Obdachlosenhilfe

Gespräch mit dem Leiter der Bahnhofsmission am Zoo

„Nimmt der Drogen?“ – Der Leiter der Bahnhofsmission am Zoo, Dieter Puhl, über Hertha-Fans, den grünen Bürgermeister von Mitte Stephan von Dassel, Rucksäcke als Re­sozial­isierungs­maßnahme, die Debatte um Obdachlose im Tiergarten und seine 25-Millionen-Euro-Forderung

Foto: FA Schaap

Eigentlich wollten wir nach dem Fotoshooting unserer Bilderstrecke noch kurz zu Dieter Puhl in sein kleines Büro, um mit ihm einen Interviewtermin abzusprechen. Seit neun Jahren leitet der 60-Jährige die Bahnhofsmission am Zoo. Puhl aber referiert kurz über seinen übervollen Terminkalender. Und beginnt das ­Gespräch kurzerhand sofort.

Dieter Puhl Ich möchte Ihnen zuerst eine Frage stellen. Woran erkennen Sie meistens einen obdachlosen Menschen?
tip Am großen Rucksack?
Dieter Puhl Es gibt viel mehr Menschen mit der abgelappten, ranzigen Plastiktüte. Ich habe mal Leute gebeten: Bringt uns Rucksäcke vorbei. Ein Rucksack ist die erste Vorsorge für mehr Zielgerichtetheit. Wohin packst du deine Unterhose, deinen Einwegrasierer? Liest du? Hast du ein Buch mit? Möchtest du eine Zeitung? Wenn ich den Rucksack dann emotional packe, frage ich: Hast du noch Briefe von deinen Kindern? Alles, was du hast, wird reduziert auf einen ganz kleinen Raum. Ein Rucksack ist das erste Resozialisierungsprogramm ­eines obdachlosen Menschen.

tip Der grüne Bürgermeister von Mitte, ­Stephan von Dassel, hat eine Debatte über den Tiergarten als rechtsfreie Zone angestoßen. Sie haben in der Bahnhofsmission täglich um die 700 Gästekontakte. Wie ­wurde diese Debatte hier aufgenommen?
Die Bahnhofsmission ist dicht dran am Tiergarten, einige unserer Gäste schlafen dort, aber auch woanders. Bei den Gästen ist das ein Thema. Letzten Samstag hatten Freunde auf der Insel Eiswerder ein tolles Fest zugunsten der Bahnhofsmission Zoo. Die Insel ­erreicht man schwierig. Man muss mit der U-Bahn bis Rathaus Spandau fahren, dann mit dem Bus, und man hat noch eine ganze Menge Fußweg, auch über eine Brücke. Abends kommt mir auf der Brücke einer ­unserer Gäste entgegen. Ende 60, sitzt im Rollstuhl. Ich frage: „Was machst du denn hier?“ Da sagt er: „Im Tiergarten bin ich vertrieben worden, da muss man sich eine Alternative suchen.“ Die Verdrängung bewirkt, dass die Menschen in Spandau oder Köpenick landen. Das ist für die Menschen schwierig.

tip Warum?
Viele Einrichtungen, die obdachlosen Menschen ein Stückchen Struktur und Halt geben, sind im Innenstadtbereich. Die liegen sehr bewusst nicht in den Außenbezirken. Dann bist du körperlich gebrechlich, du bist psychisch beeinträchtigt. Und du fährst schwarz. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Drittel der Menschen in der JVA Tegel obdachlose Menschen sind, die schwarzgefahren sind. Und dann bringen wir diese Menschen, für die vorher pro Tag 26 Euro Betreuungsgeld fehlt, für 110 Euro Tagessatz in der JVA unter. Das mag ich gesellschaftspolitisch nicht hinnehmen.

tip Wie erklären Sie sich, dass die Obdachlosen, und da besonders die osteuropäischen Obdachlosen, derart in den Fokus geraten sind? Der Bezirk Neukölln verfrachtet sie sogar in Bussen zurück in ihre Herkunftsländer.
Das sind in erster Linie zwei Menschen, die das diskutieren: Herr von Dassel, der Bürgermeister von Mitte, und die Neuköllner ­Bürgermeisterin Franziska Giffey. Es ist nicht mein Job, die beiden zu interpretieren.

tip Hat sich die Situation wirklich so dramatisch verschlechtert?
Sie werden gewaltbereiter und aggressiver, lese ich in der Zeitung. Das sind interpretationsbedürftige Begriffe. Die Anzahl der obdachlosen Menschen nimmt in Berlin kontinuierlich zu, von Jahr zu Jahr. Von 1.000 vor zehn Jahren auf vermutlich 8.000 jetzt. Das bringt Schwierig­keiten mit sich. In erster Linie für die betroffenen Menschen. Weil das Hilfesystem nicht adäquat mitgewachsen ist. Vor zehn Jahren, bei 1.000 obdachlosen Menschen in Berlin, gab es ungefähr 500 Notübernachtungsplätze. Nun, bei 8.000 Menschen, haben Sie in diesem Winter 1.000 Plätze. Das macht was mit den Menschen, das macht auch was mit der Stadt.

