Musical

„Ein Nazi ist ein Nazi ist ein Nazi“ – Gespräch mit Barrie Kosky

Der Regisseur und Chef der Komischen Oper Barrie Kosky über „Anatevka“, den Musical- und Operetten-Boom – und über Antisemitismus

Jan Windszus Photography

tip Herr Kosky, was tut man, wenn man die Ohrwürmer aus „Anatevka“ nicht mag? Wäre das schon antisemitisch?
Barrie Kosky Nein, meine jüdische Großmutter, die aus Ungarn stammte, hat „Anatevka“ gehasst. Ebenso wie Klezmer-Musik. Ich selbst habe Probleme mit Wagner, bin aber trotzdem nicht gegen die deutsche Kultur. An „Anatevka“, glaube ich, ist vor allem der Film problematisch. Das Werk selbst ist eine Sternstunde des Musicals. Und ich liebe es!

tip Mit Ihrer Inszenierung wollen Sie die wahre Geschichte des jüdischen Schtetl erzählen. Wird „Anatevka“ sonst falsch inszeniert?
Barrie Kosky Man neigt dazu, das jüdische Schtetl romantisch oder nostalgisch zu verklären. Aus der Vergangenheit meiner eigenen Familie weiß ich aber, wie überglücklich man war, dem Dreck der Siedlungen, in denen die osteuropäischen Juden lebten, endlich zu entkommen. Man wohnte da nicht gerne. Übrigens fand schon die Romanvorlage von Scholem Alej­chem einen genialen Weg, um die Armut im Schtetl und die Bedrohung durch Pogrome mit dem Witz der Menschen zu verbinden. Der Milchmann, der mit Gott streitet, ist eine Mischung aus Hiob, Mutter Courage, König Lear und Charlie Chaplin.

tip „Anatevka“ war einer der großen Erfolge der Komischen Oper unter Walter Felsenstein. Warum diese Selbstreferenz?
Barrie Kosky Ich würde es eher Tradition nennen. Wir haben bei uns keine Galerie großer Strauss-Uraufführungen oder Mozart-Dirigenten. Was wir haben, ist Felsensteins Philosophie des Musiktheaters. Und ein 70-jähriges Jubiläum. Deswegen machen wir neben „Anatevka“ auch noch „Blaubart“ von Offenbach, ein zweites Erfolgsstück Felsensteins.

tip Der von Ihnen initiierte Operetten-Boom war in Wirklichkeit auch ein Dagmar-Manzel-Boom. Sie hat in allen Produktionen mitgespielt – diesmal als Golde. Was hätten Sie ohne Manzel gemacht?
Barrie Kosky Nun, in diesem Fall spielt Dagmar Manzel nicht die Hauptrolle – und ist erleichtert darüber! Die Frau des Tevje, genannt Golde, wird normalerweise als typisch jüdische Mutter-Hexe dargestellt. So wie von Woody Allen erdacht. Dagmar Manzel macht etwas ganz anderes daraus. Grundsätzlich stimmt es, dass ich etwa „Die Perlen der Cleopatra“ nicht ohne sie hätte machen können. Ich habe das für sie, mit ihr – quasi auf ihr gemacht. (Lacht.) Was wäre ohne Dagmar Manzel passiert? Nun, ich hätte tatsächlich völlig andere Stücke suchen müssen.

tip Im Sommer haben Sie Wagners „Meistersinger“ in Bayreuth inszeniert – als Geschichte einer Judenverfolgung. Gab es antisemitische Reaktionen?
Barrie Kosky Nicht vonseiten der Zuschauer oder der Darsteller. Ich habe aber einige böse Briefe von Leuten bekommen, die nicht einmal anonym schrieben. Da steckte schon Antisemitismus drin. Die größere Überraschung für mich bestand darin, wie reinigend die Arbeit in Bayreuth auf mein Wagner-Trauma gewirkt hat.

tip Welches Wagner-Trauma?
Barrie Kosky Ich war nach fast allen meinen Wagner-Inszenierungen deprimiert. Ein Kampf. Diesmal nicht! Ich habe versucht, den unguten Wagner-Geruch, der über Bayreuth schwebt, zu vergessen. Ich denke, dass der Fluch, den Wagner mit seinem Antisemitismus auf sich geladen hat, sogar bleiben muss. Er hat Dreck am Schuh, und der wird nie weggehen. Mit dieser Erkenntnis hat es mir richtig Spaß gemacht.

tip Begegnen Sie in Ihrem Alltag Antisemitismus?
Barrie Kosky Nicht, seit ich in Deutschland bin. In Wien, wo ich vorher gelebt hatte, war der Antisemitismus viel schlimmer. Ich bin der Meinung, dass Alexander Gauland ein gefährlicher Mann ist. Aber längst nicht so schlimm wie Heinz-Christian Strache in Österreich. Ich glaube: „Ein Nazi ist ein Nazi ist ein Nazi.“ Aber ich bin vorsichtig optimistisch, dass Deutschland einen besseren Weg findet.

Termine von „Anatevka“ an der Komischen Oper Berlin, Karten 12 – 79 €

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