Grüne Woche

Jürgen Laarmann sprintet über die Grüne Woche und macht kuriose Entdeckungen

Ich liebe die Grüne Woche. Ich mag die Idee, dass alle Nationen ihre besten Lebensmittel und Speisen herbeibringen und eine Art Schlaraffenland herzaubern. United Nations of Food!


Ausstellungshalle von Russland bei der Grünen Woche. Foto: imago images / snapshot

Na gut, die Realität weicht davon ein ganzes Stück ab, aber trotzdem freue ich mich auf der Grünen Woche allerlei Dinge zu kosten und zu kaufen, die ich vermutlich erst im nächsten Jahr dort wieder finden werde. Und sie ist ein willkommener Anlass, den „Dry January“ Kurzzeitig zu unterbrechen. Diesmal starte ich vom Eingang der Messe Süd – wo eine Streetfood Halle und eine riesige Russland Halle die „World Tour“ (wie die Messe den Food-Rundgang nennt) starten lassen. Die Street Food Halle ist ziemlich ramschig und präsentiert allerlei, was es auch anderswo gibt. Immerhin entdecke ich dort „Mada Spice“, meinen liebsten Gewürzhändler mit Gewürzen aus Madagaskar, der eine breite Auswahl an Pfeffern und Curries bereithält. Neu im Sortiment: Moringa Pulver vom Meerrettich-Baum, das gegen praktisch alle Krankheiten der Welt helfen soll. Ich kaufe zur Sicherheit noch gleich ein paar Moringa-Samen dazu, um mir selber ein Bäumchen auf der Fensterbank zu züchten. Direkt daneben warten übrigens diverse Insekten-Snack Anbieter, vor ein paar Jahren gab es noch einen Hype darum, heute hat der Andrang merklich nachgelassen.

Die Russland Halle war früher gefährlicher. Beinahe überall wurde ein Glas Wodka mit einem Häppchen Kaviar für einen Euro gereicht und wenn man zuviel Spaß damit hatte, war die Messe bereits hier gelaufen und man blieb trunken inmitten von traditionellen Folkloregruppen in rustikalem Ambiente hängen. 2020 präsentiert sich die Russlandhalle clean und strahlend weiß. Die einzelnen Regionen von Samara bis Altai präsentieren sich mit nichts, was man brauchen könnte, immerhin reichen zwei russische Köche Blinis mit Lachskaviar. Als ich frage, was es kostet, meinen sie „Nix. Is Kommunismus“. Ein sympathisches Ereignis, dass ich von der Grünen Woche seit Jahren nicht mehr kenne, denn außer winzigen Warenproben wie Käsesplittern kosten die meisten Mini-Häppchen inzwischen eher zwei als einen Euro.

Der schwedische Stand bei der Grünen Woche. Foto: imago images / Metodi Popow

Weiter in die Halle 4.2. – ich lasse die Schweiz, Italien und Frankreich links liegen, da deren Produkte hinreichend bekannt und hierzulande gut erhältlich sind. Erstaunt bin ich über Liechtenstein, dass sich als alpine Craftbeer-Nation präsentiert und koste das leckere Alpen Pale Ale. Lustigerweise ist auch die Mongolei mitten in dieser Halle mit einer Jurte. Hier gibt es immer herausragenden, aber auch extrem teuren Wodka. Einen Shot in Ehren, eine Flasche für bis zu 90 Euro leiste ich mir dann doch nicht.

Weiter in Halle 6.2a. Erstmal einen Kaffee aus Kolumbien. Und Staunen, was Katar so anzubieten hat. Wasser in Plastikflaschen und Pralinen, nix besonderes. Von Aserbaidschan bleiben vor allen Dingen die Tänzerinnen in Erinnerung, die die Veranstaltung optisch aufwerten.

Schnell weiter in Halle 7.2.C. – der Portugalstand ist immer einen Besuch wert: die leckeren Douro Weine, aber auch das gute Olivenöl, von dem ich mir traditionell immer ein 2er Pack mitnehme. Ein kulinarisches Highlight ist immer die Halle der nordischen Länder 8.2. – Elchhäppchen aus Schweden, Aquavit aus Norwegen, Lachs Lachs Lachs, allein Litauen, das mit Bier für 1 Euro wirbt, enttäuscht mit brühwarmer Plörre in 0,2 l Plastikbecher.

Deftige Kost gibt es in der Bulgarien-Polen-Tschechien-Ungarn Halle, Immerhin gibts bei den Polen außer Wurst-Wurst-Wurst auch Mariendistel-Pulver, was bei der Lebergeneration nach allzu heftigem Alkoholgenuss hilft.

Ich kämpfe mich weiter zur Holland Halle, wo es einen großen Stand mit Trappistenbier gibt: das heftige Quadrupel Trappists mit 10 % Alkoholgehalt knallt gut rein. So lässt sich dann ein Abstecher in die deutschen Bundesländer gut verkraften: „Grüne Sosse“ bei den Hessen inklusive einer Jazzkapelle, die „Erbarmen die Hesse komme“ intoniert, die Brandenburg Halle, in der es mir gelingt, auch um diese Jahreszeit noch Teltower Rübchen zu kaufen und Berlin, wo sich traditionell der Likörhersteller Mampe (Tipp aus dem Sortiment: der Flieger-Drink), Florida Eis und der Kakao Shooting Star Kaowach sowie Rauch Schokoladen präsentieren.

Leicht abgeknallt verlasse ich das Gebäude am Nordeingang und freu mich jetzt schon auf die nächste Grüne Woche!