Klassik

„Ich bin kein intellektueller Musiker“ – Gespräch mit Daniel Barenboim

Das West-Eastern Divan gastiert mal wieder in der Waldbühne. Wir trafen Star-Dirigent Daniel Barenboim und sprachen mit ihm über über Martha Argerich, die Tücken russischer Musik und die Tatsache, dass er bald 75 wird(c) Holger Kettner

tip Herr Barenboim, in der Waldbühne treten Sie gemeinsam mit Martha Argerich auf. Könnten Sie kurz mal erklären, worin das Besondere dieser Künstlerin besteht?
Daniel Barenboim Aber gerne doch! Sie spielt Klavier. Und zwar besser als vielleicht jeder andere auf der Welt. Damit meine ich nicht nur das Technische, sondern die Mischung aus Fingerfertigkeit, klanglicher Fantasie, Temperament und Intuition. Dieses Package ist, denke ich, sogar einmalig bei ihr. Sie ist Ehrenmitglied des West-Eastern Divan Orchestra. Ich denke an sie auch als eine außerodentlich schöne und wunderbare Frau. Von ihr geht ein Zauber aus, den man nicht erklären kann. Übrigens kenne ich Martha, wenn ich das sagen darf, seit 1949.

tip Martha Argerich spielt mit Ihnen das 1. Klavierkonzert von Dmitri Schostakowitsch – ein Komponist, von dem Sie selber bislang kaum Schallplatten-Aufnahmen gemacht haben…
Daniel Barenboim Mein Vater, der mein Lehrer war, hat mir die klassische Erziehung vermittelt, vor allem deutschsprachige Komponisten. Schostakowitsch hat mich weniger interessiert. Das Klavierkonzert aber, das Martha Argerich spielt, ist sehr lustig. Und Sie werden dabei den, ich glaube, ersten sudanesischen Solo-Trompeter erleben, den es je gab.

tip Außerdem dirigieren Sie die 5. Symphonie von Peter Tschaikowsky. Warum ist es heute so schwer, eine gute Tschaikowsky-Interpretation zu finden?
Daniel Barenboim Ich glaube, dass gute Tschaikowsky-Dirigenten immer eine Minderheit gebildet haben. Bei ihm gibt es typisch russische Stellen – aber ebenso andere, die von anderen Kulturen geprägt sind. Der Trick ist: Man darf beide Stilelemente nicht miteinander vermischen! – Sonst wird’s pathetisch.

tip Sie sind gewiss ein durchaus intellektueller Mensch. Trotzdem sind Sie kein intellektueller Musiker. Warum nicht?
Daniel Barenboim Ich bin kein intellektueller Musiker, weil man das Intellektuelle beim Musikmachen nie merken darf. Es darf nicht durchdringen. Man kommt freilich trotzdem nicht ohne dieses Element aus. Es gab zwar ein Paar genuine Bauch-Musiker. Sie funktionierten weniger vom Kopf her. Zum Beispiel Vladimir Horowitz, der aber, glaube ich, eine große Ausnahme war.

tip Sie werden im November 75 Jahre alt. Ist die Bedeutung solch runder – oder halbrunder – Geburtstage für Sie gewachsen?
Daniel Barenboim Ich gebe zu, dass mein 70. Geburtstag heute von größerer Bedeutung für mich ist als noch vor fünf Jahren. Ich will lange leben. Jeder sagt das. Aber nur mit Lebensqualität! Ich habe zu oft Menschen gesehen, bei denen ich mich fragte: Wozu lebt man noch? Mein Vater war zeitlebens sehr gesund, ist mit 87 Jahren gestorben. Aber seine letzten sechs, sieben Jahre waren die Hölle für ihn. Man weiß nicht, wie man das Leben selber empfinden wird, wenn es so weit ist. Am Alter stelle ich fest, dass man sich ständig umstellen muss. Seit ich 60 geworden bin, habe ich Schwierigkeiten, mir die Strümpfe alleine anzuziehen.

tip Eine Kleinigkeit…
Daniel Barenboim Aber doch ein Zeichen, dass die Beschränkungen fortschreiten. Ich kann nicht mehr spät abends viel rauchen oder viel trinken. Bei allem, was ich tue, muss ich bedenken, welche Wirkung es haben wird. Nur eines ist gleich geblieben: Die erste Zigarre nach dem Frühstück ist die beste für mich. Einige Sachen gibt es, die bleiben sich immer noch gleich.

Waldbühne Glockenturmstr. 1, Westend, So 13.8., 19 Uhr, Karten 24,55–74,55 €

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