Kultur & Freizeit in Berlin

„Grimm“ in der Neuköllner Oper

Klassische Märchen als Musical. Peter Lund amüsiert sich und uns mit "Grimm" in der Neuköllner Oper.

Um aus „Rotkäppchen“ ein Musical zu machen, muss man schon sehr viel billigen Sekt getrunken haben. Oder Peter Lund heißen. Über zehn Jahre nach seinem Weggang von der Neuköllner Oper sind die Produktionen Lunds – einmal pro Jahr mit Studenten der UdK – immer noch das Rückgrat der Off-Bühne. Obwohl „Grimm“ mit einer hoffnungslos einfältigen Märchen­vorlage kämpft, wurstelt sich der Abend dermaßen klug und an­steckend aus der Fantasie-Bredouille heraus, dass man am Ende in sämtliche Darsteller verknallt ist. Diese müssen Tiere spielen. Wobei sich herausstellt, dass der böse Wolf in Wirklichkeit gar nicht böse, Schweinchen Dick gar nicht dick und Oma Eule ein auf Ratten scharfer Feger ist (ingeniös: Sophia Euskirchen als eine sportliche Mischung aus Dagmar Manzel und Herta ­Müller). Eigentlich furchtbar.
Rotkäppchen selber, die Dorothea heißt, will den faszinierenden Desperado im Wald (durchtrainiert: Jan-Philipp Rekeszus) aus eigenem, erotischem Antrieb kennenlernen. Alle Beteiligten tanzen sich einen Wolf. Das Integrationsunternehmen „Wolf im Dorf“ scheitert daran, dass kleine Zicklein für wilde Hunde einfach zu lecker sind. Hatte man alles so erwartet. Lund wäre aber nicht der Könner zweideutiger Akt-Schlüsse, der er ist, würde er nicht selbst aus dieser Fabelwald-Hölle einen wundersamen Ausgang finden. Im Berliner ­Theater der letzten 30 Jahre war dieser Mann eines von zwei, drei Originalgenies des Genres. Nie entgehen lassen! Selbst dann nicht, wenn es unter Schweinen spielt.   

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Matthias Heyde

Adresse + Termine: Neuköllner Oper, ?Karten-Tel. 68 89 07 77

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