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„Über Doping schweigen viele – aus Angst“ – Gespräch mit dem ARD-Dopingexperten Hajo Seppelt

Beim SFB begann er als Schwimmreporter. Dann entdeckte er das Thema Doping für sich und wurde ARD-Experte für hochbrisante Enthüllungen. Wegen seiner Staatsdoping-Dokus darf Russland bei den Olympischen Winterspielen im Februar in Südkorea nicht unter eigener Flagge starten. Wir haben Hajo Seppelt in Berlin getroffen

Hajo Seppelt

Hajo Seppelt, 1963 in Berlin geboren, wuchs in Lankwitz auf. Er kam 1977 zum Kinderfunk des Rias, wurde 1985 Sportreporter beim SFB – bis er dort 2006 nicht mehr als Schwimmreporter eingesetzt wurde. Seitdem recherchiert er, vielfach preisgekrönt, investigativ Doping-Enthüllungen für die ARD.

tip Kann ein Hajo Seppelt gelegentlich noch einfach nur Sportfan sein? Fiebern Sie im Stadion dann doch schon mal mit?
Hajo Seppelt Das halte ich derzeit für sehr unrealistisch. Wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin, war ich nie ein klassischer Sportfan. Ich hatte zwar immer eine Nähe zum Sport, weil ich selber Sportler war: ein sehr mittelmäßiger, aber immerhin regelmäßiger Leistungsschwimmer. Aber ich war nie ein Fan im eigentlichen Sinne.

tip Ganz Berlin war aus dem Häuschen, als Usain Bolt 2009 im Olympiastadion mit 9,58 Sekunden den 100-Meter-Weltrekord lief. Lässt Sie so etwas kalt?
Hajo Seppelt Ist mir völlig gleichgültig, wie Bolt rüberkommt. Manche glauben, ich wäre ein Nestbeschmutzer, der den Leuten den Spaß verderben will. Ich bin weder ein Gegner noch ein Freund, sondern einfach ein Beobachter des Sports. Das war auch 2009 so. Ich habe mich gefragt, warum wir diese Person so zelebrieren, ohne zu hinterfragen, was dort abläuft. Das bedeutet nicht, dass ich Bolt damals Doping unterstellte. Aber davon auszugehen, dass in einem System des Sports, in dem die Manipulation und das Ausreizen von Grenzen ein quasi systemimmanentes Geschäftsmodell ist, alle dopen außer einem – das halte ich auch für relativ realitätsfremd.

tip Am 5. Dezember 2017 gab das Internationale Olympische Komitee IOC bekannt, dass die russischen Sportler nicht unter eigener Flagge bei den kommenden olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang starten dürfen – im Wesentlichen aufgrund Ihrer Recherchen. Sie ­haben die IOC-Entscheidung so auch vorhergesagt. Waren Sie stolz?
Hajo Seppelt Nein. Ich war aber relativ überzeugt davon, dass es genau so laufen wird. Ich beschäftige mich ja tagtäglich mit dieser Problematik. Außerdem: Wenn man die Person Thomas Bach, den Präsidenten des Internationalen Olympischen Kommitees, 30 Jahre lang beobachtet hat, kann man sich denken, wie die Dinge laufen und wie die Welt vom IOC seit Jahrzehnten in Teilbereichen für dumm verkauft wird.

tip Wie kamen Sie auf das Thema Doping?
Hajo Seppelt 1997 habe ich auf einer Dienstreise eine Kollegin kennengelernt, die sich, so wie ich damals, intensiv mit DDR-Doping beschäftigte.

tip Das war die kanadische Ex-Schwimmerin Karin Helmstaedt, mit der Sie dann den Film „Staatsgeheimnis Kinderdoping“ gedreht haben …
Hajo Seppelt Wir bestellten damals die Stasiakten von Manfred Hoeppner, dem Chef-Doper des DDR-Systems. Das waren 1.000 Seiten – ich bin vom Glauben abgefallen, als ich das gesehen habe! Vergleichbar ist das momentan nur mit dem, was jetzt an Unterlagen zum russischen Staatsdoping vorliegt. Es war noch schlimmer.

tip Bis dahin waren Sie ein „ganz normaler“ Sportreporter?
Hajo Seppelt Als ich 1985 beim SFB (Vorgängersendeanstalt des RBB, Anm. d. Red.) anfing, hatte ich sehr schnell großes Interesse an Sport in der DDR. Ich bin dann als junger, Anfang-20-jähriger Reporter mehrfach zu DDR-Schwimmmeisterschaften gefahren. Später auch zu Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften – als klassischer Sportreporter. Ich habe gebrüllt – obwohl, gebrüllt ist ein wenig übertrieben, ich habe eben reportiert, wie ich glaubte, dass man es tun müsse. Damals glaubte ich: Wenn man als Reporter zu Olympischen Spielen fährt, hat man’s geschafft.

