Buchpremiere

„Grenzgänge – 25 Wanderungen auf dem Berliner Mauerweg“ jetzt als Buch!

Am 18. September feiern wir in der Gedenkstätte Berliner Mauer die Premiere von unserem neuen Buch: „Grenzgänge – 25 Wanderungen auf dem Berliner Mauerweg“

Grenzgänge – 25 Wanderungen auf dem Berliner Mauerweg

Wenn man zu Fuß unterwegs ist, bekommt man einen anderen Blick auf diese Stadt. Und wenn man dem Verlauf der ehemaligen Grenze folgt, erst recht. Wie unser Autor „sein“ altes West-Berlin zu umrunden begann

Alles begann damit, dass ich einen kleinen Herzkasper hatte. Nix Bedrohliches – „Hatten wir das nicht alle schon mal?“, würde Homer Simpson fragen –, aber es war klar: Ich musste mein Leben ändern. Seitdem mache ich drei Mal in der Woche Sport. Und weil ich sehr viele Bücher von Lee Child gelesen hatte, begann ich zu laufen. Wie Jack Reacher. Nur durch Berlin.

Ich begann, stillgelegte Bahnstrecken abzuklappern: die Stammbahn von Zehlendorf nach Potsdam, die alte Friedhofsbahn von Wannsee nach Stahnsdorf. Und dabei fand ich mitten im Wald die Reste alter Bahnhöfe, von denen ich noch nie gehört hatte. Das wiederum führte zu einer ersten geplanten Tour – jeden Sonntag ein paar Kilometer, schnell gehend, aber nicht joggend – immer am Teltowkanal entlang, von der Dahme bis zum Griebnitzsee. Das war spannend, denn wenn man zu Fuß unterwegs ist, auf Wegen abseits der großen Verkehrsadern, bekommt man einen ganz anderen Blick auf diese Stadt, entdeckt Ecken, die man noch nicht kannte, auch wenn man – wie ich – seit 57 Jahren hier lebt. An meiner Seite: zunächst der alte Parson-Russel-Rüde Spike, der inzwischen durch die junge Irish-Terrier-Dame Cessy ersetzt wurde.

Den nächsten Plan, Berlin von Osten nach Westen abzulaufen, immer an der Spree entlang, brach ich ab, als ich die Innenstadt hinter mir und nur noch Industriegebiete vor mir hatte. Und mein Lauf die Wuhle hoch, von der Mündung an der Alten Försterei bis hin zur Quelle auf dem Friedhof von Ahrensfelde, war vor allen Dingen eines: stinklangweilig!

Ein neues Laufprojekt musste her. Nun wohne ich seit über 30 Jahren in einer Straße, die direkt von der Mauer zerschnitten wurde. Und seitdem sehe ich zu, wie sich diese Straße langsam, aber sicher verändert, wie Baulücken geschlossen werden, wie von der Teilung verschandelte Plätze sich in kleine Parklandschaften verwandeln. Jedes Frühjahr freue ich mich über die Kirschblüte auf dem ehemaligen Todesstreifen. Unter diesen Bäumen hatte meine Tochter laufen gelernt. Und noch etwas trieb mich an: Ich bin im Mauerjahr 1961 geboren, meine Eltern konnten mir nie erklären, wie diese Stadt vor ihrer Teilung und dem Mauerbau war. Jetzt fällt es mir immer noch schwer, meinen Kindern zu erklären, wie die Mauerjahre wirklich waren.

Die Irish-Terrier-Dame Cessy hat unseren Autoren Lutz Göllner auf seinen Wanderungen entlang des Mauerstreifens begleitet. Foto: F Anthea Schaap

Da lag das nächste Laufprojekt auf der Hand: Ich wollte zu Fuß mein altes West-Berlin umrunden, immer an der Mauer lang, und dabei sehen, wie sich Berlin in anderen Bezirken verändert. Und ich wollte Geschichten erzählen, die man nicht unbedingt auf Wikipedia findet, darüber, wie es damals war, wie es jetzt, nach 30 Jahren, ist, und in welche Richtung es sich noch entwickeln könnte. Der Plan war, mich dabei von Menschen begleiten zu lassen, die mir etwas erzählen können. Manchmal geplant, oft auch zufällig.  Womit ich nicht gerechnet hatte: Dieser Lauf auf dem Mauerweg veränderte auch meine eigene Sicht auf die Grenze.

