Schaubühne

Gespräch mit Jörg Hartmann

INTERVIEW
„Und dann wirst du fertig gemacht“ – Der Schauspieler Jörg Hartmann über Rassismus und Hateposts, fiese Rollen und seine Rückkehr ins Ensemble der Schaubühne mit der Premiere von „Professor Bernhardi“

Foto: Stefan Klueter
Foto: Stefan Klueter

Der 1969 geborene Schauspieler Jörg Hartmann hat ein Händchen für die düsteren Gestalten. Bei Thomas Ostermeier in der Frühphase der neuen Schaubühne als Ibsen-Darsteller gereift, machte der gebürtige Westfale später im Fernsehen Karriere, unter anderem als Stasi-Unsympath Kupfer in der Serie „Weissensee“ sowie im Dortmunder „Tatort“ als einzelgängerischer Kommissar Faber. Bei seiner Rückkehr an die Schaubühne verkörpert er den auch nicht immer umgänglichen Medizin-Star Bernhardi, der in dem 1912 uraufgeführten Drama von Arthur Schnitzler einer Hetzkampagne zum Opfer fällt, die verblüffende Parallelen zu heutigen Hasskaskaden in den sozialen Medien aufweist.

tip Herr Hartmann, Ihr Dortmunder „Tatort“-Kommissar Peter Faber ist ein ziemlich durchgeknallter Charakter, kein Mensch, den man gerne zum Kollegen haben würde. Auch die Figur des Stasi-Offiziers Kupfer aus der ARD-Serie „Weissensee“ hat ziemlich unsympathische Züge. Wie viel Spaß macht es, Arschlöcher zu spielen?
Jörg Hartmann Ich sehe beide Figuren nicht als Arschlöcher, und ich kann auch keine Arschlöcher spielen, da ich meine Figuren mögen muss. Aber natürlich habe ich den Wunsch, noch in ganz andere Richtungen zu spielen. Allerdings gibt es dieses Denken bei den Entscheidungsträgern: Das kann er, das hat er gezeigt, da besetzen wir ihn wieder so. Immerhin kommt bald der Film „Die vermisste Frau“ heraus, in dem ich vielleicht auch nicht auf den ersten Blick sympathisch bin – der Charakter versucht, seine Frau umbringen zu lassen – aber es ist eine Komödie. Da kann ich auch mal andere Facetten zeigen.

tip Die Titelrolle in „Professor Bernhardi“, mit der Sie jetzt an die Schaubühne zurückkehren, ist aber auch wieder eine ambivalente Figur. Was reizt sie an dieser Rolle?
Jörg Hartmann Sehr viel, mich reizt das ganze Thema, denn das wird leider wieder immer aktueller: Rassismus und Antisemitismus. Im Grunde geht es hier um einen Menschen, der versucht, in politisch erregten Zeiten unpolitisch zu sein. Er folgt nur seiner Ethik als Arzt, wird dabei aber von vielen missbraucht, die ihr eigenes Süppchen kochen. Von seinen Feinden natürlich, aber auch seine Freunde versuchen, ihn vor ihren Karren zu spannen.

tip Und er findet sich im Zentrum einer Kampagne wieder, die fatal an heutige Hasskampagnen erinnert. Auch in „Prof. Bernhardi“ werden Fakten so weit verbogen und verdreht, dass die Wahrheit auf der Strecke bleibt.
Jörg Hartmann Ja, das ist das Verrückte schon beim Lesen dieses alten Stücks: Man denkt die ganze Zeit, das kennt man doch aus den Neuen Medien! Es wird verdreht, missbraucht und etwas daraus gesponnen, um dich fertigzumachen. Das ist ja ein großes Problem heutzutage. In den Echo-Blasen der Internets bekommst du nur das gespiegelt, was du hören willst. Andererseits wird von anderen etwas, was du gesagt oder auch nicht gesagt hast, auf die Goldwaage gelegt – und dann wirst du deswegen fertig gemacht.

tip Gerade Prominente sind gerne mal im Fokus solcher Hateposts. Haben Sie das auch schon erleben müssen?
Jörg Hartmann Ich wurde einmal bei einem Interview zum „Tatort“ gefragt, wovor ich Angst hätte. Ich sagte, mir macht Angst, was gerade auf diesem Planeten passiert: Die Dummheit der Menschen macht mir Angst. Darauf gab es ganz heftige Leserreaktionen, ich wurde massiv angefeindet, es schimmerte durch, dass das aus dem AfD-Umfeld kam. Das reichte von „Dieser Schauspieler soll die Klappe halten!“ über „Du bist selbst die dümmste Sau“ und landete plötzlich bei Merkel und den Flüchtlingen. Diese Reaktionen waren erschreckend und ich dachte: Freunde, wo geht das hin?

