Avantgarde-Rock

„Moralische Fäulnis!“ – Gespräch mit Ezra Furman

Ezra Furman, queer und jüdisch, hat ein Konzeptalbum darüber gemacht, wie es sich anfühlt, auf der Flucht zu sein, heimgesucht von blutleckenden Kreaturen: „Transangelic Exodus“. Wir haben mit ihm über den unheimlichen Roadtrip gesprochen – und darüber, wieso der Rapper Kendrick Lamar ein Vorbild ist

Foto: Jason Simmons

tip Schälen Sie wirklich jeden Morgen Orangen, wie es in einem neuen Song heißt?
Ezra Furman Vielleicht nicht jeden Morgen. Aber ich liebe Orangen. Dafür bin ich in meinem Freundeskreis bekannt. Dass ich die ganze Zeit Orangen mit mir rumschleppe und esse.

tip Es gibt also viele autobiografische Verweise in Ihrem Roman.
Ezra Furman Haben Sie eben „Roman“ gesagt?

tip Ihr Album „Transangelic Exodus“ hat doch etwas von einem Roman.
Ezra Furman Hm. Ja, es ist Fiktion. Aber eben auch bekenntnishaft.

tip Der Titel „Transangelic Exodus“ verweist ja schon auf drei zentrale Themen: Transformation. Spiritualität. Flucht. Flucht als Akt, Freiheit zu erlangen.
Ezra Furman Es liegt etwas Erhabenes darin, wenn man aus der Struktur ausbricht. Ins große Unbekannte. Aber auch diese Freiheit ist nicht immer von der guten Sorte. Diese Freiheit geht einher mit Risiken, Ängsten, Gefahren.

tip Der Engel ist bei Ihnen ein Leitmotiv für ein transformiertes Wesen, das verstoßen wird. Aus Angst und Unverständnis.
Ezra Furman Nun ja.

tip Sie müssen nicht zustimmen.
Ezra Furman Ich vertraue dem Hörer. Und Sie, der Hörer, sollten sich selbst vertrauen. Ich werde nicht viel Licht auf die Sache werfen. Aber ich verrate Ihnen gerne, dass der Engel auf der Platte in Gefahr ist – seines ­Körpers wegen. Ich habe dazu eine ganze Backstory mit Erklärungen verfasst. Und das meiste davon habe ich aus dem Album wieder herausgeschnitten. Ich habe ein paar Geheimtunnel gegraben, die Sie erkunden dürfen.

tip Sie haben „Giovannis Zimmer“ als Einfluss genannt, den 1956er Roman des schwulen, schwarzen Schriftstellers James Baldwin.
Ezra Furman Ja, aber nicht nur für diese Platte, sondern insgesamt für mich als Mensch. Der Erzähler macht diese Erfahrungen mit einem anderen Jungen. Und das prägt ihn ein Leben lang. Diese Queerness, derentwegen man ihn ausgrenzt. Der letzte Song der Platte, „I lost My Innocence“, wurde davon aber besonders stark inspiriert.

tip Dort singen Sie – oder das lyrische Ich – davon, die Unschuld mit einem Jungen namens Vincent verloren zu haben.
Ezra Furman Die Unschuld verlieren bedeutet in meinem Song, dass es einen befreit, zu merken, dass man queer ist. Dass man ein findiges Wesen ist, das die Leute nicht zu fassen kriegen. Doch wenn man den vorgefahrenen Weg verlässt und etwas tut, das nicht sozial gebilligt wird, begibt man sich auf ein offenes Feld. Und das kann auch Angst machen, steht man doch zum Abschuss frei. So fühlt es sich für mich an.

tip „Unschuld“ ist ja schon ein wertender Begriff, definiert von denen, die die Macht halten. Justiz. Religion.
Ezra Furman Absolut. Und die Art, wie ich den Begriff verwende, ist nicht frei von Ironie.

tip Dieser letzte Song hat mich stark überrascht. Da das Album ja als Roadtrip angelegt ist, würde man vermuten, dass am Ende ein Ankommen steht.
Ezra Furman Und stattdessen endet es mit einem Flashback. Es gibt keine Ankunft. Keine Chance, die Reise zu beenden. Im Grund hat das Album aber auch keinen Anfang. Die erste Zeile lautet: „Ich bin blutend aufgewacht.“ Wir beginnen in medias res, in eine Situation geworfen, die nicht ganz überschaubar ist. Und so fühlt sich das Leben für mich an. Wenn ich einen Roman schreiben würde, gäbe es so was wie Einleitung, Klimax und Ende sicher nicht. Das Charakterisieren der Innenwelt – das liegt mir eher als das Fortschreiben von Ereignissen. Obwohl! Ich bin ganz stolz auf diesen Song „Love You So Bad“, der einen narrativen Bogen schlägt. Von der Kindheit zum Erwachsensein. The arc of a love affair.

tip Moment, das stammt doch von Paul Simon.
Ezra Furman Stimmt, das habe ich eben von seinem Song „Hearts and Bones“ geklaut. (lacht) Guter Song! Weniger bekannt, aber richtig gut.

