Kunst

Gespräch mit Stephanie Rosenthal, der neuen Direktorin am Martin-Gropius-Bau

Engstirnigkeit aufbrechen: Stephanie Rosenthal hat ihre Arbeit als Direktorin am Martin-Gropius-Bau nicht laut, aber sehr konsequent begonnen – mit einer neuen Programmatik, die in ihrer erste Ausstellung zu Ana Mendieta bereits einfließt

Foto: Mathias Völzke

tip Frau Rosenthal, Ihre erste Ausstellung im Martin-Gropius-Bau stellt die amerikanisch-kubanische Künstlerin Ana Mendieta vor. Was finden Sie an ihr so spannend?
Stephanie Rosenthal Ana Mendieta hat sich sehr früh, seit den späten 70er-Jahren, mit der Frage auseinandergesetzt, wie ich mich rückverbinden kann zur Erde, zu meinen eigenen Wurzeln. Sie kommt aus Kuba, wurde aber im Alter von elf Jahren von ihren Eltern in die USA, genauer gesagt nach Iowa geschickt, um dort zur Schule zu gehen. Mendieta geht auf eine sehr subtile, poetische und politische, meist sehr sinnliche Weise mit dem Thema um. Mit Performances, die sie eigentlich nur für sich selbst gemacht und filmisch und fotografisch dokumentiert hat.

tip Inwieweit kann man an dieser Ausstellung schon Ihre Programmatik ablesen?
Stephanie Rosenthal Für uns sind Themen wie die Rückbindung an unsere Erde und Migration für die nächsten Jahre wichtig. Wir planen im Sommer 2019 eine Ausstellung zum Garten als Metapher, mit der Künstler*innen den Zustand der Welt beschreiben und kritisch analysieren. Über das Thema Garten kann man Fragestellungen und Problematiken wie Migration und Rassismus aufgreifen. Pflanzen, die man mitbringt, die verpflanzt werden, die Staatssymbole sind, eröffnen in der Gartenwelt Parallelen zu gesellschaftlichen und historischen Ereignissen.

tip Die Ausstellung zu Ana Mendieta hat den Titel „Covered in Time and History“. Geschichte spielt bei Ihnen auch einen wichtige Rolle.
Stephanie Rosenthal Eine der programmatischen Hauptlinien geht zurück zur DNA des Gropius-Bau, das heißt zurück zum ehemaligen Kunstgewerbemuseum, zur Kunstgewerbeschule und damit auch zur Produktionsstätte. Wir richten zwar keine Werkstätten ein, haben aber einen Artist in Residence und arbeiten wieder enger und direkter mit Künstler*innen zusammen. Für die erste Ausstellung im nächsten Jahr haben wir Künstler*innen, die hier in Berlin leben und arbeiten, eingeladen, sich mit der Fragestellung Kunsthandwerk, Arts & Crafts und decorative art auseinanderzusetzen. Und wir wollen weiterhin Ausstellungen zu Archäologie und Ethnologie machen, Bereiche, die im Gropius-Bau mit unterschiedlichen Sammlungen zu verschiedenen Zeiten schon präsent waren, nicht zuletzt im Schliemann-Saal.

tip Sie hatten offenbar einen harmonischen Start. Ich spiele da auf Chris Dercon an, der Ihr Chef im Haus der Kunst in München war, und dessen Intendanz an der Volksbühne jetzt beendet ist. Für viele wäre so ein Start im Streit vermutlich Horror.
Stephanie Rosenthal Ja, furchtbar. Das ist ein absoluter Blocker für kreatives Denken, auch für das Team. Gereon Sievernich hat mir als perfekter Gentleman die Direktion des Hauses übergeben. Er hat einen tollen Job gemacht und ich habe das Glück, eine Institution zu übernehmen, die gute Besucherzahlen hat und national und international gut positioniert ist. Natürlich komme ich aus einer anderen Generation und habe vorwiegend zeitgenössische Ausstellungen gemacht. Beides prägt sicherlich meinen Ansatz für die Institution und meinen Anspruch, dass die verschiedenen Ausstellungen hier im Haus zusammenhängen.

tip Wie wollen Sie das machen?
Stephanie Rosenthal Das Herz, der Bauch, der Dreh- und Angelpunkt des Gebäudes wird der Lichthof sein, den wir öffnen. Von hier aus sieht man die unterschiedlichen Ebenen des Gebäudes. Wir werden keine „Raumüberlassungen“ mehr machen, wie es früher hieß. Wir werden nicht einfach Räume für Ausstellungen an andere Institutionen abgeben, sondern sind stattdessen stark an inhaltlichen Kooperationen interessiert.

tip Für dieses Jahr ist bereits die Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ geplant. Klappt da schon eine Kooperation?
Stephanie Rosenthal Als ich im April 2017 erfahren habe, dass ich den Gropius-Bau leiten werde, war mein erster Besuch bei Matthias Wemhoff, dem Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin, der die Ausstellung seit vier Jahren vorbereitet. Jetzt werden wir parallel dazu eine Ausstellung mit Lee Bul machen. Und dann wird Lee Buls Zeppelin im Lichthof hängen, über der Hafenmauer des römischen Köln.

tip Ich glaube, das müssen Sie etwas ausführlicher erklären.
Stephanie Rosenthal Lee Bul ist eine koreanische Künstlerin und ihr Werk ist stark geprägt von der Teilung Koreas. Das resoniert mit der Tatsache, dass der Gropius-Bau ja früher direkt an der Mauer lag. Wir haben alle Fensterverkleidungen im Haus entfernt, damit man diese Verortung nun besser sehen kann. Lee Bul arbeitet mit Skulpturen und Objekten, was der Architektur des Hauses sehr entgegenkommt. Bei ihr geht es um Mobilität, Technologie, Vernetzung, aber auch Geschichte. Lee Buls Ausstellung findet im ersten Stock statt, „Bewegte Zeiten“ im Erdgeschoss. Über den Lichthof mit Zeppelin, einem Objekt von Lee Bul, und Kölner Hafen kann man beide Ausstellungen zusammendenken.

tip Hat das große Publikum Interesse an so einem avancierten Zugang?
Stephanie Rosenthal Ich sehe es als einen großen Auftrag, Leute, die sich für spezifische Ausstellungen interessieren, auch neugierig zu machen, andere Themen mitzunehmen. Ich bin davon fest überzeugt, dass man in einen Glückszustand kommt, wenn man inspiriert ist. Und dass Menschen am zufriedensten sind, wenn sie geistig gefordert werden. Dass jeder Mensch daran Freude hat, neues Wissen auf eine spielerische Art mitzunehmen.

tip Was versprechen Sie sich von diesem Konzept?
Stephanie Rosenthal Es ist die große Aufgabe von Kunst, eine gewisse Engstirnigkeit aufzubrechen, die wir alle haben. Jeder hat sie in unterschiedlichen Bereichen. Mir ist wichtig, dass Kunst die Möglichkeit gibt, eine Offenheit zu entwickeln und auch ein Verständnis für das Unverständnis, denn dann geht man mit sich selber, mit dem Nächsten und auch mit dem Fernen ganz anders um.

Covered in Time and History: Die Filme von Ana Mendieta Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 20.4.–22.7.

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