Wohnen

Gesünder wohnen – Gespräch mit dem Ratgeberautor Thomas Wieke

Wohnungen sind unsere Rückzugsorte – hier leben wir und erholen uns. Doch welche Stoffe sind in den ­heimischen vier Wänden ­eigentlich verbaut? Wie ­gesund ist unsere ­private ­Umgebung?

Antiqua Nova/ Stiftung Warentest

Thomas ­Wieke ist Autor und Redakteur für Ratgeberbücher, die u.a. bei der ­Stiftung Warentest erscheinen. Er lebt und arbeitet in Berlin.

tip Herr Wieke, immer mehr Häuser sind wärmegedämmt. Wie lüftet man diese Wohnungen richtig?
Thomas Wieke Früher gab es durch Tür- und Fensterritzen eine Zwangsbelüftung – unangenehm, aber gut fürs Raumklima. Heute sind Gebäudehüllen wärmegedämmt und luftdicht, die Räume optimal beheizt. Wäre kein Problem, wenn sich nicht Menschen in den Räumen aufhielten. Feuchtigkeit kommt durch Ausatmen und Transpirieren, durch Waschen, Duschen und Kochen hinein. Die feuchte Luft muss raus und trockene Frischluft muss rein. Nach aktuellsten Baustandards errichtete Wohngebäude benötigen Lüftungstechnik. Im Grunde bräuchten die keine Fenster mehr. In anderen Wohnungen müssen wir den Luftaustausch mittels Fensterflügel besorgen. Fenster im Winter stundenlang auf Kipp – schlecht! Der Luftaustausch ist ungenügend; dafür kühlen die umgebenden Bauteile aus und laden Schimmelsporen zur Ansiedlung ein. Fenster weit auf – gut! Zehn Minuten zwei- bis dreimal am Tag reichen. Man nennt das Stoßlüftung. Ich sage lieber Erlebnislüftung. Weil es herrlich ist, kalte trockene Luft in den Raum zu lassen, die sich schnell wieder aufwärmt, ohne dass die Wände auskühlen. Kaum Energieverlust.

tip Welche Pflanzen tun dem Raumklima besonders gut?
Thomas Wieke Als die NASA mit ,Spacelab‘ ihre erste Raumstation baute, war klar, dass man im Kosmos die Fenster zum Lüften nicht öffnen konnte. Eine Reihe von Pflanzen empfahlen sich, um Schadstoffe auszufiltern: Aloe Vera und Grünlilie sind Luftverbesserer, der Boston-Farn, Ficus benjamina oder die allbekannte Efeutute sind dekorativ und reinigen die Raumluft.

tip Und was tun, falls Schimmel an den Pflanzen auftritt?
Thomas Wieke Ein Zeichen, dass zu viel gegossen wurde. Und ein Indikator, dass vielleicht mit dem Raumklima etwas nicht stimmt. Bei hartnäckigem Befall entsorgen, auch den Topf und die Pflanzerde nicht wiederverwenden.

tip Was tun, wenn man Schimmel etwa an Wänden bemerkt?
Thomas Wieke Schimmel ist ein Pilz. Und Pilze gehören zu den anpassungsfähigsten und variantenreichsten Lebewesen auf unserem Planeten. Speziell Schimmelpilze begegnen uns in über 100.000 Arten. Gesundheitsschädlich wirkt er auf viererlei Art: durch direkte Pilzinfektionen (Mykosen), durch das Auslösen von Allergien, durch Irritationen der Haut und der Schleimhäute und durch toxische Reaktionen auf Pilzgifte. Ein Schimmelfleck an der Tapete ist kein Grund zur Panik, aber Handeln sollte man. Erstens muss man die Ursache finden: Baumängel? Falsches Lüftungsverhalten? Verdeckte Schäden an Rohrleitungen? Schimmelpilze brauchen drei Dinge, um sich wohlzufühlen. Nahrung, Feuchtigkeit und ein bestimmtes Temperaturspektrum: Außenwandtemperatur von 14 Grad Celsius, Raufasertapete und feuchtes, ungelüftetes Bad – so entsteht Penizillin. Fehlt nur eins der drei Dinge, wird’s dem Schimmel unwohl. Zweitens: Schimmelpilze mögen keinen hochprozentigen Alkohol. Billiger Alkohol (Isopropylalkohol), Spiritus oder Wasserstoffperoxid sind sehr wirkungsvoll. Drittens sollten Sie sich immer nur kleine Schimmelflecken zur Eigenbekämpfung zumuten. Ist eine ganze Wand betroffen oder ein Raum befallen, muss ein Fachbetrieb ran.