tip Wie meinen Sie das?
Die Bezirke machen oft einen Fehler. Sie betrachten es in einer gewissen Egozentrik nur aus der Perspektive ihres Bezirkes. Wenn Sie sich durch die Stadt begeben, sehen Sie: Es nimmt überall zu. Wenn ich morgens um den Lietzensee jogge, sehe ich da vier, fünf Frauen, die sich im See waschen. Die Lebensumstände für die Menschen sind unerträglich.

tip Hat Mittes Bürgermeister recht, wenn er, wenn auch mit drastischen Worten, auf ein Problem hinweist, das zu lange ignoriert wurde?
Ich wünsche mir momentan von der Politik die Verantwortung, mit Worten sehr sorgsam umzugehen. Im Moment ist die größte Herausforderung, unsere Gesellschaft in der Mitte zusammenzuhalten. Jetzt interpretiere ich das einzige Mal: Ich glaube, dass Herr von Dassel momentan von vielen Leuten Beifall bekommt, die ihm vielleicht gar nicht Recht sind, während er viel Gegenwind von Menschen bekommt, die ihm eigentlich nahe stehen. Wenn der Innensenator Geisel sagt, dass restriktive Maßnahmen das Thema Obdachlosigkeit nicht beseitigen, sondern nur gute Sozialarbeit, dann hat er Recht. Das habe ich auf Facebook sofort geteilt und „Danke“ geschrieben.

tip Wie sehen Sie die Rolle des Senats?
Der aktuelle Berliner Senat ist dem Thema Obdachlosigkeit meines Erachtens sehr aufgeschlossen. Die Menschen regieren seit zehn Monaten, da habe ich noch eine gewisse ­Milde. Die Haushaltsverhandlungen sind im Dezember. Es wird in Berlin zu wenig investiert, das weiß ich nach 25 Jahren als Sozialarbeiter. Und ich setze mich auch mit dem Taschenrechner hin. Es müssten zusätzlich jährlich 25 Millionen Euro in die konkrete Hilfe für obdachlose Menschen investiert werden.

tip
Momentan sind es gut vier Millionen Euro pro Jahr, der Senat will 2018 und 2019 noch mal jeweils zweieinhalb Millionen Euro drauflegen.
Dann denken immer alle: Nimmt der Drogen, ist der jetzt durchgeknallt am Zoo? Das wäre eine tägliche Pro-Kopf-Erhöhung um 8,61 Euro! Und diese Summe wünsche ich mir bei mehrfach erkrankten Menschen mit Psychiatrie­erfahrung und mit starken Suchtmittelerkrankungen. Es muss mehr Geld in qualitative Hilfen investiert werden.

tip
Zum Beispiel?
Werden die Kollegen der Ordnungsämter, der Grünflächenämter – das ist wirklich nur eine Frage, ich kann sie nicht beantworten – für ihre Arbeit gecoacht? Wir in der Bahnhofsmission coachen seit zehn Jahren Leute. S-Bahn-Fahrer. BVG-Personal. Letzte Woche haben hier Kollegen der Deutschen Bahn mitgearbeitet, die unter anderem für die Reinigung der Bahnhöfe zuständig sind. Natürlich haben die keine Lust, Hauswände abzukärchern, gegen die obdachlose Menschen uriniert haben. Nachdem sie sich mit unseren Gästen zusammengesetzt und mehr über ihre Lebensumstände erfahren haben, hatten sie noch immer keine Lust auf die Tätigkeit. Sie haben sie aber anders verstanden und für sich selbst eingeordnet.

tip Die Debatte um gewalttätige Obdachlose bleibt aber.
Als ich neulich mal sehr sauer war, habe ich einen Post auf Facebook verfasst, wo ich schrieb: Alle sind sie gewaltbereit. Jeder ist gerade betrunken. Einige haben sogar Waffen bei sich. Ich habe Angst vor ihnen. Das ist kaum auszuhalten. So geht das nicht mehr. Jede Hauswand ist verschmutzt. Und es geht nicht nur um Urin, es geht um Fäkalien. Ich wünsche mir wirklich, einmal wieder ins Olympiastadion zu gehen und vernünftig ein Heimspiel von Hertha BSC zu sehen!

tip Hertha-Fans werden das jetzt nicht so ­richtig gerne lesen.
Wenn Sie auf dem Vorplatz des Olympiastadions am Samstag gegen Schalke standen – ich diskriminiere hier gar keinen! –, wenn Sie sich die Müllberge angucken, den Vandalismus in U-Bahnen, die tatsächlichen Bedrohungen, die Übergriffe, die Prügeleien angucken, die mit Fußball passieren – dann müsste man in Deutschland jedes Wochenende ein paar Hunderttausend Fußballfans ausweisen. Das macht natürlich keiner. Und zwar: Gottseidank!

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