Folk

„Fuck! Ich kling lieber alt“ – Gespräch mit dem Schweizer Sänger Faber

Die Stimmfarbe eines Whisky-Trinkers, die Straßenweisheiten eines weit gereisten ­Vagabunden und das ­Instrumentarium eines Balkan- und ­Italo-verliebten ­Folkmusikers: Ein Gespräch mit dem Schweizer Sänger Faber über ­Machogetue, Missverständnisse und erzürnte Konzertbesucher

Foto: Stefan Braunbarth/ Vertigo Berlin

tip Der Opening Track „Wem du’s heute kannst besorgen“ hat mich mit seinem sexistischen Frauenbild so provoziert, dass ich deine Platte beinahe nicht weitergehört hätte. Meinst du das ernst?
Faber Die Frau kommt da nicht gut weg, das stimmt, aber der Mann auch nicht, oder? Ich finde, auf dem ganzen Album kommt eigentlich niemand so richtig gut weg. Ich selber auch nicht. Für mich beschreibt der Song einfach mega dieses Aufrissdenken. Es geht nicht darum, ob wir unseren Körper verkaufen – die Antwort darauf ist immer ja. Die Frage ist nur, wie hoch ist der Preis. Und das spielt in dem Song eine wichtige Rolle. Natürlich ist alles überspitzt – und super spitz (grinst).

tip Trotzdem ist der Mann im Track nur notgeil und die Frau „zwar nicht schlauer als ein Schaf, aber scharf“. Warum braucht es diese Objektivierungen?
Faber Ich finde es auch nicht gut, wenn Frauen objektiviert werden, aber ich singe ja nicht nur Sachen, die ich gut finde, und auch nicht nur aus meiner Perspektive. Natürlich ist das nicht mein Denken. Wenn ich den Song höre, sehe ich wie einen Film dazu. Und in einem Film mag man ja auch nicht jeden Charakter. Und da sagt man dem Schauspieler auch nicht danach, „du bist ein Arschloch, weil du das gespielt hast“.

tip Im Track „Sei ein Faber im Wind“ beschimpfst du deine Ex als „Nutte“. Hätte es da nicht auch ein anderer Kraftausdruck getan?
Faber Ich war einfach nicht sensibel genug, das zu sehen. Ich hab keinen Unterschied zwischen Nutte und Arschloch gemacht. Für mich waren das einfach zwei Fluchwörter. Ich finde es trotzdem schade, dass ich so viele Stunden damit verbracht habe, mit Journalisten darüber zu diskutieren. In der Zeit hätte man eher mal drüber sprechen sollen, warum es so wenige Frauen im Musikjournalismus gibt, mit denen ich darüber hätte reden können. Das wäre ein wichtigeres Thema.

tip Jetzt sitzt ja eine Frau vor dir. Man braucht schon eine ganmze Weile, um ein Gefühl für dich zu kriegen.
Faber Ich kann verstehen, dass der Eindruck entsteht, ich hätte mit der Platte provozieren wollen, aber das war kein Ziel in dem Sinne. Mit 15, 16 hab ich auch schon so getextet. Vielleicht kann ich es einfach nicht besser (lacht).

tip Es sind schon ein paar krasse Zeilen dabei: „Die einen ertrinken im Überfluss, die anderen im Meer“ oder „In Paris brennen Autos und in Zürich mein Kamin“.
Faber Ich mag dieses Verkürzte – und wenn nicht nur der Refrain ein starkes Wortspiel hat, sondern der ganze Text damit gespickt ist. Die müssen nicht immer deftig sein, sondern einfach schön. Zum Beispiel „Ein Tag im Leben einer Stunde“, darauf wurde ich noch nie angesprochen, dabei finde ich das voll den guten Satz. „Lass mich nicht mit mir allein“ gehört auch zu den besseren.

tip In dem Song „Wer nicht schwimmen kann, der taucht“ singst du aus der Perspektive eines Rassisten. Der Text wurde sicherlich auch schon sehr oft missverstanden, oder?
Faber Ja, und hier ist es mir wirklich wichtig klarzustellen, dass das nicht meine Denke ist. Es sind auch schon Leute aus dem Konzert rausgelaufen und haben geschrien „für Nazi-Scheiß gibt’s keinen Applaus“. Oder auch auf YouTube. Wie viele Leute da drunter geschrieben haben „Das Lied finde ich mega schwierig zu interpretieren“. Das finde ich ziemlich erschreckend.

tip Wie kommt der Song live an?
Faber Das ist das einzige Lied, bei dem ich es nicht mag, wenn Leute mitsingen. Das passt nicht. Ich höre oft mit dem Song auf. Um nochmal allen was mitzugeben für zu Hause (schmunzelt).

tip Warum eigentlich diese derbe Sprache? „Blasen“, „ficken“…
Faber So spricht man halt, oder? Ich bin überrascht, dass das immer noch für Aufruhr sorgt. dass man heute mit sowas immer noch schockieren kann. Da hat man es in der Popmusik aber auch leicht. Was musst du wohl als Rapper sagen, um jemanden zu schockieren?

tip Du bist Schweizer mit sizilianischen Wurzeln. Woher kommt deine Liebe für Balkanmusik?
Faber Ich find’s mega, wie Balkanmusik es schafft, richtige Partymusik zu sein und dabei trotzdem tieftraurig. Das ist was, dass man ja eigent­lich in unseren Breitengraden als krassen Gegensatz empfindet. Balkanmusik klingt, als würde man jeden Tag seine größte Sehnsucht feiern. Und alles ist so überdramatisch. Das ist in Sizilien auch so. Das mag ich sehr.

tip Du bist in Zürich geboren und wohnst nach wie vor dort. Wie ist deine Beziehung zu Zürich?
Faber Ich habe viele gute Freunde dort, meine Fami­lie und meine Freundin wohnen da und ich möchte dort nicht weg. Es wird immer gleich angenommen, dass man nach Berlin will. Ich finde Berlin auch echt cool, aber ich glaube nicht, dass mir die Stadt so viel geben könnte, wie es meine Freunde tun. Zürich ist aber schon ein bisschen lame und einfach so teuer, dass man nicht viel unternehmen kann.

tip Eine große deutsche Tageszeitung schreibt, du klängst wie ein 50-Jähriger. Freut man sich über sowas?
Faber Ich nehm’s als Kompliment auf, aber es stimmt nicht. Sie meinen wohl einfach reife Musik mit vielen kontroversen Inhalten. Aber wenn das einzige, was heute als jung gilt, Bibis Beauty Palace ist – fuck – dann kling ich lieber alt.

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