Stadtleben und Kids in Berlin

Gewalt in Berlin: Gespräch mit dem Leiter der Traumaambulanz

Nach der tödlichen Gewalttat am Alex: Der Psychotraumatologe Olaf Schulte- Herbrüggen, Leiter der Traumaambulanz Berlin, über die Einsamkeit der Opfer, ihre Ohnmacht, Wut und nötige schnelle Hilfe

Dr_Schulte-HerbrueggenHerr Schulte-Herbrüggen, wann ist für ein Opfer einer Gewalttat diese Tat vorbei?
OLAF SCHULTE-HERBRÜGGEN Es gibt Menschen, die schwerste Gewalttaten erleben und danach relativ unbekümmert ihren Beruf ausüben, ihren Alltag weiterleben können. Es gibt andere, für die dauert es Jahre.

Die Traumaambulanz, die es seit Anfang des Jahres in der Psychiatrischen Univer­sitätsklinik der Charitй am St. Hedwig-Krankenhaus gibt, soll erwachsenen Opfern solcher schweren Gewalttaten schnelle psychotherapeutische Hilfe bieten. Was für Fälle kommen zu Ihnen?
Es ist die breiteste Palette, die man sich vorstellen kann. Von jungen Menschen, die aus dem Konzert, aus dem Club kommen und überfallen werden, bis zu über 80-jährige Damen, die auf dem Weg zum Einkaufen verprügelt werden.

Nicht erst seit der tödlichen Attacke auf einen 20-Jährigen unweit des Alexanderplatzes diskutiert Berlin über Gewaltvorfälle auf öffentlichen Straßen, Plätzen, in Bahnhöfen. Das Gros sind aber die Fälle, wo kein Bürgermeister, kein Senator sich zu Wort meldet. Wo die Opfer allein mit der erlittenen Tat fertigwerden müssen.
Es stimmt, dass in der ersten Zeit das Gewalt­opfer erstmal relativ auf sich allein gestellt ist. Beziehungsweise auf sein Umfeld angewiesen ist, das ihm hilft. Deshalb haben wir mit der Traumaambulanz den Ansatz, die Schwelle niedrig zu halten. Wir sind mittlerweile gut vernetzt mit der Polizei, mit Rettungsstellen oder Beratungsstellen wie zum Beispiel dem Weißen Ring, wo man erfährt, dass und wie man sich an uns wenden kann.

Gefühlt scheint es, als wenn in der Stadt immer mehr schlimme Gewalttaten passieren. Tatsächlich aber sinken die Zahlen seit Jahren. Ist das nicht paradox?
Es ist auch unser Eindruck, dass eine vermehrte Gefahrensituation wahrgenommen wird, auch wenn die Zahlen dagegen sprechen. In der Presse wird über solche Taten sehr genau berichtet. Das hat einen Einfluss auf die Wahrnehmung. Die Frage ist aber gar nicht, ob die Straftaten zunehmen. Sondern ob die Verhältnismäßigkeit von Auslösern von Gewalt und dem Gewaltausmaß sich verändert. Das bildet sich durch die Gewaltstatistiken ja nicht ab.

Ein Mann wird nach dem Weg gefragt, es kommt zum Streit, er wird niedergeschossen. Ein anderer wird um eine Zigarette gebeten und, weil er keine gibt, zusammengeschlagen. Unfassbar banale Gründe.
Man hat schon den Eindruck, dass es sogenannte Enthemmungsphänomene gibt. Das stellt auch uns als Therapeuten immer wieder vor Herausforderungen. Der Fall am Alexanderplatz ist ja ein Beispiel dafür. Wichtig ist aber, zu erkennen, dass das die absolute Ausnahme ist. In den allermeisten Fällen wird man in Berlin nicht angegriffen, wenn man nach dem Weg fragt.

Das tröstet die Ausnahme-Opfer kaum.
Wir müssen auch selbst als Therapeuten aufpassen, dass wir durch die vielen Gewalt­taten, die wir sehen, nicht eine andere Sichtweise auf die Stadt bekommen.

Welches sind die häufigsten Symptome, die Sie behandeln müssen?
Ganz verschiedene. Es gibt schwerste Schlafstörungen, Flashbacks, Panikattacken. Oder sogenannte Dissoziationen, dass man sich plötzlich taub fühlt, wenn man mit Triggerreizen konfrontiert wird.

Was meinen Sie mit „Triggerreizen“?
Das sind Auslösereize. Wie zum Beispiel der Tatort, der zu einem neuen Angstgefühl führt. Oder dazu, dass man dort plötzlich Bilder vom Ablauf der Tat vor Augen hat. Häufig, und das ist die große Gefahr, baut sich dann schnell ein sogenanntes Vermeidungsverhalten auf. Das heißt: Diese Orte werden nicht mehr aufgesucht. Innerhalb weniger Wochen trauen sich einige Patienten kaum noch aus der Wohnung. Und da können wir sehr schnell helfen, dieses Vermeidungsverhalten wieder abzubauen.

