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Berlinale 2020

Gespräch mit den neuen Berlinale-Chefs Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian

Sie treten in große Fußstapfen, ihr Vorgänger Dieter Kosslick war von 2001 bis 2019 Direktor der Berlinale, das Duo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian will jetzt einiges anders machen, aber nicht alles. Ein Gespräch über Stress, neue Spielorte, die Kunst der Programmauswahl, den Corona-Virus und die Premiere des neuen Pixar-Films

Foto: Alexander Janetzko/ Berlinale

Frau Rissenbeek, Herr Chatrian, fiel nach der Programmverkündung Ihrer ersten Berlinale der größte Druck von Ihnen ab? Oder steigt der Stress in den Tagen vor Beginn des Festivals erst so richtig?

Rissenbeek: Wir haben so viele Monate darauf hingearbeitet – und jetzt geht plötzlich alles extrem schnell. Ein ziemlich merkwürdiges Gefühl.

Chatrian: Aber vor allem freuen wir uns gerade auf den 20. Februar. Für mich ist das weniger Stress als Vorfreude. Schiefgehen kann immer noch etwas, doch das lässt sich ohnehin nicht ändern. Und genauso gibt es Dinge, die besser laufen könnten als gehofft. Hängt immer von der Perspektive ab.

Was waren denn in den vergangenen Monaten die größten Herausforderungen, denen Sie gegenüberstanden?

Rissenbeek: Ich kannte die Berlinale natürlich seit vielen Jahren, aber eben nicht die Innenperspektive. Und Carlo hatte bereits ein Festival als künstlerischer Leiter verantwortet, nur ist eben die Berlinale nicht unbedingt mit Locarno vergleichbar. Wir mussten also beide sehr viel Neues in recht kurzer Zeit lernen. Das allein war eine große Herausforderung, denn natürlich wollten wir für das Festival die bestmöglichen Entscheidungen treffen.

Aber es gab doch auch ganz konkrete Schwierigkeiten, die in den Griff bekommen werden mussten, vom Cinestar-Kino im Sony Center, das Ihnen als Spielort wegbrach, bis hin zu Sponsoren, die nicht mehr zur Verfügung standen…

Rissenbeek: Die Situation mit dem Cinestar war auf jeden Fall eine Herausforderung, denn es gehörte ja zu den Besonderheiten der Berlinale am Potsdamer Platz, dass es den Berlinale-Palast, zwei Multiplex-Kinos und den Gropius-Bau als Ort des European Film Markets alle in unmittelbarer Nachbarschaft gab. Das würden wir nirgends sonst in der Stadt so finden. Aber wir haben eine Lösung für dieses Problem gefunden. Mühsamer war das Thema „Magic Mike Live“…

… die neue Show, die seit Januar im Keller des Berlinale-Palast zu sehen ist…

Rissenbeek: Genau. Deren Erwartungen hätten anfangs kaum weiter von unseren entfernt sein können. Ich musste ihnen erst einmal vermitteln, was es bedeutet, wenn über ihren Köpfen täglich ein Festival stattfindet, mit drei roten Teppichen pro Tag und jeweils 1.600 Besucher*innen. Da gab es lange Zeit viele Probleme, die mir reichlich Kopfzerbrechen bereiteten. Wohingegen ich bei den Sponsoren eigentlich immer optimistisch war, dass wir Ersatz finden würden für die beiden, deren Verträge ausgelaufen waren.

Kommen wir mal auf den Wettbewerb zu sprechen. War die Arbeit an der Programmauswahl für Sie eine grundlegend andere als damals in Locarno, Herr Chatrian?

Chatrian: Die Arbeit war schon anders, nicht zuletzt aus ganz praktischen Gründen. Die Jahreszeit ist eine ganz andere, und natürlich ist der Biorhythmus im Winter nicht der gleiche. Das wirkt sich aus, wenn man den ganzen Tag Filme sichtet. Aber der größere Unterschied ist der, dass das Auswahlverfahren in Berlin eine sehr kollektive Angelegenheit ist, viel mehr noch als in Locarno. Nicht nur mit meinem neuen Team für die Wettbewerbsauswahl, sondern auch weil ich mich natürlich mit den Leitern der anderen Sektionen koordiniere. Das war ein reger Austausch, und ich hätte mir fast noch mehr Diskussionen gewünscht.

Im Wettbewerb sind erstaunlich viele Berlinale-Veteranen vertreten. Eine bewusste Entscheidung?

Chatrian: Warum erstaunlich?

Weil vielleicht auch eine deutlich radikalere Abkehr vom Bewährten vorstellbar gewesen wäre!

Chatrian: Mein Ziel war es aber nie, alles aus Prinzip anders zu machen. Und auch nicht, einzig meinem persönlichen Geschmack zu folgen. Die Auswahl ist das Ergebnis eines langen Prozesses, der damit beginnt, welche Filme meinem Team und mir überhaupt zur Verfügung stehen. Wir sind mit größtmöglicher Offenheit an die Sache herangegangen, und ob ein Regisseur oder eine Regisseurin schon früher Gast in Berlin war, spielte für mich keine Rolle. Entscheidend war für mich, dass jeder der 18 Filme einzeln für sich stehen kann, aber auch im Kontext des Wettbewerbs funktioniert. Ob sich irgendwer am Ende mehr darüber freut, dass Philippe Garrel zum ersten Mal im Wettbewerb läuft, oder darüber dass Sally Potter bereits das vierte Mal um den Bären konkurriert, ist für mich nicht relevant. Was zählt, ist die Qualität der Filme.

Gleichzeitig haben große Events wie die Berlinale auch eine symbolische Strahlkraft, weshalb heutzutage stets auch Fragen gestellt werden nach der Zahl der im Wettbewerb vertreten Frauen, Diversität und ähnlichen Themen. Sehen Sie darin eine Verantwortung für das Festival?

Chatrian: Diese Themen sind relevant für die Welt, in der wir leben, und damit auch für die Berlinale. Das Bewusstsein dafür, dass bestimmte Künstler*innen es schwerer haben wahrgenommen zu werden als andere, ist enorm gestiegen, und das ist wichtig. Gleichzeitig versuchen wir in der Programmauswahl, uns einzig auf den Film selbst zu konzentrieren. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns, und ohne Frage ist da noch Luft nach oben. Wir haben noch kein Verhältnis 50:50 im Wettbewerb, was Männer und Frauen angeht, und es gibt viele Länder und ganze Kontinente, die unterrepräsentiert sind. Daran müssen wir arbeiten, nicht zuletzt im Vorfeld, in der Recherche, im Aufspüren der Filme. Und es muss mehr Initiativen geben wie den World Cinema Fund, der dabei hilft, Filme zu finanzieren in Ländern, wo Regisseur*innen sonst kaum Chancen haben. Trotzdem bleibe ich natürlich dabei, dass wir nicht einen Film einladen werden, der uns gar nicht gefällt, nur weil er gewisse Kriterien erfüllt.

Rissenbeek: Auch die Berlinale Talents sollten übrigens nicht unerwähnt bleiben, wo ja auch gerade Filmemacher*innen aus solchen Ländern viele Möglichkeiten eröffnet werden.

Ein anderes großes Thema dieser Tage ist die Nachhaltigkeit. Was tut die Berlinale in diesem Jahr, um noch grüner zu werden?

Rissenbeek: Wir arbeiten eng mit Engagement Global zusammen, um das Festival nachhaltiger zu machen  und das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Filmbranche zu befördern. Dazu werden wir in den Potsdamer Platz Arkaden eine Präsentation zu den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen machen. Dank Engagement Global sind auch die roten Teppiche vor vielen Kinos schon seit letztem Jahr aus recycelten Materialien hergestellt. Auch die Initiative „bring your own cup“ gibt es wieder, um Wegwerfbecher zu vermeiden. Und den Papierverbrauch haben wir dieses Jahr nochmals reduziert.

Apropos roter Teppich: In den vergangenen Jahren beschwerte die Presse sich oft, es würden zu wenig große Stars und Hollywood-Filme nach Berlin kommen. Das dürfte in diesem Jahr kaum anders werden, oder?

Chatrian: Natürlich gehören Glanz und Glitzer untrennbar zum Kino dazu. Nicht umsonst haben wir einen glänzenden Bären als Logo! Gleichzeitig wächst aber auch das Bewusstsein, dass Glamour nicht alles ist. Und gerade hier in Berlin habe ich ganz stark den Eindruck, dass die Menschen auch andere Themen umtreiben als Stars auf dem roten Teppich.

„Onward: Keine halben Sachen“, Foto: Pixar/ Disney

Aber konkret nachgefragt mit Blick auf große US-Produktionen: Haben Sie den Eindruck, dass man sich in Hollywood noch für die Berlinale interessiert?

Chatrian: Ich war zweimal in Los Angeles und einmal in New York und habe mich mit allen großen Studios und Produktionsfirmen getroffen. Die befinden sich ja gerade in ungewöhnlichen Zeiten: Vieles, was früher erfolgreich war, funktioniert heute nicht mehr oder wird erst gar nicht mehr produziert. Aber überall wurde mir versichert, dass Filmfestivals und die Berlinale nach wie vor wichtig sind. Und dass Disney unbedingt wollte, dass die internationale Premiere des neuen Pixar-Films „Onward“ bei uns stattfindet, bestätigt diese Relevanz.

Zum Abschluss noch eine ganz praktische Frage mit Blick auf das grassierende Corona-Virus. Wie werden Sie während des Festivals mit dem Thema umgehen?

Rissenbeek: Wir werden natürlich alle Besucher und Gäste instruieren, was zu tun ist, wenn jemand eine Infektion befürchtet, bei sich oder anderen. Außerdem stehen wir in Verbindung mit dem Robert-Koch-Institut und dem Gesundheitsamt und verfolgen die Entwicklung der Lage.

Chatrian: Aufgrund der Reisebeschränkungen in China können wir leider zum jetzigen Zeitpunkt auch noch gar nicht sagen, ob unsere Filmteams aus China überhaupt nach Berlin kommen können.

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