Lesefest

Hafenrevue reloaded im LCB

Literaturjahr ahoi! Bei der Hafenrevue reloaded bringt das Online-Portal Literaturport etablierte Institutionen und kleine Szeneveranstalter zusammen

Foto: lcb/ Tobias Bohm
Foto: lcb/ Tobias Bohm

Anker ausgeworfen und angelegt! So, bitte. Bei einer Veranstaltung, die das Wort „Hafenrevue“ im Titel führt, gehen uns doch die maritimen Metaphern leicht von der Hand. An Bord sind 18 Veranstalter, die einen Abend lang gemeinsam am Wannsee ankern. Zusammengetrommelt hat sie der Literaturport, seit nunmehr elf Jahren wichtiges Web-Portal für die Berliner Literaturvermittler. Statt Schunkelgut in schummrigen Spelunken bekommen Kulturfreunde aber reichlich Lesestoff über die Bordwand geworfen.
Das Programm läuft parallel auf drei Bühnen ab: Berlins Literatur-Veranstaltungs­szene im Schnelldurchlauf. Schon im Herbst 2015 lud man ins Literarische Colloquium zum großen Relaunch-Fest der Literaturport-Seite. Der Neustart machte möglich, dass auch kleine Szeneorte und Konzepte jenseits der etablierten Institutionen den Kalender mit Veranstaltungen befüllen können.
Jetzt bekommt das Hafenrevue-Format als Jahresauftakt-Event mit vielen neuen Teilnehmern und wärmendem Zubehör wie Feuerschalen und Feuerzangenbowle ein neues Erscheinungsbild. Das Revue-Prinzip: ein Nebeneinander von Leseratten-Stammadressen wie dem Literaturhaus, der Akademie der Künste oder Britta Gansebohms Literatursalon und Orten, die noch als Geheimtipp durchgehen. Abseits der gut gut ausgetretenen Literaturwege liegt beispielsweise die Bezirkszentralbibliothek „Mark Twain” in Marzahn-Hellersdorf. Neben gut ausgewählten Lesungen und Schreibwerkstätten macht sie auch durch originelle Reihen Lust auf einen Besuch, wie mit den „Schwebenden Bücher“, bei denen die besprochenen Werke wie Wäschestücke an einer Leine im Saal aufgehängt werden. Die drei Bibliothekarinnen Daniela Boremski, Kerstin Morgenstern und Renate Zimmermann haben Geschichten aus ihrem Alltag in einem Band versammelt und spielen daraus heute kleine Szenen zum Thema Stilblüten.

Dass Bewährtes und Innovatives gleichermaßen seinen Platz im Programm hat, gilt auch für die Lesebühnen, von denen mehrere Station machen im Pop-Up-Hafen. Die Reformbühne Heim & Welt ist als dienstälteste aktive Lesebühne der Stadt (seit 1995 stehen Männer wie Ahne und Jürgen Witte vor dem Mikro) ebenso dabei wie jüngere Varianten. Beim nomadisch von Ort zu Ort ziehenden „Konzept Feuerpudel“ von Alexander Lehnert werden Texte anonym vorgetragen, damit scheue Autoren sich nicht outen müssen. Seit Herbst 2016 lassen die Feuerpudel-Macher die Wortvorträge durch einen Live-Illustrator zeichnerisch begleiten, ein Trend, der derzeit immer beliebter wird.

Nach gut zwei Jahren schon fest etabliert im Hauptstadt-Lesebühnenbetrieb ist die Reihe Hauser & Tiger aus Moabit. Mitbringen werden die beiden Gründerinnen Patricia Spies und Victoria Hahn mit Hendrik Otremba einen ihrer Lieblingsgäste aus dem letzten Jahr. Der Sänger der Post-Punk-Band „Messer“ stellt sein Prosadebüt „Über uns der Schaum“ vor, das im März erscheint.

Überhaupt Musik: Die gehört zu einer Revue wie das Schiff aufs Wasser. Musikeinlagen lockern die Lesungen und Vorträge auf, zum Abschluss des Abend steigt ein improvisiertes Hauskonzert im Foyer mit fünf Musikern, die selbst eng mit dem Literaturbetrieb verbunden sind. Kookverein-Mitstreiterin Josepha Conrad, bekannt für ihr Bandprojekt Susie Asado, verknüpft gern schräge Lyrik mit Indie-Folk-Sounds, während der Autor David Wagner („Meine nachtblaue Hose“, „Leben“, „Ein Zimmer im Hotel“) exklusiv seine Klarinetten-Fertigkeiten darbietet.

Los geht der Abend mit einem eher wortreichen Konzert voller Wünsche aller Teilnehmen für das neue Literaturjahr: Viele schöne Debüts, langfristige Förderung oder mehr Licht in der Grauzone zwischen U- und E-Literatur sind nur einige davon. Für die Besucher bleibt zu wünschen, dass aus dem einmaligen Abend ein jährliches Ritual wird.

Literarisches Colloquium Berlin 27.1., ab 20 Uhr, Am Sandwerder 5, Wannsee, Eintritt 8/ erm. 5 Euro, www.lcb.de, www.literaturport.de

Veranstalter und Termine

Literaturhaus 1.2., 20 Uhr, „Manuela Reichart: Beziehungsweisen“, Fasanenstr. 23, Charlottenburg, www.literaturhaus.de

Akademie der Künste 28.2., 20 Uhr, „Adolf Muschg: Der weiße Freitag“, Pariser Platz 4, Mitte, www.adk.de

Britta Gansebohms: Der literarische Salon 16.2., 20.30 Uhr, „Deniz Yücel: Taksim ist überall. Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei“, Z-Bar, Bergstr. 2, Mitte, www.salonkultur.de

Bezirkszentralbibliothek „Mark Twain” 1.2., 18 Uhr, Gesprächsreihe „Schwebende Bücher“; 20.2., 20 Uhr, „Torstraße 94“ Lesung mit Andreas Ulrich, Marzahner Promenade 55, Marzahn, www.berlin.de/bibliotheken-mh

Reformbühne Heim und Welt Immer sonntags, 20 Uhr, Jägerklause, Grünberger Str. 1, Friedrichshain, www.reformbuehne.de

Konzept Feuerpudel – Anonyme Lesebühne mit wechselnden Orten 7.2., 20 Uhr, Regenbogenfabrik, Kreuzberg, Lausitzer Str. 22, www.gleiswildnis.de

Hauser & Tiger – Lesebühne in Moabit 24.2., 20 Uhr, „Text & Form #1“, Kallasch & Moabiter Barprojekt, Unionstr. 2, Moabit
www.hauserundtiger.de

Kookverein, verbunden mit dem Text-Ton-Label Kook 24.2., 20 Uhr, „Auf Tonspur zwischen Affronten“, Kvartira 62, Lübbener Str. 18, Kreuzberg, www.kookverein.de

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]