Theater und Politik

„Wir sind die wahre Alternative für Deutschland“ – Gespräch mit der Gorki-Intendantin Shermin Langhoff

Shermin Langhoff, die Intendantin des Maxim Gorki Theater, im Gespräch über Drohungen der AfD, überholte Narrative, die Radikalen Jüdischen Kulturtage und den 3. Berliner Herbstsalon


Foto: Ute Langkafel/ MAIFOTO

Shermin Langhoff wurde 1969 in der Türkei geboren und zog 1978 mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie wuchs in Nürnberg auf und kam nach Stationen im Verlagswesen und Film zum Theater. Sie leitete das Ballhaus Naunynstraße, seit 2012 ist sie Intendantin des Maxim Gorki Theaters, das 2014 und 2016 zum Theater des Jahres gewählt wurde

tip Die AfD hat gefordert, dass dem Maxim Gorki Theater Geld gestrichen werden soll. Haben Sie diesen Angriff erwartet?
Shermin Langhoff Das war durchaus abzusehen, Angriffe auf das Gorki von rechten bis hin zu identitären Kreisen sind seit über zwei Jahren virulent. Zuletzt hat der kulturpolitische Sprecher der AfD Tillschneider klargemacht, dass das ­Gorki mit seiner „linksliberalen Vielfaltsideologie“ keine Förderung verdient und am besten abgeschafft werden sollte.

tip Wie gehen Sie mit dieser Drohkulisse um, auch dass die AfD jetzt mit 12,6 Prozent im Bundestag vertreten ist?
Shermin Langhoff Die akute Drohkulisse für mich ist, ­solange die AfD „lediglich“ Opposition in diesem Land ist, dass auch nach fünf Jahren erfolgreicher Arbeit das Gorki immer noch nur einen Bruchteil der künstlerischen Mittel und Ressourcen haben, die anderen großen Berliner Bühnen zur Verfügung stehen. Ich weiß teilweise nicht, wie ich hier die ­Schauspieler und Regisseure langfristig halten kann. Deshalb habe ich aktuell eher Fragen an die anderen Parteien, die derzeit über die Budgets entscheiden. Aber natürlich frage ich mich schon, wie die demokratischen Kräfte in diesem Land mit solchen Forderungen der AfD umgehen werden. Unsere Arbeit setzen wir aber ungebremst fort, denn mit unserem Konzept einer ­radikal diversen Gesellschaft sind wir die wahre Alternative für Deutschland.

tip Lässt sich das Gorki-Projekt „Radikale Jüdische Kulturtage“ als ein Politikum ­angesichts der erstarkenden rechtspopulistischen Trends verstehen?
Shermin Langhoff Wenn Sie sich die Versuche von Rechts der Aneignung jüdischer Kultur anschauen, ist das schon so. Da werden Konstruktionen von judeo-christlicher Kulturgemeinschaft und Geschichte beschworen, um damit einen ­antiislamischen Rassismus zu rechtfertigen. Das geschieht auch in der Mitte und in rechtskonservativen Kreisen, die nicht als rechts­radikal zu beschreiben sind. Auf diese Narration setzt auch die AfD, die sich im Kultur­ausschuss als Förderer des jüdischen Theaters präsentiert, um dann die „guten ­Juden“ gegen die „schlechten Anderen“ auszuspielen.

tip Wie gehen Sie mit der Problematik konkret um und weshalb ist die jüdische Kultur in Ihrer Auslegung radikal?
Shermin Langhoff Wir versuchen, Berlin kulturhistorisch zu denken: die Stadt, ihre ganze Geschichte ­wurde durch Diversität geprägt, so muss man etwa die Berliner Aufklärung auch als eine jüdische Aufklärung lesen. Diese Spanne ist wichtig, auch um mit den aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft produktiv umzugehen. Die „Radikalen Jüdischen Kulturtage“ suchen dafür auch nach neuen Allianzen in Zeiten erstarkender rechtspopulistischer und neofaschistischer Bewegungen. Das ist ein emanzipatorischer Prozess, auch weil dieses Festival die tradierten Narrationen, wie jüdische Kultur in Deutschland funktioniert, weiterdenkt. Denn nach wie vor kommen Juden in Deutschland vor allem vor, wenn es um Antisemitismus oder den Holocaust geht.

