Indie-Avantgarde

„Was bitte war der Kontext?“ – Gespräch mit David Longstreth von den Dirty Projectors

David Longstreth gibt mit seinen Dirty Projectors dem Indie frische Impulse durch Black Music und Klassik. Doch wie dirty ist das, überall zu klauen? Ein Gespräch über kulturelle Aneignung und den Trost der Prosa

Foto: Jason Frank Rothenberg

David Longstreth – Das 36-jährige Mastermind ist einer der umtriebigsten Typen im Pop: Er arbeitet mit Paul McCartney, Rihanna, Solange, Joanna Newsom u.v.a. – krass, dass er noch Zeit für sein von der Kritik gefeiertes New Yorker Kollektiv, die Dirty Projectors, hat, die er 2002 beim Musik-Studium an der Überflieger-Uni Yale gegründet hat.

tip Sie sind ja ganz schön erkältet, David, verdammt!
David Longstreth Singen hilft mir, das Chaos in den Griff zu kriegen. Wir haben so viel für die Tour geprobt. Jetzt hab ich diese Erkältung. Aber egal, die Proben laufen echt gut.

tip In der Ankündigung zum neuen Album „Lamp Lit Prose“ heißt es, die Platte sei das Yang zum Yin-Vorgänger „Dirty Projectors“.
David Longstreth Ich wollte zwei sehr unterschiedliche Alben. Und ich wusste, dass sie düster und licht sein sollten. Doch das Album jetzt ist aus einer Phase des Freundetreffens heraus entstanden. Freunde, mit denen man zusammen spielt.

tip „Dirty Projectors“ kann man gut als Break-Up-Album labeln. Was wäre dann das neue, „Lamp Lit Prose“?
David Longstreth Nun, was denken Sie, was hören Sie? Übrigens: Das hier ist erst das zweite Interview, das ich weltweit zu diesem Album gebe. Es fühlt sich also noch ganz schön ungewohnt an, über all das zu sprechen. Sei’s drum, wir werden es jetzt herausfinden, in Echtzeit. Also, wie würden Sie das Album charakterisieren? Ich bin neugierig.

tip Ich musste an den großen Song „Blue Skies“ von Irving Berlin denken. Nichts als blaue Himmel, aber gefüllt mit Melancholie.
David Longstreth Stimmt, tiefe Gemütslagen sind unausweichlich. Für mich fühlt sich dieses Album trotzdem nach einem Neubeginn an, einer Wiedergeburt, auf der Suche nach neuen Orten der Hoffnung.

tip Liegt das daran, dass die Welt gerade eher pessimistisch anmutet? Wollten Sie da extra einen Kontrapunkt platzieren? Oder ist das alles ganz persönlich, als Ende Ihrer privaten Krise nach der Trennung von Ihrer Ex-Freundin und Ex-Bandkollegin Amber Coffman?
David Longstreth Ich glaube, es steckt beides drin. Interessante Frage, wie das Private sich kreuzt mit dem Größeren, Globalen. Unser Album zuvor, das enorm persönlich ist, kam in dieser Phase politischen Verderbens. Und heute fühlt es sich schon wieder ganz anders an, im größeren, sozialen Sinn: Wir müssen uns wieder freuen und darauf besinnen, woran wir glauben und worauf wir hoffen, um uns wieder hochzuwinden. Und privat geht es mir auch so, ich schlage ein neues Kapitel auf.

tip
Klanglich preschen die Gitarren ganz schön nach vorne. Hängt das damit zusammen, aus der Lethargie herauszufinden?
David Longstreth Oh ja! Ich liebe Gitarren. Die Gitarre und ich haben ein Ding miteinander laufen. Für die Platte davor hatte ich schon auch Gitarren aufgenommen, aber die passten dann nicht so recht drauf. Die Stimme der Gitarre war nicht die, die ich in meinem Kopf hörte. Aber bei diesem Album singen wir zusammen. Together Again!

tip
Was bedeutet der Name des Albums „Lamp Lit Prose“ eigentlich? Lampenbeleuchtete Prosa? Klingt rätselhaft.
David Longstreth Lampen lösen schon mal Emotionen in mir aus. Und dann: beleuchtet – eben weil es eine Party ist. Und Prosa spendet Trost. Ich muss bei dem Titel an einen Lampion mit Schrift drauf denken.

tip Eine andere Zeile des Albums lautet „Strike Up The Band“, wie der George-Gershwin-Song aus dem gleichnamigen Musical. Jetzt sagen Sie nicht, das ist bloß Zufall.
David Longstreth (lacht lange) Wah, ich liebe diese Frage! Yeah! Na klar! Strike Up the Band! Dieser Satz, meine Güte, so old-fashioned. Ich hab mir viele alte Musicals und Rom-Coms angeschaut. Ginger Rogers! Das beschäftigt mich schon, wie das, was wir heute unter Pop-Songs verstehen, auf Leute wie Cole Porter und George Gershwin zurückgeht, obwohl die Vorstellungen sich doch sehr unterscheiden. Und ich versuche ja immer wieder, mich von den Definitionen zu lösen, wie ein Song so zu sein hat. Zum Beispiel bei „(I Wanna) Feel It All“, „I Feel Energy“ oder der Bridge von „What Is The Time“. Das sind schon Nummern, welche die Band krachen lassen, hoffe ich. Strike Up The Band!

