Zeichnung

Grafiken von Willi Baumeister im Kupferstichkabinett

Zeichnen ist viel privater: Das Kupferstichkabinett zeigt Zeichnungen vom ­Meister der Moderne Willi Baumeister – und führt durch wichtige Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts

Willi Baumeister, Callot-Figuren auf rosa Grund, 1943, Kohle und Kreide auf Ingres-Bütten, 48,2 x 63,1 cm, © Archiv Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart

Gezeichnet hat Willi Baumeister Zeit seines Lebens. Und diese ­Arbeiten waren selten nur Skizzenvorlagen für spätere ­Gemälde, sondern immer bereits kompositorisch durchgearbeitete Blätter, die ganz für sich stehen konnten. Allerdings hat der wegweisende Praktiker und Theoretiker der Moderne, Bauhaus-Zeitgenosse und ­gefeierte Nachkriegs-Hochschullehrer sich selbst immer zunächst als Maler definiert, dann erst als Zeichner. Das Zeichnen schien Baumeister wohl privater und weniger für die große Öffentlichkeit bestimmt zu sein als die Malerei – vielleicht auch, weil einige seiner wichtigsten grafischen Arbeiten in der künstlerischen Isolation während der NS-Zeit entstanden, als er erst den Verlust seines internationalen Netzwerks, dann seiner Hochschulprofessur in Frankfurt und später noch die Zerstörung seines Ateliers in Stuttgart durch einen Bomben­angriff verkraften musste.

Auf der schwäbischen Alb, in einem kleinen Bauernzimmer, schrieb er dann nicht nur an seinem Schlüsselwerk „Das Unbekannte in der Kunst“, sondern lotete dort auch bis zum Kriegsende mittels Stift, ­Tusche, Kohle oder Ölkreide sein weiteres künstlerisches Dasein aus. Die in der Zeit entstandenen Arbeiten führten zu seinen an prähistorische Kunst erinnernden Interpretationen der Weltliteratur sowie den Lithografien des Gilgamesch-Epos. Diese grenzten sich radikal von dem zuvor von Baumeister mitentwickelten, modernen Stil ab, der dem Bauhaus-Ideal des geometrisch Abstraktem sowie dem damals gültigen Fortschrittsideal verpflichtet war – wobei gerade Baumeister durchaus auch schon in den 1920er Jahren mit organischen und ­amorphen Formen experimentiert hatte.

Kupferstichkabinett-Kurator und Baumeister-Experte Andreas Schalhorn hat sich entsprechend diesen sehr unterschiedlichen ­Lebensabschnitten die Aufgabe gestellt, aus jedem Jahrzehnt und jeder Schaffensphase Baumeisters zirka zehn Schlüsselwerke aus dem eigenen Bestand, aber auch aus dem Archiv des Kunstmuseums Stuttgart und aus Privatsammlungen zusammenzustellen, darunter Frottagen, Collagen, Ideogramme, Gouachen und Siebdrucke. Beginnend mit flächigen Werken aus den frühen 1910er-Jahren, in denen Baumeister mit seinem lebenslangen Kollegenfreund, dem späteren Bauhaus-Meister Oskar Schlemmer, an der Stuttgarter Akademie studiert hat, über die bekannten „Sportbilder“ aus den späten 1920er-Jahren, den „Flämmchenbildern“ aus den 1930er-Jahren bis hin eben zu seinem an indigene Kunst erinnernden Spätwerk und den Arbeiten der Nachkriegszeit. In letzteren wurde Baumeister wieder grafischer und abstrakter, mit deutlich ostasiatischen statt afrikanischen oder südamerikanischen Anklängen.

Abgerundet wird die Schau von Arbeiten seiner Zeitgenossen wie eben Schlemmer, aber auch Jackson Pollock und Joan Miró. Jüngere Künstler wie A. R. Penck oder Philipp Guston bezeugen zudem den Einfluss, den Willi Baumeister gerade als Zeichner auf nachfolgende Künstlergenerationen hatte und hat.

Willi Baumeister. Der Zeichner. Figur und Abstraktion in der Kunst auf Papier Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz, Kulturforum, Tiergarten, Di – Fr 10 –18 Uhr, Sa+So 11 – 18 Uhr, 9.12.– 8.4.18

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare