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Good Lack! – Berliner Nagelstudios

Hunderte Nagelstudios gibt es in Berlin – und es werden immer mehr. Unsere Autorin hat das Phänomen ­ergründet: von einer Hollywood-Diva mit Nagelmammsell bis zur Bling-Bling-Königin im Dong-Xuang-Center

Foto: tamara83 / stock.adobe.com / Fotolia

Man könnte Lebenszeit auch in Fingernägeln bemessen. Unerbittlich wie das Voranschreiten der Zeit sterben Körperzellen an der Nagelwurzel ab, verhornen und schieben die Nägel aus den Nagelbetten nach vorne. Die evolutionär weitgehend nutzlos gewordenen Keratin-Ausstülpungen unserer Körper wachsen jede Woche etwa einen Millimeter.

Kultur ist, wie der Mensch mit seiner Natur umgeht. Aktuell scheint das ungebändigte Nagelwachstum eher zu den dringenderen Problemen der Berliner zu zählen – den Beweis dafür liefert die stetig steigende Anzahl von Nagelstudios im Straßenbild.

Früher, irgendwann vor dem Internet, teilte sich die Menschheit auf in Schneider, Knipser und Beißer. Mit Fingernägeln machte man kurzen Prozess. Im intimen Raum des heimischen Badezimmers wurden sie ohne viel Aufhebens zurechtgestutzt. Die Vorstellung, sich die Nägel in aller Öffentlichkeit von einer eigens dafür bezahlten Fachkraft prothetisch verlängern und in bunten Farben dekorieren zu lassen (Brilli optional), erschien damals derart überkandidelt, dass beim Gedanken daran so manchem glatt der Hornhauthobel aus der Hand gefallen wäre.

Niemand weiß genau, wie viele Nagelstudios es mittlerweile in Berlin gibt. Die IHK schätzte die Zahl im Jahr 2016 auf etwa 900. Seitdem sind Dutzende hinzugekommen. In der Straße, in der ich wohne, waren es allein im letzten Jahr drei Stück.

Zuerst war ich genervt. Ein Café wäre mir lieber gewesen. Oder eine Bar. Dann wurde ich neugierig: Die Studios schienen allesamt gut frequentiert. Was für geheime Rituale spielten sich dort ab? Öffnete sich beim Vorbeigehen die Tür, etwa weil eine Kundin den Laden betrat, vernahm ich ein leises Sirren und Surren, nicht unähnlich dem Geräusch, das aus Tattoo-Studios auf die Straße dringt. Heute weiß ich, dass es von den elektrischen Feilen stammt, die die Fingernägel mit erbarmungsloser Präzision runterschleifen und für die Deko vorbereiten.

Nagellack, wie wir ihn heute kennen, verdankt seine Existenz zwei Boom-Branchen des 20. Jahrhunderts: der Autoindustrie und dem Hollywood-Film. Nagellack entstand als Nebenprodukt des Autolacks, aber erst der Technicolor-Film und die Schauspielerin Rita Hayworth machten die Corvette-roten Krallen populär. 50 Jahre später war es Uma Thurman in „Pulp Fiction“, die den Chanel-Nagellack Rouge Noir zur Ikone der 1990er-Jahre machte. Damals wurde überwiegend noch selbst gepinselt.

Die womöglich günstigste Maniküre der Stadt gibt es im Dong-Xuan-Center – und die beste Pho, also vietnamesische Suppe, gleich dazu. Dass so viele Nagelstudios, nicht nur in Berlin, sondern weltweit, von vietnamesischen Migranten betrieben werden, liegt an einer anderen Hollywood-Diva: Tippi Hedren, bekannt aus Hitchcocks „Die Vögel“ und Mutter der ebenfalls schauspielernden Melanie Griffith. Die Legende sagt, dass Hedren Mitte der 1970er ein Flüchtlingscamp für vietnamesische Kriegswitwen besuchte, die von Hedrens herrlich schillernden Nägeln begeistert waren. Eine Geschäftsidee war geboren: Hedren ließ ihre persönliche Nagelmammsell einfliegen, um die Frauen das Handwerk zu lehren und sie anschließend an schicke Salons in den USA zu vermitteln.