tip Und das wollen Sie nicht mehr?
Shermin Langhoff Das ist das Selbstverständliche. Die „Radikalen Jüdischen Kulturtage“ ­wollen aber mehr. Max Czollek und Sasha Marianna Salzmann, die Kuratoren, formulierten den Begriff Desintegration bereits im vergangenen Jahr bei dem Desintegrationskongress am Gorki. Dies geschah auch im Zusammenhang mit der Zuwanderung von Juden in den letzten 15 Jahren. Aus dieser, in sich sehr heterogenen Community von über 30.000 Menschen, das sogenannte Spree-Aviv, gibt es eine ganz klare emanzipatorische Haltung. Dafür stehen in Berlin lebende Künstler aus Israel wie die Autorin Sivan Ben Yishai.Die neu zugewanderten Juden verweigern sich Reduzierungen und Zuschreibungen und lassen sich nicht zum „Juden für Deutsche “machen, wie es Max und Sascha formuliert haben. Denn neben der unabdingbaren ­Erinnerungsarbeit existiert auch die Möglichkeit,eine jüdische Erzählung in Deutschland fortzuschreiben.

tip Der Name Ihres Festivals erinnert sicherlich nicht zufällig an die ­„Jüdischen Kulturtage“, die ungefähr zeitgleich in Berlin stattfinden werden und zwar bereits zum 30. Mal. Verstehen sie sich als Gegenposition?
Shermin Langhoff Die Zeitgleichheit ist tatsächlich ein Zufall, wir haben die „Radikalen Jüdischen Kulturtage“ immer im Zusammenhang mit dem Herbstsalon gedacht, der am 11. November beginnt und bei dem sie der Prolog sind. Die Gleichzeitigkeit zu den „Jüdischen Kulturtagen“ zeigt aber auch die Vielfalt in der jüdischen Community und im besten Fall ist es eben auch ein Weiterschreiben aus dem richtigen und wichtigen Erinnern heraus. Es ist kein Gegen, sondern ein sich Weiterbewegen.

tip Der Herbstsalon steht unter dem Thema „Desintegriert Euch!“ Können Sie diesen Aufruf erläutern?
Shermin Langhoff Den Herbstsalon gibt es jetzt zum dritten Mal. Die erste Ausgabe hat sich vorwiegend mit der Historie von Berlin befasst, wobei seitdem die Themen gleich geblieben sind, das ist eine Hinterfragung von Nation, Identität und Zuge­hörigkeit. Der zweite Herbstsalon verlagerte den Fokus auf die Gegenwart und fragte vor dem Hintergrund neuer Zuwanderung: In welcher Stadt komme ich an, wenn ich als ­Geflüchteter nach Berlin komme? Der dritte Herbstsalon jetzt behandelt zukünftige Fragen, Visionen und Allianzen. Dafür müssen wir uns aus vorgegebenen Zusammenhängen desintegrieren. Das erinnert mich an frühere Interventionen mit Kanak Attack, einem Netzwerk, das sich im Nachhall von Rostock-Lichtenhagen, ­Solingen und Mölln gründetete, als wir begriffen, dass es in diesem Deutschland wieder möglich ist, Menschen und Häuser anzuzünden. Damals wie heute gibt es tagtäglich rechtsextreme, rassistische Übergriffe, auf die mit großen Integrationskampagnen reagiert wird, die sich an die „Opfer“ richten, anstatt über die rechtsextremen Täter in dieser Gesellschaft zu debattieren. Bereits 2001 bei einer unserer Interventionen in der Volksbühne prankte in großen Lettern „No Integration“ auf dem Gebäude.

tip Man soll sich also nicht Integrieren?
Shermin Langhoff Mit „No Integration“ überschrieben wir ­damals die jahrzehntealte Forderung nach Integration, die uns verkauft wurde als eine individuell zu erbringende Leistung, als Kniefall vor der „Leitkultur“. Als Integrierter bist du aber nur integriert und nicht auf Augenhöhe. Das ist heute leider auch noch so. Spätestens seit 2015 ist Integration wieder das Schlagwort schlechthin, und es fragt sich immer noch, in was überhaupt – und warum?. Verstärkt hat diesen Impuls – neben gesellschaftlichen Realitäten wie der NSU – der Desintegrationskongress, bei dem Zuschreibungen abgelehnt wurden und man sagte: Ich konstruiere mich selber, ich bin ein Individuum und muss dafür keine Zugehörigkeiten ablegen, sondern schreibe meine Geschichte selber fort. Auch wenn wir von so manch einem als Vorzeigemodell für Integration bezeichnet werden, machen wir Kunst und bleiben selbstkritisch, fragen uns, welche ­Geschichten wir erzählen und wie wir diese in die Stadt hineintragen.

