Hollywood

Gespräch mit Quentin Tarantino zu seinem neuen Film „Once Upon a Time… in Hollywood“

„Ich habe keine Ahnung, ob die Leute so einen Film noch sehen wollen“ – Quentin Tarantino über seine Kindheit in Los Angeles, die Zukunft des Kinos und seinen neuen Film, den im Jahr 1969 angesiedelten „Once Upon a Time… in Hollywood“


Nur wenigen Filmemachern ist es gelungen, gleich mit ihrem Debüt zum Kult zu avancieren. Quentin Tarantino, 56, gelang dies 1992 mit „Reservoir Dogs“, zwei Jahre später gewann er mit „Pulp Fiction“ in Cannes die Goldene Palme. Seither freuen sich die Fans auf jeden neuen Film des Mannes aus L.A.: meist gewalttätige ­Genrespielereien wie „Kill Bill I & II“ (2003/2004), „Inglourious Basterds“ (2009) oder „Django Unchained“ (2012). Mit „Once Upon a Time… in Hollywood“ blickt der frühere Videothekar und unglaubliche Filmnerd erstmals auf die Traumfabrik selbst. Foto: 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

tip Mr. Tarantino, Ihr neuer Film „Once Upon a Time… in Hollywood“ ist unter anderem eine Hommage an ein irgendwie unschuldigeres Hollywood, das es so heute nicht mehr gibt. Sind Sie nostalgisch?
Quentin Tarantino Die Frage höre ich nicht zum ersten Mal, aber ich bin mir da nicht so sicher. Muss man eine Sache nicht erlebt haben und sich daran erinnern, um nostalgisch zu sein? Aber wir kommen der Sache näher, wenn Sie Hollywood durch Los ­Angeles ersetzen. 1969 war ich sechs Jahre alt, und ich erinnere mich durchaus daran, wie meine Heimatstadt damals war. In ­gewisser Weise ist „Once Upon a Time … in Hollywood“ für mich also durchaus das, was „Roma“ für Alfonso Cuarón war: ein ­Erinnerungsstück, ein fiktiver Umgang mit Bestandteilen der eigenen Kindheit. Ich musste mich wirklich zurückversetzen und mir vor Augen führen, wie damals die ­Bushaltestellen aussahen, welche Plakate in der Stadt herumhingen und was im Fern­sehen lief.

tip Welche Elemente des Films sind denn Ihrer eigenen Biografie entlehnt?
Quentin Tarantino  Ich hatte keine Schwestern, deswegen war ich nicht permanent von Hippies umgeben, wie man sie im Film sieht. Aber ich hatte Babysitterinnen! Wenn meine Mutter wegging, saßen sie bei uns auf dem Sofa und kifften. Und ich habe sie dann meistens verpetzt (lacht). Ein Mädchen hieß Karen, sie war ein echtes Bad-ass, sie musste mich von der Schule abholen. Immer wenn ein ­Polizeiauto vorbeifuhr, rief sie: „Fuck you, you fucking pig!“ Als Sechsjähriger ging ich davon aus, dass man vor Polizisten einen Heidenrespekt haben muss.

tip Noch präsenter als die Hippies ist in Ihrer Geschichte allerdings die Filmbranche. Welche Unterschiede zum heutigen Betrieb sind die gravierendsten?
Quentin Tarantino Kinokarten kosteten damals 75 Cent, jeder konnte sich das leisten, man konnte ständig ins Kino gehen. Heute werden Filme auf der großen Leinwand immer mehr zu einem Pendant von Broadway-Stücken oder Opern. Man muss für einen Kinoabend mitunter 35 Dollar hinlegen. Die Zeiten, in denen Kino eine für alle zugängliche Kunst war, sind vorbei.

tip Wie würde ein Film aussehen, den Sie übers heutige Hollywood drehen?
Quentin Tarantino Das würde mich gar nicht interessieren. Aber nicht nur wegen Hollywood. Ich habe überhaupt keine Lust, einen Film zu drehen, der heute spielt.

tip Haben Sie noch Hoffnung für das Kino?
Quentin Tarantino Ja, ich glaube weiter daran, dass das Kino überleben wird. Und das nicht nur in der Form, die es aktuell angenommen hat, wo auf der Leinwand eigentlich nur noch Platz zu sein scheint für Science Fiction- und Superhelden-Filme.