tip Wann haben Sie Ihre Meinung geändert?
Hajo Seppelt Das intensivere Hinterfragen setzte eigentlich schon früh ein, Anfang der 90er-Jahre. Mit der Berliner Bewerbung um die Olympischen Spiele 2000 begann ich, die Welt des Sports besser zu begreifen. Ich beschäftigte mich intensiv mit dieser Bewerbung und stellte schnell fest, dass die Propaganda von Diepgen und Co, wie chancenreich Berlin angeblich wäre, totaler Unsinn war. Dafür wurde ich stark kritisiert. Hinterher stimmte meine Prognose, dass Berlin als Austragungsort für die Olympischen Spiele gerade mal neun Stimmen bekommen würde, haargenau. Und ich spürte plötzlich den Druck der Senatskanzlei, wenn einer unliebsam berichtet, einfach nur Fakten darlegt, Leute herausfordert, Interessen tangiert.

tip Sie haben Dopingskandale im Radsport, in der Leichtathletik, im Wintersport aufgedeckt. Wo werden Sie am meisten gehasst?
Hajo Seppelt Ich nehme an, in Russland habe ich derzeit nicht so viele Freunde. Wie massiv Politik dort gegen die ARD-Berichte und gegen mich selbst gemacht wird, das ist schon frappierend.

tip Ende 2014 strahlte die ARD die erste 60-minütige Doku aus: „Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht“. Haben Sie diesen immensen Druck erwartet?
Hajo Seppelt Nein, damals nicht! 2014, zwei Tage nach Ausstrahlung dieses ersten Films mit den russischen Whistleblowern …

tip … Vitali Stepanow, ein ehemaliger Mitarbeiter der russischen Dopingagentur, und seine Frau, die Mittelstreckenläuferin ­Julija Stepanowa, hatten sich Ihnen bezüglich des Staatsdopings anvertraut …
Hajo Seppelt … ließ ich mir russische Nachrichten aus dem Fernseh-Staatssender übersetzen. Da hieß es dann, das deutsche Fernsehen würde mit solch einer Berichterstattung versuchen, vom schlechten Abschneiden der deutschen Winterolympioniken in Sotschi abzulenken. Und es wurde immer massiver. Seit drei Jahren ist es so, dass das russische Staatsfernsehen bei Ereignissen wie dem kürzlich in Lausanne nicht nur von der Entscheidung des IOC, sondern auch über uns von der ARD berichtet. Die russischen Staatssender bestreiten permanent, was unsere Recherchen belegen. Man hat das Gefühl, dass für manche der Berichterstatter dort die Erde eine Scheibe ist. Das konstante Leugnen der offenkundigen Wahrheit durch Russland führt natürlich auch dazu, dass die Berichterstattung international weitergeht.

tip In einem Kölner Hotel bekamen Sie es bei einem Interview mit einer rabiaten russischen Journalistin zu tun …
Hajo Seppelt Am Anfang war alles professionell und sauber. Nach 20 Minuten jedoch änderte sich plötzlich die Situation. Mir wurde klar, dass sie was ganz anderes im Schilde führte, unvermittelt begann sie, absurde Fragen zu stellen. Sie deutete etwa an, dass ich von einem Geheimdienst bezahlt werden würde. Ich dachte, was ist denn mit der los? Die Kamera lief die ganze Zeit mit. Ich brach dann das Interview ab, sie wollte aber das Hotelzimmer nicht verlassen. Ich musste den Sicherheitsdienst holen, die Polizei rufen. Als sie das mitbekamen, wollten sie sich vom Acker machen. Es war völlig absurd. Aber ich habe mein Lehrgeld bezahlt. Seitdem gebe ich dem russischen Staatsfernsehen in der Regel keine Interviews mehr.

tip Kommen noch Anfragen aus Russland?
Hajo Seppelt Ja, regelmäßig. Ich unterscheide da. Ich lasse mich unterrichten, welche russischen Medien unabhängig, keine Propagandisten sind. Es geht mir nicht darum, dass Medien eine andere Meinung vertreten, sondern dass die eine Gegenrede zulassen. Wir sind in Deutschland glücklicherweise Lichtjahre von dem Journalismus entfernt, den beispielsweise russische Staatsmedien betreiben. Wer in Deutschland die öffentlich-rechtlichen Sender der Fake News, der Manipulation und raffinierter Herrschaftstechniken der Macht beschuldigt, der hat aus meiner Sicht komplett das Augenmaß verloren.