tip Die Schaubühne war in der Vergangenheit auch schon Anfeindungen durch die AfD ausgesetzt, bis hin zu Einstweiligen Verfügungen gegen das Pegida-kritische Stück „Fear“ und Morddrohungen gegen dessen Autor Falk Richter. Sitzt jetzt ein Schaubühnen-Anwalt bei Ihren Proben gleich mit dabei?
Jörg Hartmann Nein, das nicht. Und wir haben das Stück schon etwas aktualisiert, weg von Wien und der K.u.K.-Monarchie. Wo im Original zum Beispiel von Nationalkonservativen die Rede ist, sprechen wir jetzt von „Populisten“.

tip Wie hat Thomas Ostermeier Sie dazu überredet, wieder fest zurück ins Ensemble der Schaubühne zu kehren?
Jörg Hartmann Es war ganz einfach so, dass Thomas auf mich zukam und mir einen Antrag machte …

tip … einen Antrag, so richtig auf Knien? …
Jörg Hartmann … ja, er hatte Rosen dabei und die Ringe, ich könnte heulen, wenn ich daran denke (lacht). Nein, er hat mich einfach gefragt, ob ich wieder Theater spielen will. Und ich will! Ich habe ja viel gedreht und war erfüllt davon. Doch jetzt freue ich mich auf die grandiose Zweigleisigkeit. Im Theater beschäftigst du dich auf den Proben zehn Wochen mit einer Figur, im Film musst du deine Hausaufgaben erledigen und dann im Augenblick des Drehs alles machen.

tip Doch für die Filmkarriere sind Sie 2009 von der Schaubühne weggegangen.
Jörg Hartmann Da waren mehrere Gründe. Ich wollte drehen, ja. Ich wollte aber auch wieder mehr mein eigener Herr sein. Mit der Schaubühne hatten wir unglaublich viele Gastspiele. Ich war gefühlte zwölfmal im Jahr in Ausland, wir hatten besonders mit „Nora“ und „Hedda Gabler“ Gastspiele auf allen Kontinenten außer Afrika. Man kam mit Jetlag zurück und dann ging es gleich auf die Probe. Und ich hatte es auch ehrlich gesagt satt, das Gesichtsgulasch immer so groß zu machen, dass es bis hin in Reihe 20 reicht. Als ich kündigte, hatte ich noch gar kein Angebot, aber das Glück, dass kurz danach das Casting zu „Weissensee“ kam und ich die Rolle des Stasi-Offiziers Kupfer bekam.

tip Für dessen Darstellung Sie 2011 den Deutschen Fernsehpreis bekommen haben. Der Film hat Ihrer Karriere sicher nicht geschadet.
Jörg Hartmann Man müsste sich nur mal ausrechnen, wie lange man ein Stück spielen müsste, um 8 Millionen Zuschauer zu erreichen! Und Sie sitzen ja nun auch hier für ein Interview mit mir, das hatten Sie in meinen ersten zehn Jahren an der Schaubühne nie angefragt, oder? (lacht).

tip Herr Hartmann. Wir haben jetzt ein paar Entscheidungsfragen an Sie.
Jörg Hartmann Oh je. Aber okay.

tip Berlin oder Dortmund?
Jörg Hartmann Ich sage: Bermund. Die erste Silbe steht für die Weltstadt. Und die zweite für die Westfalen, ein geiler Menschenschlag.

tip Berlinale oder Theatertreffen?
Jörg Hartmann Auf dem Theatertreffen war ich schon zweimal, mit Thomas Ostermeiers „Hedda Gabler“ und „Nora“, jetzt wäre Berlinale schön.

tip Borussia Dortmund oder Hertha BSC?
Jörg Hartmann Ganz klar: Borussia!

tip Fußball oder Handball?
Jörg Hartmann Ich habe Handball gespielt, war aber keine große Leuchte. Im Zweifelsfall also lieber Handball. Im Fußball würde ich jedem abraten, mich zu nehmen. Zum Gucken aber eher Fußball.

tip Serie oder Kino?
Jörg Hartmann Jetzt lieber Kino, Serie mache ich ja schon mit „Weissensee“ und unser „Tatort“ hat ja auch Seriencharakter.

tip Serielles Erzählen ist ja tatsächlich ungewöhnlich für den „Tatort“.
Jörg Hartmann Was wir da versuchen, ist natürlich grenzwertig, da „Tatort“ eine Reihe ist und zwischen den einzelnen Dortmunder „Tatort“-Terminen oft Monate liegen.  Unser nächster wird jetzt am 1. Januar ausgestrahlt. Ich bin sehr gespannt, wie die Zuschauer darauf reagieren, denn das Ende wird ordentlich, sehr krass.

tip Wie? Psychomäßig oder viel Blut?
Jörg Hartmann Ich lass das jetzt mal so stehen. Auf jeden Fall ist das ein Ende, was es im „Tatort“ noch nicht gab. Das bedeutet aber für den nächsten, den wir ab Februar drehen werden: Wie bringen wir die Zuschauer auf den Stand? Es gibt ungeschriebene Gesetze beim „Tatort“, etwa dass man keine Was-bisher-geschah-Rückblenden machen darf. Wir loten die Grenzen der ­Reihe hier ziemlich aus.

Interview: Friedhelm Teicke und Tom Mustroph

Professor Bernhardi an der Schaubühne Eintritt 7–48, erm. 9 €

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