onyQ/ photocase.de

tip Wie schädlich können Wandfarben oder Lacke sein?
Thomas Wieke Üblicherweise sind Farben und Lacke, die für Innenräume zugelassen wurden, gesundheitlich unbedenklich. Das Schreckensbild, dass aus den verwendeten Anstrichstoffen beständig giftige Dämpfe aufsteigen, möchte ich nicht verbreiten. Aber Menschen reagieren unterschiedlich, auch auf Emissionen aus der Wohnumwelt. Das Grundproblem bei diesen Gerüchen sind die Lösemittel. Irgendwie müssen die Farbpigmente ja verstreichbar sein. Herkömmliche Dispersionsanstriche auf Acryl- oder Kunstharzbasis sowie Latexfarben enthalten Lösemittel, Bindemittel, Weichmacher, Konservierungsmittel und andere Zuschlagstoffe, welche die Verarbeitungseigenschaften der Farbe verbessern sollen. „Lösemittelfrei“ scheint das Zauberwort zu sein. Aber ganz ohne Lösemittel geht es – namentlich bei Lacken – nicht. Wer empfindlich reagiert, sollte auf einen Anteil an Lösemitteln unter zehn Prozent achten. Naturfarben verwenden mineralische oder nachwachsende Pigmente, Löse- und Bindemittel. Allergiker sollten trotzdem vorsichtig sein, Naturstoffe können ebenso Allergien auslösen wie Chemikalien. Kalk- und Silikatfarben bilden eine Alternative für Feuchträume oder andere schimmelgefährdete Wohnbereiche. Sie lassen sich allerdings nicht auf jeder Oberfläche verstreichen und sind teurer als übliche Kunstharzfarben. Achtung beim Renovieren! Alte Farb- und Lackreste sind gesundheitlich nicht unbedenklich – und umso bedenklicher, je älter sie sind. Also nie ohne Atemschutz alte Fensterrahmen schleifen und im Zweifel Fachleute fragen.

tip Wie erkennt man gesundheitlich unbedenkliche Produkte ?
Thomas Wieke Das Umweltbundesamt rät Verbrauchern ausdrücklich, zu emissionsfreien Produkten zu greifen. Gütesiegel wie der Blaue Engel oder das EU-Ecolabel, die „Euroblume“, bieten eine erste Orientierung.

tip Welche Bodenbeläge sind gesundheitlich unbedenklich?
Thomas Wieke Es gibt keine grundsätzlich schädlichen Bodenbeläge mehr. Zu fragen ist immer: finden dort Staub und Hausstaubmilben eine angenehme Umgebung? Wer empfindlich auf chemische Weichmacher reagiert, sollte auf Kunststoffböden verzichten. Holzböden können Holzschutzmittel enthalten. Wenn man einen Altbau übernimmt und renoviert sollte man sich möglicher Altlasten bewusst sein, bevor man am Holz werkelt. Holz wurde früher mit Substanzen behandelt, die DDT enthielten – heute weltweit geächtet. Bis in die Neunzigerjahre wurde Asbest in Baustoffen und Klebern oder zur Wärmeisolation verwendet. Solche Altlasten geraten heute leicht aus dem Blick. Alte Häuser haben – anders als wechselnde Bewohner – ein langes Gedächtnis.

tip Ist gesundes Wohnen teurer?
Thomas Wieke Naturprodukte sind teurer als Kunststoffe. Auf teure ,Hygienereiniger‘ kann man vollständig verzichten, weil heißes Wasser und Neutralreiniger den gleichen Effekt haben. Für Intensivreiniger auf Chlorbasis gilt das ebenso. Man sollte sie sparsam zur Desinfektion einsetzen. Teure Reiniger ,mit Aktivsauerstoff‘ enthalten Wasserstoffperoxid: man kann sich genauso gut die preiswerteren Grundsubstanzen besorgen. Essigreiniger enthalten Essigsäure – aber ein Liter einfacher Essig kostet 39 Cent.

Mehr zum Thema: Buch: „Gesundes Wohnen. Schadstofffrei und ökologisch“, von Thomas Wieke, Stiftung Warentest, Nov. 2017, 176 Seiten, 19,90 €.

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