Podcast zum Thema Sterben

„Gespräche über den Tod sind ein Partyknaller“

Susann Brückner und Caroline Kraft haben mit Endlich einen Podcast über das Lebensende gestartet. Wir sprachen mit den Berlinerinnen über persönliche Schicksalsschläge, Begräbnis-­Soundtracks, „Teenage Angst“ und das Lachen über das große schwarze Nichts

John Facenfield

tip Frau Brückner, Frau Kraft, warum machen Sie einen Podcast über den Tod?
Caroline Kraft Bei mir fängt die ganze Geschichte vor drei Jahren an, als sich mein Exfreund das Leben nahm. Ich ging danach für lange Zeit nicht arbeiten. Susann und ich waren beide beim Ullstein-Verlag. Sie schrieb mir eine Mail: Sag Bescheid, wenn du mit jemanden reden willst, der dich nicht betroffen anschaut, ich habe Erfahrung damit.
Susann Brückner Mein Vater hat sich umgebracht, als ich 19 war, und mein Bruder vor eineinhalb Jahren. Ich hatte das Gefühl, ich könne mit niemanden normal darüber reden.

tip Aber wie entsteht dann dieser Impuls: Wir gehen damit jetzt raus in die Welt?
Caroline Kraft Es gibt ja Angebote: Selbsthilfegruppen, Bücher, die man lesen kann. Aber ich hatte das Gefühl, so wie wir darüber sprechen, auf eine Art und Weise, die nicht so pietätvoll und vorsichtig ist oder so ein bisschen trutschig, das gibt es irgendwie nicht. Susann ist ein riesiger Podcastfan, da haben wir gesagt: Eigentlich bräuchten wir nur ein Mikro neben uns, dann hätten wir fast schon einen Podcast.

tip Ich war überrascht, wieviel in einem Podcast, der sich um das Thema Tod dreht, gelacht wird. Nimmt das Lachen den Schrecken vor dem großen schwarzen Nichts?
Susann Brückner Dieses Nichts gehört zum Leben dazu. Mal ein Witz, das macht es vielleicht erträglicher.

tip Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod, Wiedergeburt, eine nächste Ebene?
Susann Brückner Nein! Ich glaube an nix.
Caroline Kraft Ein Lieblingsthema von uns!
Susann Brückner Du hast doch ein Wort für dich gefunden, das nicht mehr ganz so spirituell klingt: Du bist jetzt Agnostikerin!
Caroline Kraft Ich habe immer schon beides für genauso wahrscheinlich und unwahrscheinlich gehalten. Nämlich, dass wir einfach sterben und nichts ist. Und dass wir sterben und irgendetwas passiert. Ich finde beides völlig absurd und einleuchtend zugleich.

tip Am Podcast-Beginn spielen Sie das Lied der Band Peer ein, „Wir werden alle alle sterben“. Haben Sie eine Art Todesplaylist im Kopf?
Caroline Kraft Im Moment lassen wir unsere Gäste eine Playlist machen, welche Lieder sie auf ihrer Beerdigung hören wollen. Erstmal stutzen sie. Beim Reden merken sie dann: Klar, Musik gehört zu meinem Leben, wieso soll ich mir keine Gedanken machen, was wir hören, wenn ich sterbe? Aber unsere Beerdigungsplaylist muss auch her, habe ich mir gestern überlegt.

tip Schon eine Idee, was dann bei Ihnen läuft? SB „Changes“ von David Bowie.
Caroline Kraft Das erste Lied, das mir einfällt, ist von Vic Chesnutt: „Flirted With You All My Life“. Da werden dann alle ganz doll weinen.

tip Hat sich mit dem Verlust naher Menschen Ihre Perspektive auf den Tod verändert?
Susann Brückner Total. Überhaupt ist er da erstmal in mein Leben getreten. Mit 19 denkt man ja noch nicht über den Tod nach.

tip Was ist mit „Teenage Angst“? Mit 14, 15, 16 hat doch jeder mal über den Tod gegrübelt. Und dabei, ja nun, The Smiths gehört.
Susann Brückner Ich hatte eher in der Kindheit eine Faszination für den Tod als Mysterium: Krass, da ist irgendwas, keiner kann mir was dazu sagen. Aber wenn der Tod in der Form von „Dein ­Vater stirbt“ ins Leben tritt, ist das nicht mehr glamourös, sondern einfach nur scheiße.
Caroline Kraft Als Teenager hatte ich einen Grufti-Freund, sieben Jahre lang. Das hatte aber mit dem, was ich dann erlebt habe, als es mir tatsächlich passiert ist, wenig zu tun. Ich habe damals meinen Job an den Nagel gehängt, eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin begonnen. Die Beschäftigung mit dem Tod hat das Potenzial, dass man merkt: Jetzt oder nie.

