Neue Dramatik

Gespräch mit Corinna Kirchhoff und David Bösch

Ein schönes Leben: Corinna Kirchhoff und der Regisseur David Bösch über Tracy Letts Stück „Eine Frau – Mary Page Marlowe“

Corinna Kirchhoff, Foto: Katharina Poblotzki

tip Frau Kirchhoff, Sie spielen nach der tabletten- und kontrollsüchtigen Mutter in „Eine Familie“ zum zweiten Mal in einem Stück des US-Dramatikers Tracy Letts. Was ist das für eine Frau, diese Mary Page Marlowe?
Corinna Kirchhoff Ein völlig andere als die Mutter in „Eine Familie“. Ich spiele gerne in „Eine Familie“, aber mich stört etwas der Ehrgeiz, in neuen Stücken möglichst schrill Krankheitsbefunde, Pathologien, Krassheiten von Suizid bis zu sexuellem Missbrauch auszustellen. Das ist geradezu konventionell geworden, eine Art Wettkampf um Kaputtheit, wer kotzt besser. Vielleicht gibt es auch eine Art Kitsch des Trashs, den man im ­Theater gemütlich betrachtet. In diesem Stück, „Eine Frau“, sieht man auch Verstörtheiten, aber es erzählt vom normalen Alltagsleben und vom Versuch, die Tür etwas zu öffnen, raus zu kommen aus dem Desaster. Das finde ich eigentlich interessanter. Diese Frau, Mary Page, erlebt im Verlauf des Stücks eine innere Reifung. Sie gelangt zu einer liebevolleren Perspektive auf sich selbst, eine Bereitschaft, sich mit dem Fragmentarischen, Zerstückelten des eigenen Lebens auszusöhnen.

tip Wir sehen unterschiedliche Stationen ihres Lebens zwischen 1946 und 2015, von der frühesten Kindheit bis kurz vor ihrem Tod mit 69 Jahren. Mary Page ist Rechnungsprüferin, sie hat zwei Kinder. Eine Durchschnittsexistenz?
David Bösch Sie ist eine von vielen, deshalb heißt der Titel ja auch „Eine Frau – Mary Page Marlowe“ und nicht etwa „Die Frau“. Weil wir sie durch ihr ganzes Leben begleiten, wird sie von drei Schauspielerinnen unterschiedlichen Lebensalters gespielt, und von einem Kind und einer Baby­puppe. Es passieren auch Katastrophen, es gibt Scheidungen, eine Alkoholsucht, ein Kind stirbt, wahrscheinlich an Drogen. Und trotzdem gibt es daneben die Normalität, das Weitermachen, das sich Arrangieren, den Alltag, „Dr. House“ schauen und Spaghetti essen. Das Stück hat etwas Tröstendes, es erzählt vom Weitermachen nach den Katastrophen. Diese Alltäglichkeit und Normalität, das Warmherzige, machen es sehr besonders, finde ich.

tip Die Schnitte zwischen den Szenen sind sehr abrupt und filmisch. Ist es mühsam, das zu spielen?
Corinna Kirchhoff Finde ich nicht, die Szenen spielen sich unheimlich gut. Tracy Letts kann Dialoge schreiben, er hat selbst gespielt, der Mann versteht einfach viel von Theater. Was mir besonders gefällt, ist die Lakonie und Bescheidenheit, das hat nichts Auftrumpfendes. Die Szenen sind kurz, es sind wirklich Skizzen, in denen die Figuren plastisch werden und eine echte Tiefe bekommen.
Zu sagen, diese Mary Page sei alltäglich, ist ja keine hinreichende Charakterisierung. Was für ein Mensch ist sie?
David Bösch Einmal sagt sie, dass sie es nie schafft, ihre verschiedenen sozialen Rollen, auch ihre unterschiedlichen Wünsche und Eigenschaften, in Einklang zu bringen – als Mutter, Geliebte, Ehefrau, Angestellte. Von diesen Schwierigkeiten erzählt das Stück. Frauen sind in vielen Theaterstücken Opferfiguren, das ist sie nicht. Sie ist sympathisch und mitfühlend, aber sie macht auch viele verantwortungslose Dinge. Sie hat Affären, sie trennt sich, ihre Kinder müssen damit zurecht kommen, auch das gehört zur Normalität. Sie fährt betrunken einen Passanten halbtot, dafür geht sie ins Gefängnis. Trotzdem ist sie keine überzeichnete Theaterfigur.

David Bösch, Foto: Dashuber

tip Einmal sagt sie, sie habe eigentlich keine echten Entscheidungen über ihr Leben getroffen, ihr Leben sei ihr eher so passiert.
Corinna Kirchhoff Das hat auf eine stille Weise etwas Tragisches, dieses uneigentliche Leben. Ich bin mir noch nicht sicher, ob dieses zerstückelte, fragmentierte Leben, dieses Patchwork einer Biografie und einer Identität, auch damit zu tun hat, dass sie eine Frau ist. Ich vermute, dass das auch mit kulturellen, gesellschaftlichen, sexuellen Zuschreibungen und Zwängen zu tun hat. Selbst in ihren außerehelichen Affären hat sie das Gefühl, dass sie eigentlich nur eine Rolle spielt, die mit ihr nicht unbedingt besonders viel zu tun hat. Wenn wir Kinder kriegen, geht die Karriere runter, kriegen wir keine Kinder, sind wir keine richtigen Frauen. Wir sollen reif werden, aber alt werden geht eigentlich auch nicht. Wir sollen stark sein und unsere Probleme mit uns selbst ausmachen, aber wenn wir dann wirklich stark sind, ist es auch wieder nicht recht. Wir sollen attraktiv sein, aber wenn wir zu attraktiv sind, werden wir nicht ernst genommen. Vielleicht ist ihre Alkoholsucht der Versuch, sich von den vielen, widersprüchlichen Zwängen, die sie fragmentieren, zu befreien und den Schmerz über das Zerhacktwerden unter all den Ansprüchen aufzulösen.
David Bösch Interessant und eigentlich sehr schön finde ich, dass all diese existenziellen Katastrophen nicht ausgestellt werden. Oft werden die Dramen in dieser Biografie sehr knapp, nur mit zwei, drei Sätzen umrissen. Die Szenen springen zeitlich, ihr Leben wird nicht chronologisch erzählt. Das ist wie ein Fotoalbum, die Bilder sind durcheinander geraten, man blättert durch die Stationen dieses Lebens. Man sieht die junge Studentin in den 1960er-Jahren, die davon träumt, nach Paris zu gehen und Modedesignerin zu werden. Man sieht sie 40, 50 Jahre später, sie war nie in Paris, aber sie ist glücklich mit ihrem dritten Mann. Und trotzdem denkt man nicht, dass sie ihre Träume verraten hat. Tracy Letts gelingt so etwas wie eine Poesie des Alltäglichen. Man glaubt es ihr, wenn sie kurz vor ihrem Tod sagt, dass sie ein schönes Leben hatte, trotz all der ­Katastrophen.

tip Ist sie am Ende mit sich versöhnt?
Corinna Kirchhoff Ich glaube schon. Sie ist bescheiden, aber auch wirklich reif. Es gibt etwas Unverletztes in ihr, das hat etwas Liebevolles, auch liebevoll sich selbst und ihren eigenen Schwächen ­gegenüber.

Termine: Berliner Ensemble Karten-Tel.: 28 40 81 55

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