbares Theater: Ein Babylon, dessen Turm nicht zerfällt, in Berlin Do 10.1., 16.30–24 Uhr, Eintritt frei