Leonardo DiCaprio (re.) als Schauspieler Rick Dalton, Brad Pitt als sein Stuntdouble Cliff Booth. Foto: 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH / Andrew Cooper

tip Sie klingen nicht begeistert …
Quentin Tarantino Ich will diese Marvel-Filme nicht schlechtmachen. Hätten die das Kino erreicht, als ich 27 Jahre alt war, wären sie für mich das Größte gewesen. Nur heute, mit 55, üben sie auf mich eben nicht mehr einen solchen Reiz aus. Aber die Übermacht von solchen Filmen ist schon enorm, weswegen es auch ein Risiko ist, einen Film wie „Once Upon a Time… in Hollywood“ heute und vor allem im Sommer ins Kino zu bringen. Ich habe keine Ahnung, ob die ­Leute so einen Film noch sehen wollen. Er hat ja noch nicht einmal eine echte Handlung. Ich fand nur, dass meine Protagonisten Rick und Cliff tolle Figuren sind, mit denen ich gerne Zeit verbringen wollte.

tip Leonardo DiCaprio spielt den Schauspieler Rick Dalton, Brad Pitt seinen Stuntman Cliff Booth. Hätte es andersherum auch funktioniert?
Quentin Tarantino Ich konnte mir Leo nur als Rick vorstellen. Er hat das richtige Alter, und ich wusste, dass er richtig gut sein würde in dieser eigentlich ja sehr rührenden Rolle eines noch immer ziemlich jungen Mannes, der schon als Schnee von gestern gilt. Vor allem wusste ich, wie witzig Leo sein würde, auch wenn er sich selbst nicht als Komödien-Schauspieler sieht. Darauf kam es mir bei der Darstellung seiner Seelenpein an: auf die absurde Komik, nicht das Pathos. In Cannes all die Lacher im Publikum zu ­hören, das war eine große Genugtuung.

tip Sie mischen in der Geschichte Realität und Fiktion – neben dem fiktiven Rick Dalton sehen wir etwa Margot Robbie als Sharon Tate, die es ja gegeben hat. Andere Filmschaffende treten nur in einzelnen Szenen auf, Bruce Lee etwa …
Quentin Tarantino Ich wollte einfach zeigen, wie Sharon Tate, Roman Polanski und ihr Ex, Jay Sebring, damals ein Fixpunkt in Hollywood waren. Jay etwa ist es zu verdanken, dass Bruce Lee die Rolle des Kato in der Serie „The Green Hornet“ bekam. Beziehungsweise letztlich sogar Sharon, sie lernte Bruce zuerst kennen. „Batman“-Produzent William Dozier suchte für sein neues Projekt „The Green Hornet“ einen asiatisch-stämmigen Darsteller mit Martial-Arts-Fähigkeiten. Jay schlug seinen Martial Arts-Trainer vor, also Bruce. Ist also kein Wunder, dass ich eine Szene mit Bruce Lee einbauen musste, oder? Außerdem erfüllt die Szene zwischen ihm und Cliff den Zweck, zu zeigen, wie unkaputtbar letzterer ist. Wenn man vermitteln will, dass jemand ein echtes Bad-ass ist, dann sollte er gegen jemanden wie Bruce Lee kämpfen, so einfach ist das.

tip Darüber hinaus ist der Film eine Hommage an die Western-TV-Serien der 60er, richtig?
Quentin Tarantino Ich habe mir viele Westernserien aus den 60ern reingezogen und war wirklich baff, wie gut die Geschichten waren. Was da in 47 Minu­ten alles passierte, war der Wahnsinn. Ganz zu schweigen von halbstündigen Western­serien wie „Westlich von Santa Fe“. Als Drehbuchautor bin ich überwältigt, wie meisterhaft die Kollegen damals Geschichten in 24 Minuten erzählen konnten.

tip Gibt es heutzutage keine Serien, die Sie ­derart überzeugen?
Quentin Tarantino Alle sprechen darüber, wie toll das Fernsehen gerade ist – da mag was dran sein. Ich bin etwas ermattet von diesen komplexen Erzählungen, in denen alles zusammenhängt wie in einer Seifenoper. Ich finde nicht, dass es eine Serie auszeichnet, wenn man ihr nicht folgen kann, sollte man die erste Episode verpasst haben. Für mich macht eine erfolgreiche ­Serie aus, wenn ich auch erst in Folge 4 einschalten kann und zwar einige Nuancen nicht mitkriege, aber trotzdem auf Anhieb gepackt bin.