tip Im Podcast reden Sie über Fragen wie die, welcher Tod schlimmer wäre: der eigene oder der eines nahen Angehörigen.
Susann Brückner Eines Angehörigen! Wenn ich mir vorstelle, dass meine Kinder sterben, könnte ich verrückt werden. Wenn ich die irgendwo hinschicke, explodieren Busse, entgleisen Züge. Nur in meinem Kopf – zum Glück! Aber der eigene Tod … pah! Da zitiere ich Mascha Kaléko, die mal meinte, dass man mit dem Tod der anderen leben muss. Den eigenen stirbt man halt nur.

tip Mit Ihrem ersten Gast, der Schriftstellerin Lea Streisand, haben Sie diskutiert: Lieber ein schneller oder langsamer Tod?
Susann Brückner Lea wollte für ihre Angehörigen langsam sterben, damit die sich verabschieden können.
Caroline Kraft Ich habe mittlerweile mit einigen Leuten darüber gesprochen. Es gibt alle Varianten. Von denen, die furchtlos auf ihren eigenen Tod blicken. Über Leute, die sagen: Dass ich sterbe, ist schon okay, aber der Prozess, dass ich krank werde und leide, davor habe ich richtig Schiss. Bis hin zu Leuten wie dem Musiker Jens ­Friebe, der bei uns zu Gast war: Der hat panische Angst vor dem Tod. Er will sich mit allem beschäftigen, nur nicht damit.

tip Hatte er denn keinen Schimmer, was für einen Podcast Sie da mit ihm veranstalten?
Susann Brückner Das frage ich mich auch manchmal (lacht).
Caroline Kraft Jens war einer von denen, wo wir dachten: Wir mögen den, wir würden gern mit ihm ­darüber sprechen. Wir haben jetzt ja unsere Planung für dieses Jahr gemacht.
Susann Brückner Zum Beispiel haben wir Tod in der Popkultur als Thema vor. Dazu haben wir Schorsch Kamerun gefragt, ob er Bock hätte zu kommen.
Caroline Kraft Und wir möchten mit jemandem sprechen, der den Großteil seines Lebens hinter sich hat, jemand, der richtig viel älter ist als wir.

tip Wie stellen Sie sich Ihre Zuhörer vor?
Susann Brückner Ganz unterschiedlich. Wir kriegen ja E-Mails. Da gibt es Leute, die selbst Erfahrungen gemacht, Leute verloren haben. Oder die sich professionell mit dem Tod beschäftigen und uns dann schreiben: „Weiter so, das macht ihr toll!“ Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.
Caroline Kraft Wir hatten knapp 4.000 Downloads bisher. Ich dachte ja, uns hört nur der Freundeskreis …
Susann Brückner Die sind die einzigen, die uns nicht hören (lacht).

tip Reden Sie im Freundeskreis denn jetzt, mit dem Podcast, nicht öfter über den Tod?
Caroline Kraft Ich habe offensiv damit angefangen. Und da habe ich das Gefühl, dass der Tod als ­Gesprächsthema ein absoluter Partyknaller ist. Die Leute springen sofort darauf an, jeder hat etwas dazu zu sagen. Was im Kontrast dazu steht, das eigentlich alles tabuisiert ist und man das nicht so gern an sich ranlässt.
Susann Brückner Über die eigenen Erfahrungen zu reden, das ist das Tabuthema!
Caroline Kraft Das ist ja auch die Erfahrung, die wir jetzt mit dem Podcast machen: Dass vielleicht unsere Generation langsam merkt, dass der Umgang, wie er bisher war, nirgendwo hinführt. Stichwort: meine Familie. Mir fällt es wahnsinnig schwer, mit ihr darüber zu sprechen. Neulich habe ich angefangen, mit meiner Oma darüber zu reden. Sie ist 90. Ich habe gefragt: Was glaubst du, was nach dem Tod mit dir passiert? Das Thema hatte ich lange vor mir hergeschoben. Es war ein so gutes Gespräch!

tip Gibt es ein Thema, an das Sie sich im Pod­cast nicht so richtig rantrauen?
Caroline Kraft Suizid haben wir ganz bewusst ein bisschen weiter weggepackt.
Susann Brückner Wegen unserer eigenen Geschichte.
Caroline Kraft Der Podcast ist ja für uns auch eine ­Spurensuche. Wir wollen Fragen stellen, beim Gespräch mit anderen Leuten dabei unsere Fragen vielleicht beantworten oder den ­Antworten zumindest näherkommen. Bei diesem Thema sind wir einfach so arg persönlich betroffen, dass wir vielleicht noch ein paar Fragen mehr stellen müssen, bevor wir uns da rantrauen.
Endlich.

Podcast: Wir reden über den Tod

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]