tip Als musikalische Vorbilder nennen Sie auch Vampire Weekend und Kendrick ­Lamar. Wieso das? Klanglich gibt es erstmal wenig Gemeinsamkeit mit Ihren Sachen. Auch wenn Sie, wie Kendrick, einen Effekt des Empowerment erzielen.
Ezra Furman Nun ja, Kendrick Lamar ist ein Rapper. Ich rappe nicht wirklich. Ich bin eher ein Sänger. Aber, ich meine, Mann, diese Kendrick-Platte „To Pimp a Butterfly“! Als die rauskam, war ich so wahnsinnig froh, am Leben zu sein. Eine der aufregendsten Platten, die ich je gehört habe. Ich war sehr verblüfft von dieser fluiden Struktur einiger Tracks: Sie bewegen sich sehr frei von Stimmung zu Stimmung. So als gäbe es innerhalb dieser Songs noch multiple Sub-Songs. Nach dieser Platte war mir klar, dass ich nicht weiter Musik machen kann auf die Art, wie Bands es taten, als im Studio nur vier Spuren zur Verfügung standen.

tip Sie klingen experimenteller als früher. Das passt zur unheimlichen Grundstimmung Ihrer neuen Platte.
Ezra Furman Ja. Es fällt einem schwerer, zu wissen, woran man ist, wenn man es hört. Ehrlich gesagt fallen mir keine anderen Bands ein, die so klingen. Das finde ich aufregend.

tip War das Ihr Ziel, so zu klingen wie niemand zuvor?
Ezra Furman (überlegt lange) Ich glaube, wenn etwas sehr nach einer anderen Band klingt, ist es weniger interessant. Doch offensichtlich hat die Platte eben doch ein bisschen was gemeinsam mit anderen. Ich finde sogar, dass sie viele Gemeinsamkeiten hat mit der letzten von Vampire Weekend.

tip Ähm. Wie bitte?!
Ezra Furman Vielleicht auch nicht. Aber ich habe mich davon stark beeinflusst gefühlt – damit, eine große Spannbreite wunderbar aufgenommener natürlicher Instrumente drauf zu haben. Dann aber auch immer wieder einzelne Spuren fallen zu lassen und die nächste überraschend aufzudrehen.

tip Lassen Sie uns noch über die Suche nach Safer Spaces sprechen. Dafür ist der Road-trip Ihrer Platte doch wohl eine groß angelegte Metapher.
Ezra Furman Das beschäftigt mich seit einiger Zeit. (Überlegt lange) Ich fühle mich in letzter Zeit weniger sicher. Und ich glaube, das hängt mit dem politischen Tumult zusammen. Menschen fühlen sich bedroht durch diesen Anstieg der Weißen Suprematie, dem Fakt, dass sie Land gewinnt. Menschen fliehen vor Gewalt, vor Terror. Diese Mentalität à la „Wir müssen diesen Leuten den Riegel vorschieben“ – ich weiß nicht einmal, worauf sie gründet. Diese Menschen sind in Gefahr und brauchen jemanden, der sie willkommen heißt. Dass dies nur unzureichend geschieht und Flüchtlinge auch noch stigmatisiert werden, ist Zeichen einer Fäulnis der Moral. Das ist ein basismoralischer Imperativ, sich zu kümmern, wenn einer schwach ist und verletzlich und bedroht. In diesem Kontext möchte ich die Platte gern verstanden wissen. Wachsende Sorglosigkeit, Fahrlässigkeit. Und was passiert, wenn ich irgendwann derjenige bin, der Schutz sucht? Was ist dann?

tip Transphobie ist ein gigantisches Problem, weltweit.
Ezra Furman Transmenschen werden an vielen Orten umgebracht. An anderen verlieren sie „nur“ ihren Job. Sie werden infrage gestellt, mit Schwierigkeiten konfrontiert. Und, ja, einige dieser Schwierigkeiten betreffen auch mich. Andere wiederum nicht. Ich lebe in liberalen Städten. Mal fühle ich mich sicher. Dann hört man von Menschen, die angegriffen oder ermordet werden. Dann ruft mir jemand auf der Straße was Schreckliches hinterher, und ich denke: So fängt es also an.

tip Menschen beschimpfen Sie?
Ezra Furman Oh ja. Manche schreien mich an. Respektlos. Manchmal gruselig.

tip Andererseits ist Sichtbarkeit von Queers so wichtig. Um die Gesellschaft zum Besseren zu wenden.
Ezra Furman Sicher, ja. Ja. Das stimmt schon. Sichtbarkeit ist wichtig, aber Sicherheit auch. Manche denken: „Hey, was ist das für eine tolle Gesellschaft, die Menschen akzeptiert, die gender non-conforming sind?“ – und vergessen dabei, diese Menschen zu beschützen, wenn es ­darauf ankommt. Leute sagen mir in ihrem Optimismus: „Mach weiter so, wir brauchen das“. Aber der Grund, warum es gebraucht wird, sind doch die Lawinen an Negativität gegenüber Transmenschen und anderen Queeren. An jedem verdammten Tag.

Festsaal Kreuzberg Am Flutgraben 2, Treptow, Do 15.2., 20 Uhr, Eintritt 19,80 €

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