28 Jahre war ich mit diesem Bauwerk konfrontiert. Egal, wohin man sich in der Halbstadt wendete, da war bald die Mauer, der Todesstreifen, Stacheldraht, Schießanlagen, Soldaten, Bogenlampen, die die Nacht zum Tag machten. Als West-Berliner nahm man diese Ungeheuerlichkeiten schulterzuckend hin: „Is’ halt so!“ Und die Drangsalierung durch Grenztruppen der Teutschn‘kratsch‘n‘Plik war zwar unangenehm, dauerte aber meist nicht lange. „Ich kann nichts, ich bin nichts, gebt mir eine Uniform“, sangen wir, wenn wir die Kontrollstelle Dreilinden hinter uns hatten.

Jetzt stand ich neben den Bogenlampen am Friedhof Pankow und starrte auf die militärischen Markierungen, die dort immer noch zu sehen sind. Sie warnten selbst die Grenzsoldaten: Wer sich unangemeldet jenseits dieser Symbole aufhält, auf den wird ohne weitere Warnung geschossen. Oben in Frohnau entdeckte ich eine Stele für einen Mauertoten, der ein ähnliches Geburtsdatum wie ich hatte und der mit 24 Jahren hier abgeknallt wurde. Und mir kamen die Tränen.

Manchmal macht mich die pure Schönheit der Veränderung sprachlos. Die Heilandskirche in Sacrow, die wie ein kleines Schiff in die Havel hinausragt, ist für mich einer der schönsten Orte der Welt.

Es gibt auch Orte, deren Skurrilität man schwer übertreffen kann: Da ist etwa der Übergang für die LKWs der Stadtreinigung zwischen Neukölln und Großziethen: Der Hügel jenseits der Grenze enthält nicht nur West-Berliner Müll aus den 70er- und 80er-Jahren, auch das, was vom Potsdamer Platz noch übrig war, wurde hier entsorgt. Die alte Autobahn zwischen Albrechts Teerofen und Dreilinden, die ich liebe. Oder das Wohngebiet zwischen dem alten Damm der Görlitzer Eisenbahn und dem Neuköllner Schifffahrtskanal. Die Anwohner hatten hier so viel Angst vor einer kriegsbedingten Hungersnot, dass Esskastanien und Buchweizen gepflanzt wurden.

Ja, ich kämpfe mit dieser widersprüchlichen Stadt, die ihre Schönheit so gerne versteckt. Und ich bin mir nicht sicher, ob der Weg Berlins in die Normalität einer europäischen Hauptstadt nun ein guter ist, oder ob diese Stadt so zerrissen, düster und dreckig wie in meiner Kindheit bleiben sollte.

Buchpremiere

Am 18. September feiern wir in der Gedenkstätte Berliner Mauer die Premiere von unserem neuen Buch: „Grenzgänge – 25 Wanderungen auf dem Berliner Mauerweg“

Mittwoch, 18. September 2019 | 19 Uhr, Gedenkstätte Berliner Mauer | Besucherzentrum | Bernauer Straße 119 | 13355 Berlin

Gespräch: Erik Heier, stellvertr. Chefredakteur tip Berlin | Prof. Dr. Axel Klausmeier, Direktor Stiftung Berliner Mauer | Michael Cramer, Mitglied des Europaparlaments | Thierry Noir, Künstler


Moderation: Lutz Göllner, Redakteur tip Berlin und Mauerbuch

Musikalischer Act von Katharina Franck (Rainbirds)