Das schweigende Klassenzimmer

„Film ist Bewegung, Konflikt, Dilemma“ – Gespräch mit dem Regisseur Lars Kraume

Autor und Regisseur Lars Kraume über dramaturgische Freiheiten in dem DDR-Drama „Das schweigende Klassenzimmer“, das von einer folgenreichen Schweigeminute erzählt

Studiocanal/ Julia Terjung

Bereits mit seinem Spielfilmdebüt, dem hinterhältigen Thriller „Dunckel“, sorgte Lars Kraume, geboren 1973 im italienischen Chieri, vor 20 Jahren für Aufsehen. Es folgten sehenswerte Filme wie der improvisierte Bandtour-Spielfilm „Keine Lieder über Liebe“ (2005), das packende Schuldrama „Guten Morgen, Herr Grothe“ (2007), diverse „Tatorte“ und das Melodram „Meine Schwestern“ (2013). Nach seinem riesigen Erfolg mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015) erhielt Kraume 2016 für das TV-Projekt „Terror – Ihr Urteil“ den Deutschen Fernsehpreis. Mit „Das schweigende Klassenzimmer“ hat sich Kraume nun erstmals der DDR-Historie zugewandt.

tip Herr Kraume, das gleichnamige Buch „Das schweigende Klassenzimmer“ des Zeitzeugen Dietrich Garstka erschien 2007. Wann und wie sind Sie darauf gestoßen?
Lars Kraume Im selben Jahr, als ein befreundeter Produzent es mir in die Hand gedrückt hat. Fünf Jahre später, als ich „Der Staat gegen Fritz Bauer“ schrieb, nahm ich es noch einmal zur Hand und dachte: Das ist interessant, weil dieselbe Zeit thematisiert wird. Bei der Produktionsfirma, die damals gerade die Rechte optioniert hatte, habe ich dann angefragt, ob sie einen Autor brauchen.

tip Haben Sie zusätzlich zu diesem Buch weiteres Quellenmaterial hinzugezogen?
Lars Kraume Meines Wissens hatte der Autor vor mir sehr umfassend versucht, mit allen Schülern Kontakt aufzunehmen. Mir erschien es sinnvoller, mich nur auf die Perspektive Garstkas zu konzentrieren – weil 20 Leute auch 20 unterschiedliche Geschichten im Kopf haben. ­Daneben habe ich das Umfeld recherchiert, den Ungarnaufstand, die Veränderungen der sowjetischen Politik, die mit Chruschtschow kamen – und ich habe natürlich versucht, ein Gespür für diese Zeit in der DDR zu bekommen. Dazu gehörte etwa der DDR-Verbotsfilm „Karla“, der auch unter Abiturienten spielt und ähnliche Themen behandelt – auch dort gibt es einen Lehrer, der eine Nazi-Vergangenheit hat. An „Spur der Steine“ wiederum war das Ringen um die sozialistische Idee interessant, ganz wichtig auch „Berlin – Ecke Schönhauser“, weil der aus dem Jahr 1957 stammt und dort die Jugendkultur in der DDR gezeigt wird.

tip Wurden aus dramaturgischen Gründen auch Dinge hinzugefügt?
Lars Kraume Die Geschichte ist ja recht minimalistisch – es gibt die Schweigeminute und die Reaktionen darauf, mehr nicht. Das ist aus Drehbuchsicht schwierig, weil Film Bewegung, Konflikt, ­Dilemma ist. Das musste ich hineinbringen, aber ich konnte natürlich nicht so viel hinzufügen, weil das die historische Akkuratesse verändert hätte. Dietrich Garstka hat immer alle Fassungen gelesen und – wenn ihm die Dramatisierung zu weit ging – Einspruch erhoben. Die Geschichte ist so passiert, aber sie ist dramatisiert – eine Figur wie Edgar, die geopfert wird, weil er sein Radio zur Verfügung stellte, die gab es nicht. Aber das sind Techniken, mit denen man die dramatische Konsequenz dieser Schweigeminute erst zur Geltung bringt für ein heutiges Publikum.

tip Zu den Hinzufügungen gehört auch das auftauchende ­Familiengeheimnis?
Lars Kraume Ja. Die Drehbücher zu diesem Film und zu „Fritz Bauer“ sind parallel geschrieben, der Umgang mit der Nazivergangenheit ist in beiden Filmen relativ wichtig. Da sind dann Beobachtungen über die Zeit der 50er-Jahre auch aus dem einen Skript in das andere ­hinübergewandert.

tip Das Element der Familien, gerade auch die Risse, die durch die einzelnen Clans gehen, verbindet den Film mit früheren Filmen von Ihnen, wie „Familienfest“, „Meine Schwestern“ und „Die kommenden Tage“.
Lars Kraume Konflikte in Familien zu spiegeln, das inte­ressiert mich sehr. Ich habe selber eine Familie, habe Geschwister, ich kenne diese Konflikte sehr gut. Wenn ich ein fremdes Thema angehe, wie die DDR im Jahr 1956, dann fällt es mir natürlich leichter, es in so einen familiären Kontext zu bringen als etwa bei „Spur der ­Steine“, in dem die ganze Zeit über die Einführung des Dreischichtensystems diskutiert wird.

tip Die Jungdarsteller sind zwar keine Debütanten, aber auch keine bekannten Gesichter – das verleiht dem Film etwas Authentisches.
Lars Kraume Das war mir wichtig, dass sich die Zuschauer nicht sagen: „Den kenne ich doch aus …“

tip Auf der anderen Seite gibt es bei den Erwachsenen eine Reihe von prominenten Darstellern, mit denen Sie bereits gearbeitet haben.
Lars Kraume Alle von ihnen, mit Ausnahme von Burghart Klaußner, sind in der DDR sozialisiert worden. Das war einer der wichtigsten Gesichtspunkte beim Erwachsenen-Casting. Florian Lukas, der den Direktor spielt, sagte bei den Kostümproben, er hätte gerne ein Pelzmützchen, weil die die immer aufhatten – solche Details bringen diese Schauspieler mit. Das Konzept der „Neulehrer“ kann ich mir zwar anlesen, aber Florian kann es mit Inhalt füllen.

tip Verglichen mit den ganzen subtilen Repressionsmechanismen, mit denen man damals in der Bundesrepublik gegen Andersdenkende vorging und die Sie in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ sehr detailliert zeigen, kam mir die Repression, wie sie hier der Minister und die Parteisekretärin ausüben, vergleichsweise schlicht vor.
Lars Kraume Das gilt aber nur für diese beiden Figuren. Mir war bei dem Film wichtig, dass er nicht generell in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß teilt, dass man vielmehr versteht, dass ein Direktor versucht auch abzuwägen, seine Möglich­keiten zu nutzen, und dass eine Figur wie der Volksbildungsminister, der mit relativ großem Kaliber auf eine kleine schwache Schar von Schülern schießt, irgendwann zu erkennen gibt, dass er wegen seiner Erfahrungen mit der SA einen Grund hat, weshalb er so radikal ­gegen jede Form von anderem Gedankengut vorgeht. Ich habe versucht, so viel wie möglich Verständnis und Interesse für diesen jungen Sozialismus aufzubringen.

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