Man kann sagen, dass die Kriegswitwen ihre Chance genutzt haben. Sie gaben ihr Wissen an die Community weiter. Seitdem haben Millionen vietnamesischer Frauen Stunde um Stunde damit zugebracht, Nägel zu feilen, zu polieren, zu verlängern, zu lackieren und zu verzieren. Manche haben sich damit Imperien aufgebaut, wie Nguyen Thi Ha, die Bling-Bling-Königin des Dong-Xuan-Centers. Mit ihrem Großhandel „Ha Beauty Nails Supply“ versorgt sie Studios in ganz Europa mit Kunstnägeln und Glitzersteinchen.

An einem Mittwochvormittag lassen sich junge Mütter aus Lichtenberg hier Acrylklauen ankleben und mit dünnen silbernen Streifen bemalen. Sie unterhalten sich darüber, wie der berufliche Wiedereinstieg mit kleinen Kindern zu bewältigen sei. Ihre Idee: ein Nagelstudio ­eröffnen.

Klassische Nagelstudios fangen oft als Ein-Frau-Betriebe an. Es ist ein Geschäft, dass sich ohne große ­finanzielle Investition eröffnen lässt. Sogar von zuhause aus. Der Beruf ist nicht geschützt, man braucht dafür nur einen Gewerbeschein. Alles andere gibt es im Dong-Xuan-Center günstig zu kaufen. Reich wird man damit nicht, aber Kundschaft gibt es immer. Die Fingernägel wachsen schließlich jeden Tag und immer weniger Menschen scheint es akzeptabel, selbst Hand anzulegen. Der Trend geht zu Outsourcing, Spezialisierung, Selbstoptimierung.

Eine Veteranin der Branche erklärt mir, man müsse sich zwischen old school und new school entscheiden. Old school sind viereckige Nägel mit French Manicure, eine Technik, die ein bisschen so aussieht wie ein naives Gemälde eines natürlichen Fingernagels: die Nagelspitzen werden blendend weiß gemalt, der restliche Nagel in einem dezent schimmernden Fleischton gehalten. New School Nägel sind dagegen aggressiv spitzgefeilt und bunt. Es gelten strikte Farbcodes: Pink ist für Girlies, schwarz für Gruftis, blau und grün für Punks, knallrot für Schlampen und rosa für anständige Mädchen.

Das Studio, dass ich schließlich besuche, liegt in Mitte und sieht eher aus wie eine schicke Galerie. Hier ist man auf Modebloggerinnen und Instagram-Girls spezialisiert. Der Fingernagel der Stunde ist mandelförmig gefeilt und matt lackiert, ohne Blumenmuster oder sonstigen Schnickschnack. Der junge Mann, der für meine Nägel zuständig ist, erzählt, das Schönste an seinem Job sei, dass die Menschen sich hinterher immer besser fühlen würden. Klingt gut.

Später bekomme ich viele Komplimente für meine tollen Nägel, einmal sogar von einer Unbekannten in der S-Bahn. Eine ungewohnte Erfahrung, aber eine schöne. Während ich mich noch abmühe, mit meinen neuen Nägeln die richtigen Tasten zu treffen, um ein Bild davon auf Instagram zu teilen, verstehe ich auf einmal, warum ein Besuch im Nagelstudio so guttut: Es ist eine todsichere Methode, um die Pfoten wenigstens für eine Stunde vom Smartphone zu lassen.

Text: Diana Weis

HA Beauty Nail Supply Thi Ha Nguyen Dong Xuan Center, Halle 3, Raum 311, Herzbergstr. 128-139, Lichtenberg, Mo, Mi–Sa 10–20 Uhr, www.hanail6868.com

Studio 358 – Nails Berlin Auguststraße 35, Mitte, Mo–Fr 10–20, Sa 12–20 Uhr, www.studio358.berlin

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