Welche Rolle spielt die Person des Täters für das Opfer bei der Aufarbeitung?
In etwa 80 Prozent der Fälle kennen die Opfer den Täter nicht. Es gab nur einen kurzen Kontakt, also die Vergewaltigung oder den Überfall. Ein Grund, warum Patienten nicht wieder schnell gesund werden, sind diese offenen Fragen: Warum gerade ich? Warum gerade an dieser Stelle? Warum gerade dieser Täter? Ob es ein Mann war oder eine Frau. Ob es einen Migrationshintergrund gab oder nicht. Ob es einen rechtsradikalen oder einen politischen Hintergrund gab …

… ob Alkohol im Spiel war. Oder Drogen …
Das Opfer ist meistens versucht, eine für sich akzeptable Erklärung zu finden. Das gelingt aber in den seltensten Fällen. Es bleibt einfach etwas übrig, das man akzeptieren muss.

Dass es schlicht und einfach Bekloppte gibt, denen man besser aus dem Weg geht?
Im Endeffekt müssen wir alle akzeptieren, dass wir in einer sehr, sehr sicheren Stadt leben im Vergleich zu anderen Städten oder Ländern, aber dass es ein gewisses Risiko gibt, dass einem schwere Gewalt widerfährt. Das in seinen Lebensalltag mitzunehmen ist eine sehr große Hürde, weil die Tat häufig im privaten oder im gefühlt sicheren Umfeld stattfindet: in der Wohnumgebung, am Arbeitsplatz. Oder an Orten, wo man immer wieder vorbeikommt. Und das wird alles plötzlich zum gefährlichen Territorium.

Wie groß ist die Gefahr, dass man sich als Opfer selbst die Schuld gibt: Ich hätte nicht um drei Uhr nachts U-Bahn fahren dürfen?
Das ist der Klassiker. Neben Angst, Ohnmachtsgefühlen, Scham und Ärger ist das Schuldgefühl eine der Folgen, die sehr häufig sind. Mit dem Schuldgefühl findet der Patient oft eine Lösung für das große Fragezeichen: Warum war ich hilflos? Wenn man sich die Schuld geben kann, ist die Sache gebongt. Man ist es selber. Das Schuldgefühl selbst ist wiederum ein Belastungsfaktor. Und der macht einen krank.

Und andere Gefühle? Rachegefühle etwa?
Das ist ein häufiges Phänomen. Als Impuls auch häufig ein sehr angemessenes. Man möchte sich wehren, wenn einem so etwas passiert ist.

Rache ist also menschlich?
Ja. Beziehungsweise: Das Wutgefühl ist menschlich. Wut ist dazu da, sich abzugrenzen, vor Gefahren zu schützen. Wenn es aber dann hängenbleibt, stört es eher und bringt einen nicht ins Gleichgewicht.

Laut „Spiegel“ wurde einer der mutmaß­lichen Täter vom Alex schon mal wegen einer Gewalttat zu zwei Wochen Arrest
und einem Anti-Gewalt-Seminar verurteilt. ­Etwas polemisch verkürzt: Anti-Gewalt-Training für Täter, lebenslänglich für Opfer?

Aus der Perspektive des Opfers ist es genau so. Das Opfer muss sein Leben lang mit dem Passierten umgehen. Dafür gibt es keine angemessene Bestrafung. Und diesen Prozess zu begleiten, das ist ein Bestandteil der Traumatherapie. In gewisser Weise muss ich mich als Opfer auch unabhängig davon machen, was mit dem Täter passiert, um positiv nach vorn gucken zu können. Viele Täter werden ja nicht einmal gefasst.

Die Traumaambulanz wurde auf Basis des Opferentschädigungsgesetzes (OEG) als zweijähriges Modellprojekt in Kooperation mit dem Land Berlin eingerichtet. Wie viele Patienten hatten Sie bisher?
Rein an ambulanten Fällen 250 bis 300.

Welcher Anteil hat nach den maximal 15 Stunden eine optimistische Prognose?
Ein Großteil schafft es in diesem Zeitraum wieder, ein gesundes Leben weiterzuführen – wenn er nicht vorher zu viel erleben musste, das ihn psychisch destabilisiert hat. Das darf man aber nicht damit verwechseln, dass die Erfahrung Betroffene für immer prägen und vielleicht auch ihre Verhaltensweisen ändern wird.

Ertappen Sie sich eigentlich dabei, dass Sie schon beim Lesen des Polizeiberichts anfangen, die Opfer therapieren zu wollen?
Ich erwische mich eher dabei, dass ich denke: Der wird morgen vielleicht anrufen. 


Interview:
Erik Heier

Foto: David von Becker


Traumaambulanz Berlin n der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charitй am St. Hedwig-Krankenhaus,
Große Hamburger Straße 5–10,
Tel. 23 11 18 80
www.alexianer-berlin-hedwigkliniken.de/Traumaambulanz

 

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