tip Sie sind ja die einzige Konstante im Kollektiv der Dirty Projectors. Sind die schmutzigen Projektoren überhaupt eine Band oder einfach Sie?
David Longstreth Nun ja, ich hab sie gestartet, schreibe alle Musik, und drum herum gab es immer viel Fluktuation. Die Dirty Projectors sind meine Welt – und andererseits eine Band aus Menschen auf einer Bühne, die den Klang bestimmen mit ihren Stimmen, Händen, Körpern überhaupt. So gesehen sind die Dirty Projectors beides, zu unterschiedlichen Zeiten: mein innerer Kosmos, aber auch eine reale Band, zum Angreifen.

tip Wenn Sie in einem Song vorschlagen, lieber Rhône-Wein zu trinken statt Trübsal zu blasen – wie ernst meinen Sie solche Lebensweisheiten eigentlich? Grenache und Syrah wirken ja doch nur eine Nacht lang.
David Longstreth Sie finden, ein Amoklauf wäre die bessere Entscheidung? (lacht) Meine Platte steht für einen Moment, in dem nicht die Zweifel überhandnehmen, sondern man nach Klarheit strebt, um das Leben zu leben, das man leben will.

tip Apropos Klarheit. Wie spirituell sind Sie eigentlich drauf, wenn Sie eine Zeile singen wie „The Universe Becomes My Mum and Dad“?
Nun, wissen Sie, ich bin nach L.A. gezogen. Was mehr lässt sich dazu sagen?

tip Flower Power.
David Longstreth Ich bin ein strenggläubiger Katholik. Nein, Spaß, bin ich nicht! Aber die seltenen Momente, in denen man das größere Ganze sieht und das einem Bedeutung gibt, stehen eben jenen gegenüber, in denen man sich wie ein bedeutungsloses Nichts fühlt.

tip Ein Nichts? Sie sind ein Meister-Arrangeur, haben für Leute wie Joanna Newsom oder Solange arrangiert. Wie machen Sie das?
David Longstreth Der Schlüssel ist zuzuhören. Trial and Error. Ich notiere also etwas, höre mir das an, entweder am Computer oder mit echten Musikern – wenn Freunde Bock haben, das gerade mal mit einem auszutesten. Dann versucht man, die Distanz zwischen dem, was man gerade hört, und dem, was man hören will, so sehr zu schmälern wie es nur irgend geht.

tip Hm, können Sie das konkreter erklären?
David Longstreth „Right Now“ ist wohl mein Lieblingssong des Albums. Die Arrangements sind super crazy. Anfangs hatte ich den ganzen Song in einer einzigen Tonart aufgenommen – bis ich gemerkt habe, dass, wenn man das Streicherquartett einen Ganzton nach oben pitcht, das Tremolo dem näherkommt, wie ich es eigentlich wollte. Und dass ich umgekehrt Orgeln, Saxophone und Trompeten nach unten pitchen musste, damit sie so wirken, wie ich sie ursprünglich wollte. So cool! Tonartwechsel sind ja ein bisschen außer Mode gekommen.

tip Sie haben mal gesagt, Sie haben das meiste über Musik gelernt, indem Sie Black Music gehört haben. Wie stehen Sie eigentlich zu Vorwürfen der so genannten „kulturellen Aneignung“, also dass es nicht okay sei, wenn weiße Künstler Black Music imitieren?
David Longstreth Die Geschichte amerikanischer Musik ist eine Geschichte der Black Music. So viel Originalität, Erfindung und Brillanz. In Deutschland gibt es anderes zu lernen, zum Beispiel wie Bach Kontrapunkte geschrieben hat. Das liebe ich auch. Oder wie Gustav Mahler seine Themen variiert hat. Ich mag es, all das zusammenzuführen und hoffentlich dadurch zu etwas Neuem zu gelangen. Die Grenze zwischen Liebe und Diebstahl ist manchmal verschwommen. Ich glaube, der Anspruch sollte sein, etwas Neues zu erschaffen.

tip Und dann ist es nicht mehr problematisch, würden Sie sagen? Es gibt ja diesen Standpunkt, dass weiße Musiker keinen R’n’B spielen sollten.
David Longstreth Ich weiß nicht. Leute sagen alles Mögliche. Das ist ein komplexes Thema. Respekt und Dialog sind wichtig. Geschichtsbewusstsein.

tip Es heißt, Sie lassen sich gerne mit Mariah Carey und mit Beyoncé vergleichen, aber nicht mit Frank Zappa, den Sie hassen.
David Longstreth Ach, das ist lustig, kleine Schnipsel aus alten Interviews herauszureißen. Was bitte war der Kontext? Worüber haben wir da wirklich geredet? Ich finde, wir müssen nicht mehr über Frank Zappa und Mariah Carey sprechen. Lassen wir sie dort, wo sie sind. Gott segne sie alle!

Heimathafen Neukölln Karl-Marx-Str. 141, Neukölln, Di 14.8., 21 Uhr, VVK 24,80 €

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