Berliner Legende

„In Berlin wurden alle meine Träume wahr“ – Gespräch mit Chilly Gonzales

Chilly Gonzales hat sich mal wieder ans Klavier gesetzt. Und ein Film über ihn kommt auch ins Kino. Grund genug für ein Gespräch über Bademäntel, Fettpolster, Auflauf-Restaurants, Bühnentiere, seine unauslöschliche Liebe zu Berlin und warum er jetzt trotzdem in Köln lebt

Foto: 2018 Alexandre Isard

Chilly Gonzales wurde als Jason Beck 1972 im kanadischen Montreal geboren, studierte Klavier, spielte Jazz und startete eine erfolglose Mainstream-Pop-Karriere. 1999 ging er nach Berlin, nannte sich Chilly Gonzales und wurde als Teil einer Clique mit Peaches und Mocky, gehypt vom Label Kitty-Yo, zum Aushängeschild des Arm-aber sexy-Berlin. 2000 erklärte sich Gonzales in der Bundespressekonferenz zum Präsidenten des Berliner Underground, damals noch im rosafarbenen Anzug, er fusionierte Rap, Punk und Dance mit einem anarchischen Humor. Später zog Gonzales um nach Paris, noch später nach Köln, wo er heute lebt. Er schrieb für Jane Birkin, produzierte Leslie Feist und vollzog 2004 mit „Solo Piano“ einen radikalen Stilbruch hin zu introspektiver, leise perlender Klaviermusik. Zwischenzeitlich hat er Softrock- und Pop-Alben veröffentlicht, aber kehrt immer wieder zum Klavier zurück. Nun erscheint „Solo Piano III“ und am 20. September kommt ein Dokumentarfilm über Gonzales ins Kino: „Shut Up And Play The Piano“ konzentriert sich auf die prägenden Berliner Jahre des Entertainers.

tip Herr Gonzales, wo ist der Bademantel?
Chilly Gonzales Wo ist denn Ihr Bademantel?

tip Ich trage Bademantel ausschließlich im Spa-Bereich. Im Gegensatz zu Ihnen: Sie gehen auf die Bühne im Bademantel und Interviews haben Sie gewöhnlich auch im Bademantel gegeben. Deshalb bin ich jetzt etwas enttäuscht.
Chilly Gonzales Das tut mir leid. Aber ich gebe Interviews mittlerweile in normalen Straßenklamotten. Nur ans Klavier setze ich mich noch im Bademantel. Aber auf einem Magazin-Titel im Bademantel? Das kommt mir mittlerweile falsch vor. Ich denke, ich kann auch weiterhin eine gewisse Respektlosigkeit zeigen, indem ich zum Beispiel Slipper trage (hebt seinen rechten Fuß und zeigt seine Sandalen).

tip Ich frage auch deshalb, weil in „Shut Up And Play The Piano“, dem Film über Sie, der Bademantel plötzlich auftaucht, aber nie erklärt wird, warum Sie ihn tragen.
Chilly Gonzales Wie soll man das auch erklären…

tip Versuchen Sie es.
Chilly Gonzales Der Bademantel stand am Ende eines langen Experimentierprozesses. Ich trug rosa Anzug, Safari-Anzug, einen Laborkittel, das war schon ziemlich gut. Aber erst der Bademantel löste wirklich die Probleme, die einen als Pianisten plagen. Klavierspielen ist sehr physisch, man bewegt sich stark, das Hemd rutscht raus, man beginnt zu schwitzen. Und wenn man dann noch älter wird als Mann, wird es schwieriger, die Figur unter Kontrolle zu behalten. ­Schauen Sie sich ältere Pianisten an: Das sieht einfach nicht gut aus. Schweißflecken und Fettpolster, die aus einem Frack quellen: Das ist zu viel Realität für den Larger-than-Life-Charakter, als der ich mich immer verstanden habe. ­Diese Illusion aufrecht zu erhalten, dazu dient der Bademantel. In einem Bademantel fühle ich mich beschützt und in guter Verfassung, zugleich ist er aber auch ein Kleidungsstück, das Intimität vermittelt. Ich sehe immer gut aus im Bademantel, wie Dracula am Klavier. Man hat natürlich auch immer etwas von Hugh Hefner. Und dann habe ich noch Herr von Eden getroffen, den Hamburger Designer. Die ex­travaganten Bademäntel, die er für mich entwirft, sind mein Superhelden-Kostüm.