tip Wie tragen Sie denn konkret solche Fragen im Rahmen des Herbst­salons in die Stadt hinein?
Shermin Langhoff Der Herbstsalon ist eine programmatische Verdichtung und lädt zur Reflexion, Kritik und Selbstkritik ein. Wir können, bis auf die Bühnenstücke, zum freien Eintritt diese Auseinandersetzung für die Berliner*innen ­ermöglichen, in Performances, Aktionen, Kunst im Stadtraum und bei Gesprächen. Das reicht von einem Bürgerforum, das nach ­einem Konzept funktioniert, das wir in Dresden erlebt haben, bis zur Zusammenarbeit mit polnischen Künstlerinnen wie Marta Górnicka, wo die Themen angesichts der politischen Situation auf der Hand liegen. Das Monument von Manaf Halbouni am Brandenburger Tor auf dem Platz des 18. März, der an die Barrikadenkämpfe 1848 erinnert, sind drei vertikal errichtete Busse, die in Dresden vor der Frauenkirche aufgestellt waren und auf die Straßenbarrikaden gegen Scharfschützen in Syrien aufmerksam machen – sie verbinden den aktuellen Krieg in Aleppo mit Berlin. Die Künstlerin Banu Cennetoğlu, die auch bei der documenta vertreten war, veröffentlicht gemeinsam mit einer NGO Daten zu 33.293 im Mittelmeer zu Tode gekommenen Geflüchteten an Berliner Litfaßsäulen und in einer eigenen Publikation.

tip Flucht, Krieg, Vertreibung auf der einen Seite, Rechtspopulismus auf der anderen. Global betrachtet sieht es recht düster aus. Wie blicken Sie in die Zukunft?
Shermin Langhoff Spree Aviv steht auch dafür, dass es ein Wissen um ein Ende davon gibt. Heute leben junge Juden hier in dieser Stadt, was ihre Großeltern und Eltern nicht für möglich gehalten hätten. Dieses Wissen um ein Ende hat aber auch ­damit zu tun, wie viele Bestrebungen es von uns, die den rechtsnationalistischen Ideologien nicht verfallen sind, gibt, andere Entwürfe und Visionen zu produzieren. Diese Produktion begreife ich als meinen Auftrag als Theatermacherin in einer Stadt, in der sehr viele Menschen leben, die ganz sicher nicht von einer AfD regiert werden wollen.

Interview Stefanie Dörre und Jacek Slaski

 

Radikale Jüdische Kulturtage
Wie kann jüdische Kultur heute in Deutschland bedeuten? Ausgehend von dieser Frage positionieren sich Künstler in Performances, Aktionen, Diskussionen und Konzerten. Zu den Programm-Highlights gehören Sivan Ben Yishais „Juden-­Monologe“, in denen sich die in Berlin lebende israelische Künstlerin mit Identität und Diaspora beschäftigt. Marina Frenk würdigt in „The Animal Show“ die Ausnahmekünstlerin Valeska Gert, und der Jiddisch-Punk Daniel Kahn lässt es mit seiner Band The Painted Bird krachen.

Gorki/Studio R, Am Festungsgraben 2, Mitte, 2.–12.11.

3. Berliner Herbstsalon
Die dritte Ausgabe des von Shermin Langhoff und ihrem Team kuratierten Herbstsalons ist die bislang umfangreichste. Rund 100 bildende und darstellende Künstler setzen sich unter dem Motto „Desintegriert Euch!“ mit den drei Herbstsalon-Kernthemen Nation, Identität und Zugehörigkeit auseinander. Die Säulen des zweiwöchigen Programms sind Kunst, Performance und Diskurs. Bis auf die Bühnenstücke ist der Eintritt zu allen Veranstaltungen frei. Neben dem Gorki werden auch das Kronprinzenpalais und das Palais am Festungsgraben sowie der Stadtraum, so der Platz vor dem Brandenburger Tor bespielt.

Gorki, Kronprinzenpalais, Palais am Festungsgraben und Stadtraum, 11.–26.11., www.gorki.de

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