tip Bei diesen jetzt vier Russland-Filmen rennen Sie oft selbst als Reporter durchs Bild. Schon mal überlegt, sich dabei persönlich etwas zurückzunehmen?
Hajo Seppelt Als wir 2014 den ersten Russland-Film gemacht haben, wussten wir nicht, wie wir diese Geschichte erzählen sollten. Irgendwann kam die Idee, dass ich persönlich in der ganzen Geschichte so viel erlebt hatte, dass man das aus einer Ich-Perspektive erzählen sollte. Obwohl ich mich damals gegen diese Darstellungsform zunächst gewehrt hatte. Trotzdem musste ich einsehen: Das ist der richtige Weg. Wobei mir auch klar ist, dass man, wenn man häufig im Bild ist, auch zur Zielscheibe werden kann.

tip Wurden Sie persönlich bedroht?
Hajo Seppelt 
Ich vermag nicht einzuschätzen, was man als Bedrohung sehen sollte und was nicht. Aber manch aggressive Reaktion offenkundig aus Russland gegen Leute, die sich kritisch mit dieser Thematik auseinandersetzen, macht mich schon sehr nachdenklich.

tip Bei den Olympischen Spielen in Rio im Jahr 2016 bekamen Sie Personenschutz.
Hajo Seppelt Ja, das war damals besser so.

tip Die Russland-Recherche begann mit einer Mail vom Whistleblower Vitali Stepanow an Sie. Im Film stellen Sie die Frage: Habe ich es mit Spinnern zu tun? Oder ist es ernst?
Hajo Seppelt In der Tat muss man natürlich immer kritisch hinterfragen, mit wem man es zu tun hat. Es passiert ab und zu, dass sich Leute mit Vermutungen an uns wenden, die durch nichts belegt sind. Manchmal sind das einfach nur Verschwörungstheorien. Wir versuchen aber allen Hinweisen nachzugehen. Die Hinweise von Stepanov und seiner Frau waren alle korrekt.

tip In Kenia, bei einer Recherche zu Marathon-Läufern, wollte man Sie reinlegen.
Hajo Seppelt Da wollten uns Leute gefälschte Statements als geheime Aufnahmen von Weltklasse­athleten verkaufen. In der Sprache eines kenianischen Stammes. In Deutschland gab’s nur wenige Menschen, die diese Sprache können. Wir hatten schließlich bei der Deutschen Welle jemanden gefunden, der das übersetzen konnte. Der gab sofort Alarm: Das ist alles abgelesen, was man da hört! Also – es war Fake.

tip Was passiert, wenn Sie der ARD eine neue Doping-Story anbieten? Rollen die mit den Augen? Oder Ihnen den roten Teppich aus?
Hajo Seppelt Nee, die rollen nicht mit den Augen. Nach ­meinem Eindruck ist es so, dass die Verantwortlichen unsere kritischen Beiträge im ­Programm begrüßen. Über zehn, fünfzehn Jahre ist wirklich ein Paradigmenwechsel ­entstanden. Früher waren wir oft Nestbeschmutzer. 2006 hatte ich wegen meiner Kritik an der Doping-Berichterstattung noch meinen Schwimmreporter-Job verloren. Damals empfand ich das als Abstrafung. Heute aber bin ich nicht unglücklich darüber, dass ich nicht mehr Schwimmreporter bin.

tip Ihre Recherchen dürften einiges kosten.
Hajo Seppelt Natürlich ist diese Berichterstattung nicht für umsonst zu haben. Da müssen lange Recherchezeiträume finanziert werden. Außerdem ist das Ganze mit einer gewissen Reisetätigkeit verbunden. Man muss Whistleblower persönlich treffen, das kann man nicht am Telefon machen. So etwas geht nicht für null.

tip Mit Verlaub: Es ist das Geld der Gebührenzahler.
Hajo Seppelt Sie werden sicherlich mit mir übereinstimmen, dass eine sorgfältige Recherche natürlich auch Kosten verursacht. Das ist beim tip nicht anders. Als wir 2014 den ersten Russland-Film gemacht habe, schrieben Leute über Twitter, Facebook und anderen Kanäle beispielsweise: „Jetzt weiß ich, dass meine Rundfunkgebühren einen Sinn machen.“ Da war ich schon ein bisschen stolz drauf. Ich bin ein großer Befürworter des ARD-Systems. Auch wenn das ein großer Laden mit viel Bürokratie ist. Aber ich glaube tatsächlich, dass wir in Deutschland das beste Fernsehsystem der Welt haben.