tip Kam Ihnen die Bademantel-Idee in Berlin?
Chilly Gonzales Nein, die kam danach in Paris. Aber Berlin ist der Geburtsort von Chilly Gonzales.

tip Ist das so?
Chilly Gonzales Definitiv. Jason Beck wurde in Montreal geboren, aber Chilly Gonzales in Berlin. Chilly Gonzales ist das Ergebnis von Jason Beck, der nach Berlin kommt und dort Dinge erlebt, die ihn entscheidend beeinflussen. Hier habe ich eine Freiheit gefunden, die ich nicht kannte, eine Freiheit des Denkens. Hier habe ich die Antwort gefunden, wie ich mit meinem Publikum Kontakt aufnehmen wollte. Die Antwort war: Selbst wenn ich eine Fantasie auf der Bühne auslebe, selbst wenn ich das Monster in mir herauslasse, muss es authentisch sein, denn dann bleibt die Intimität erhalten – auch wenn ich wie ein Spaßvogel, wie ein irrer Musiker wirke. David Bowie ist ein gutes Beispiel: Wie er sich als Ziggy Stardust verkleidete, sah eigentlich ziemlich lächerlich aus. Aber niemand fand es lächerlich, weil es poetisch war.

tip Witzig, dass Sie Bowie erwähnen. Mit dem stehen Sie ja in einer Linie von Musikern, die nach Berlin kamen und von der Stadt adoptiert wurden. Wissen Sie, dass diese Stadt sehr stolz ist auf Sie?
Chilly Gonzales Falls dem so sein sollte, dann wäre das sehr schmeichelhaft. Ich bin gerührt. Aber es war auch eine großartige Zeit damals in den späten 90er- und frühen 00er-Jahren, als der Rest der Welt mitkriegte, wie cool Berlin war. Berlin hatte damals die andauernde Neuerfindung verinnerlicht. Davon haben wir, Peaches, ­Mocky und ich, profitiert, obwohl wir gar keine Berliner waren. Aber wir gehörten irgendwie hierher, zum Glück hat uns niemand jemals vorgeworfen, wir hätten Berlin kolo­nisiert. Es war unsere Goldene Ära. Ich fühle immer noch eine tiefe Verbundenheit zu Berlin, diese Stadt hat sich mir eingegraben. Alle meine Träume wurden hier wahr.

tip Alle Träume wohl nicht: Im Film erfährt man, dass Sie während ihrer Berliner Zeit sehr arm waren, obwohl sie schon eine Menge Platten verkauft haben.
Chilly Gonzales Ja, Kitty-Yo …

tip Ihr Plattenlabel, das dank Ihnen und Peaches eine Zeitlang sehr angesagt war.
Chilly Gonzales … hat niemals irgendjemanden bezahlt. Die schulden mir heute noch mindestens 30.000 Euro.

tip Sie mussten damals sogar als Bar-Pianist arbeiten.
Chilly Gonzales Ja, das ist wahr. Ich spielte in einem Restaurant namens Fualfua. Das ist „Auflauf“ rückwärts, es gab Aufläufe in dem Laden.

tip Ich habe absolut nichts über dieses Restaurant im Internet gefunden. Kann es sein, dass Sie das Fualfua nur erfunden haben?
Chilly Gonzales Nein, wirklich nicht. Der Laden war direkt bei mir um die Ecke in der Kollwitzstraße. Der Betreiber hieß Roy – das weiß ich deshalb noch genau, weil ich dachte: seltsamer Name für einen Deutschen. Roy hatte ein Piano geerbt und dachte, damit kann er seinem Schuppen eine gewisse Klasse verschaffen. Also ­engagierte er mich. Ich erzähle eine Menge Bullshit, aber solch blöde Details würde ich mir nicht ausdenken. Ich übertreibe gern, aber den Laden gab es wirklich. Ich war eine Zeitlang auch Ersatzbarpianist im Adlon Hotel.

