Amerikanische Schriftstellerin in Berlin

Gespräch mit der US-Autorin Molly Antopol

„Ich liebe diese Stadt“ – Molly Antopol gastiert bis zum Sommer an der American Academy. Ein Gespräch über Berlin, Trump und ihr Gefühl, nirgendwo zuhause zu sein

Foto: Chanan Tigay

tip Molly Antopol, Sie schreiben hier in Berlin gerade an Ihrem neuen Buch „The After Party“. Können Sie schon darüber reden?
Molly Antopol Das ist schwierig. Ich bin etwas abergläubisch und habe Angst, dass noch etwas schiefgeht, wenn ich darüber rede. Aber ich kann sagen, dass mein Roman in den USA und Europa zur Zeit des Kalten Krieges spielt.

tip Von der Rückkehr des Kalten Krieges wird ja gerade sehr oft geredet. Ein Zufall, dass Ihr neuer Roman in dieser Zeit spielt?
Molly Antopol Das ist tatsächlich Zufall. Ich habe die Arbeit am Roman bereits vor vielen Jahren aufgenommen. Verrückt ist, dass auch bei mir eine Wahl eine wichtige Rolle spielt, nach der sich die politischen Beziehungen stark verändern. Ich konnte mir beim Schreiben nicht ansatzweise vorstellen, dass dieses Szenario so schnell Wirklichkeit werden könnte.

tip Wie schwer fällt es Ihnen, angesichts von Präsident Trump selbstbewusst Amerikanerin zu sein?
Molly Antopol Ich schäme ich mich für diesen Präsidenten. Trump ist ein narzisstischer Soziopath. Es gibt absolut nichts, was man an seiner Wahl positiv sehen kann.

tip Wie erklären Sie sich seine Wahl?
Molly Antopol Es geht ein enormer Riss durch die amerikanische Gesellschaft. Trumps Kampagne bediente sich der Angst und Wut vieler Amerikaner. Trump hat den Leuten einfach alles Mögliche versprochen, ohne auch nur den Ansatz einer Idee zu haben, wie das Ganze funktioniert. Für mich hat sich das angefühlt, als würde ein Teenager als Schülersprecher kandidieren und versprechen, dass es künftig keine Hausaufgaben, aber Cheeseburger und Schokoriegel für alle geben werde.

tip Wird man diesen Geist des Populismus jemals zurück in seine Flasche bekommen?
Molly Antopol Ich hoffe es, habe aber auch Angst davor, sollte es nicht gelingen. Mut macht mir, dass die Menschen in den USA, die ich kenne, sich plötzlich für Politik interessieren. Meine Nichten und Neffen, die noch nicht wählen dürfen, wissen Dinge über das politische System in den USA, von denen ich in dem Alter keine Ahnung hatte. Die Menschen setzen sich gegen Trumps Politik zur Wehr. Das gibt mir Hoffnung.

tip Sprechen wir über Ihre 2015 bei Hanser Berlin erschienenen Erzählungen. Was steckt hinter dem Titel „Die Unamerikanischen“?
Molly Antopol Als ich über den Titel nachgedacht habe, war die offensichtlichste Parallele in den Geschichten die zur McCarthy-Ära und dem Komitee für unamerikanische Umtriebe. Mich hat bei den Erzählungen aber auch generell interessiert, was „amerikanisch sein“ für die junge Generation der Israelis heißen könnte, die jeden Tag mit dem komplizierten und besonderen Verhältnis zwischen den USA und Israel konfrontiert sind. Und ich habe überlegt, was es für die Menschen, die während oder nach dem Krieg aus Osteuropa in die USA geflohen sind, bedeutet, amerikanisch zu sein. Sie alle sind in der Hoffnung gekommen, in Amerika eine neue Heimat zu finden. Behandelt werden sie aber wie alle möglichen Menschen, nur nicht wie Amerikaner.

tip Fühlen Sie sich denn selbst als Amerikanerin? Oder eher als Europäerin oder Israeli?
Molly Antopol Ich bin in den USA geboren und eine amerikanische Staatsbürgerin. Aber es gibt für mich nicht diesen einen Ort in der Welt, an dem ich mich vollkommen wohl fühle. Meine Vorfahren kommen aus Osteuropa,  ich verbringe viel Zeit in Israel. In den letzten drei Jahren war ich viel in Europa unterwegs. Gewissermaßen fühle ich mich an vielen Orten der Welt wohl, aber nirgendwo so richtig zuhause.

tip Berlin hat eine dunkle Geschichte. Ist es für Sie als jüdische Amerikanerin schwierig, hier zu sein?
Molly Antopol Ich liebe diese Stadt. Es fühlt sich gut an, hier zu sein. Ich überlege, herzuziehen. Mein Eindruck ist, dass es eine wunderbare Stadt für Künstler ist, man spürt eine unglaubliche Energie. Ich kenne außerdem niemanden, der in diesem Land derzeit nicht einen der letzten fortschrittlichen Orte der Welt sieht. Alle Augen richten sich derzeit auf Berlin, hier brennt gewissermaßen das Leuchtfeuer der Hoffnung.

Lesung aus „The After Party“ English Theatre Berlin, Fidicinstr. 40, Kreuzberg, Mi 10.5., 20 Uhr, Eintritt 8 €

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