tip Haben Sie Angst, dass Sie mit Doping-Anschuldigungen auch mal falsch liegen?
Hajo Seppelt Natürlich. Der Gedanke schwingt stets mit.

tip Sie zerstören ja mitunter auch Karrieren.
Hajo Seppelt Wenn Doping-Vorwürfe berechtigt sind und Belege auf dem Tisch liegen, dann kann das zutreffen. Wir wissen aber auch gerade deshalb, dass wir bei jeder Recherche sorgfältig abwägen müssen. Und das tun wir. Weltweit sind wir die einzige Redaktion, die sich ausschließlich und dauerhaft mit Doping beschäftigt. Deswegen haben wir so eine große Aufmerksamkeit – und die Möglichkeit, Dingen genau auf den Grund zu gehen.

tip Woher kommen Ihre Whistleblower?
Hajo Seppelt Es gibt eine Majorität von Leuten im Sport und in Sportverbänden, die schweigen. Entweder, weil sie kein Interesse haben oder – Angst. Wenn man, wie jetzt in Russland, sieht, wie Whistleblower behandelt werden, dass sie von den Verbänden im Stich gelassen werden, wirkt das nicht gerade motivierend für Leute, zu sagen, es lohnt sich, an die Öffentlichkeit zu gehen.

tip Internationale Sportorganisationen müssten Whistleblower eigentlich unterstützen. Schließlich ist man doch gegen Doping.
Hajo Seppelt Das wird immer behauptet. Ich bin mir oft nicht so sicher, ob diese Sonntagsreden der Realität entsprechen. Whistleblower werden in die Ecke gedrängt, zu Outlaws erklärt. Sportverbände wollen hingegen allzu häufig „die Einigkeit des Sports“ beschwören. Wobei ich mich frage, ­warum eine Sportorganisation so einig sein muss wie früher das Politbüro der DDR. Wo nur 100-prozentige Zustimmung als „Erfolg“ gewertet wurde. In Sportverbänden herrschen oft geradezu feudale Strukturen. Deswegen begrüße ich es, dass Athleten, die der Kern und das Herz des Sports sind, aufstehen und sagen: Wir sind keine Anhängsel von Funktionären und Verbänden. Wir sind diejenigen, ohne die Sport gar nicht möglich wäre.

tip Legen die beim IOC gleich wieder auf, wenn Sie dort bei der Pressestelle anrufen: „Hallo, hier ist Hajo Seppelt von der ARD“?
Hajo Seppelt Nee. Aber wir von der ARD-Dopingredaktion kriegen von Thomas Bach traditionell kein Interview. Ich hatte erst vor ein paar Tagen angefragt. Und wieder hat’s geheißen, dass bis zu den Olympischen Spielen…

tip … er zu viel zu tun hat?
Hajo Seppelt Ja. Genau so ist es gewesen.

tip Bei welcher Sportart sind Sie überrascht, dass sie noch keine Doping-Debatte hat?
Hajo Seppelt Es heißt immer, dass über Fußball und Doping noch nicht so viel recherchiert und berichtet worden ist. Wobei es sehr wohl die eine oder andere interessante Berichterstattung über Fußball und Doping gab. So haben wir im Jahr 2017 ausführlich über russische Fußballer berichtet. Über Brasilien, das Land des fünffachen Fußballweltmeisters, haben wir ebenfalls einen Film gemacht. Allerdings stimmt es schon, dass die gründliche Tiefenrecherche durch Medien bisher noch nicht in dem Ausmaß erfolgt ist, wie es nötig wäre. Wir haben aber gemerkt, dass die Widerstände im Fußball nicht zu unterschätzen sind, die Phalanx des Schweigens noch größer zu sein scheint als in anderen Sportarten.

tip Man könnte vermuten, das verträgt sich nicht mit den teuren Bundesliga-Übertragungsrechten für die „Sportschau“…
Hajo Seppelt Niemand in der ARD behindert mich bei Recherchen zum Thema Fußball. Dabei gelten genau die gleichen Maßstäbe wie bei jeder anderen Sportart: Es müssen journalistische und juristische Kriterien für eine Berichterstattung erfüllt sein.

Interview Eva Apraku und Erik Heier

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