tip Was haben Sie als Barpianist gelernt?
Chilly Gonzales Eine Menge. Vor allem: Keine musikalischen Grenzen zu akzeptieren. Als Barpianist kann man sich alles erlauben – und dann wieder nichts. Man kann alles ausprobieren, muss faken. Jemand sagt: Spiel doch was von Chopin! Auch wenn man keinen Chopin auf Lager hat, klimpert man irgendwas, was Chopin sein könnte. Man ahmt etwas nach, um jemanden glücklich zu machen. Das ist in gewisser ­Weise auch als Entertainer mein Grundprinzip bis heute.

tip Vor allem die „Piano Solo“-Alben, deren dritte Folge Sie jetzt herausbringen, macht die Menschen glücklich.
Chilly Gonzales Ich glaube, das liegt daran, dass sie für mich natürlich Musik ist, der man gut zuhören ­sollte, aber auch genauso gut als Background-Musik funktioniert. Und ich habe damit kein Problem: Als Barpianist weiß ich, wie wichtig Gebrauchsmusik ist. Ich habe schließlich, bevor ich Chilly Gonzales wurde, zehn Jahre davon gelebt, bei Bar Mitzwas aufzutreten. Eine Zeitlang habe ich in Kanada sogar in einem Unterwäsche-Laden Piano gespielt, während die älteren Damen eingekauft haben. Der Besitzer sagte: Ich weiß, es nicht die Carnegie Hall, aber genießen Sie Ihre Zeit hier. Und wenn eine Lady im roten Kleid vorbeigeht, dann spielen Sie „Lady in Red“ von Chris de Burgh. Klasse Tipp, dachte ich sarkastisch, aber in gewisser Weise hatte er Recht: Es ist nicht die Carnegie Hall, das kann man sich gar nicht oft genug sagen.

tip Na, es läuft ja nicht so schlecht für Sie.
Chilly Gonzales Nein, ich habe schon den Jackpot gewonnen. Ich kann von der Musik leben, das können nicht allzu viele Musiker behaupten.

tip Vor allem die ersten beiden „Piano Solo“-Alben waren sehr erfolgreich. Haben Sie das Gefühl, Sie haben sich mit diesen Platten gefunden? Im Film sagen Sie, es gab eine Zeit in Berlin, da waren Sie zu sehr in Peaches’ Welt aufgegangen.
Chilly Gonzales Ja, ich musste lernen, ich selbst zu sein. Ich war auch in Berlin ich selbst, aber es gab auch einen Teil in mir, der wollte etwas mehr sein als der laute, extrovertierte Chilly Gonzales …

tip Der selbsternannte König des Berliner Undergrounds.
Chilly Gonzales Genau. In dem Moment, in dem ich auf die Bühne komme, werde ich zum Tier. Vor einem Publikum muss man alles abwerfen und ganz im Moment sein. Deshalb heißt es „Rampensau“ im Deutschen und „bête de scène” auf Französisch – alles Tiere, denn auf der Bühne wird man zum Tier. Aber der private Chilly ist ein ganz anderer. Der übt brav sein Klavier und arbeitet hart an einer neuen Platte wie „Piano Solo III “. Und der möchte eben auch, dass seine Musik tiefere Gefühle auslöst. Als ich das erste Piano-Album aufgenommen hatte, wusste ich, dass es mir gefällt, aber nicht, ob es meinem Publikum gefallen würde.

tip Hat es offensichtlich.
Chilly Gonzales Und vielen anderen auch, denn mein Publikum wurde plötzlich sehr viel größer. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn „Piano Solo“ kein Erfolg geworden wäre. Vielleicht hätte ich die Piano-Sache fallen lassen, hätte weiter Electro-Rap gemacht. Aber mir gefiel, wie dieses neue Publikum anders über die Musik sprach. Plötzlich erzählten mir Menschen, dass die Musik sie berührt hatte, sie zum Lachen brachte, dass die Musik ihr Leben verändert hatte – nicht mehr nur, dass die Musik cool ist. Plötzlich stand die Musik im Mittelpunkt, sie war es, die die Leute bewegte – nicht der exaltierte König des Berliner Undergrounds. Und da wusste ich, dass es das war, was ich wollte: Dass die Musik berühmt ist, nicht ich.

tip Kennen Ihre neuen Fans überhaupt den alten, den exaltierten Chilly Gonzales?
Chilly Gonzales Dieser alte Chilly ist ja nicht gestorben. Und klar, es gibt schon einige, die in die Elbphilharmonie kommen und dann schockiert sind, wenn sie mich im Bademantel sehen und mitkriegen, dass ich so viel quatsche auf der Bühne. Der alte Chilly ist nicht tot, der bin ich immer noch. Aber den Leuten gefällt nun mal beides. Es ist ungefähr so: In Berlin habe ich vor allem Techniken entwickelt, wie ich die Aufmerksamkeit von Menschen gewinne. Nun setze ich diese Techniken aber auch ein, um sie auf Musik zu lenken, die mir viel bedeutet. Um also auf Ihre Frage zurück zu kommen: Mit „Piano Solo“ habe ich nicht mich gefunden, aber etwas, was mich und das Publikum zusammen bringt und beide glücklich macht. Und damit habe ich schlussendlich auch mich gefunden: Denn ich finde mich im Zuspruch meines Publikums. Plattenaufnahmen interessieren mich gar nicht so sehr, aber ich liebe es, auf der Bühne zu stehen. Das ist das Gute, aber auch das Schlechte an meiner Art, Kunst zu machen: Ich lebe und ich sterbe im Angesicht meines Publikums.

tip „Piano Solo“ war nicht nur ein großer Erfolg für Sie, sondern hat ein ganzes Genre namens Neo-Klassik nach sich gezogen …
Chilly Gonzales (stöhnt hörbar)

tip Warum will niemand mit Neo-Klassik in Verbindung gebracht werden?
Chilly Gonzales Ich habe es damals auch gehasst, mit dem Begriff Electro-Clash in Verbindung gebracht zu werden. Menschen aus dem Musikbetrieb erfinden solche Schubladen. Ich hab letztens Peaches getroffen – und die kannte den Begriff Neo-Klassik nicht mal. Den Menschen, die Musik hören, sind diese Labels völlig egal. Ich habe das ja auch nicht erfunden. Neu war nur, dass jemand aus meinem Milieu, aus dem Underground plötzlich solch eine Musik gemacht hat, dass ein Hipster aus Berlin ein Piano-Album herausbringt.

tip Letzte Frage: Sie leben jetzt in Köln. Vermissen Sie Berlin nicht?
Chilly Gonzales Ich bin ja noch oft hier, schon weil ich eine Menge Freunde hier habe wie Peaches, Nils Frahm oder Malakoff Kowalski. Ich arbeite oft mit Boys Noize zusammen, der lebt auch hier. Es gibt so viele tolle Musiker hier, aber bevor ich nach Köln kam, hatte ich noch nie in einer Wohnung mit meinen eigenen Möbeln gelebt. Deshalb bedeutet mir Köln sehr viel, auch wenn viele sagen, Köln sei eine hässliche und langweilige Stadt: In Köln habe ich gelernt, ein Leben neben der Arbeit zu haben. Es geht mir gut in Köln – und sollte das nicht das Wichtigste sein?

Chilly Gonzales „Solo Piano III“ (Gentle Threat/Indigo)
Konzerte: Fr 23.11., 20 Uhr, Haus der Berliner Festspiele (ausverkauft),
Di 23.4.2019, Philharmonie

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