Arthouse-Grusel

„Hagazussa – Der Hexenfluch“ im Kino

„Das Schönste ist, wenn der Film nachwirkt“ – Der in Berlin lebende Österreicher Lukas Feigelfeld über archaische Mythen und die Finanzierung seines Arthouse-Horrorfilms „Hagazussa – Der Hexenfluch“

Forgotten Film

Eine Szene aus den österreichischen ­Bergen: Zwei Frauen sitzen beisammen. Über ihnen der blaue Himmel, ­rundherum grüne Wiesen, am Horizont ein paar ­Gipfel. Die eine Frau würde gern ein wenig mehr über die andere wissen, denn Albrun ist eine Außenseiterin. Sie lebt allein mit ­ihrem Kind in einer Hütte, über den Vater weiß niemand etwas, das Kind könnte auch vom Teufel persönlich sein.
„Hagazussa“ von Lukas Feigelfeld führt uns in eine Zeit am Ende des Mittelalters, als die Leute noch allerlei geglaubt haben. Zum Beispiel auch an Hexerei, also an die Möglichkeit, dass Frauen mit dem Bösen im Bund stehen. „Hagazussa“ ist ein altes Wort für Hexen, mit seinem archaischen Klang ist es ein idealer Titel für einen der interessantesten und spannendsten Filme, die in ­letzter Zeit, auch in Berlin, entstanden sind.

Regisseur Lukas Feigelfeld ist Österreicher, und er kennt die Berge, die das idyllische Salzkammergut durchziehen, aus seiner Kindheit ganz gut. Bad Ischl und der Wolfgangsee: klassische Touristenziele, zu denen man nun eine schauerliche ­Gegengeschichte erzählt bekommt. Seit vielen Jahren lebt Feigelfeld in Berlin, sodass es nicht allzu schwierig ist, sich mit ihm zu einem Gespräch zu verabreden, um über eine überraschende Erfolgsgeschichte zu sprechen – am Heinrichplatz in Kreuzberg.

Denn ganz einfach war es nicht, ­diesen grenzgängerischen Film in die Welt zu ­setzen. Inzwischen hat „Hagazussa“, für Feigelfeld seine Abschlussarbeit an der Berliner Filmhochschule dffb, eine beachtliche Karriere auf internationalen Festivals ­gemacht. Das hat auch damit zu tun, dass er sich auf zweierlei Weise sehen lässt: „Auf der Genreschiene hat es bisher super funktioniert“, erzählt Lukas Feigelfeld, „auch wenn manchmal Leute enttäuscht sind, weil sie sich gern mehr gefürchtet hätten. Aber viele haben ihn auch als Arthouse-Film gesehen, auch da hatten wir tolle Festivaleinladungen.“

Im heutigen Filmbetrieb kommt es mehr denn je auf genaue Sortierung an. Insofern hat Feigelfeld einiges riskiert, als er sich auf dieses Projekt einließ. „Normalerweise sucht man für so eine Produktion nach einem Fernsehsender, wir haben aber keinen gefunden. Die dffb hat uns trotzdem vertraut, aber das Budget war schließlich sehr begrenzt.“ De facto ist „Hagazussa“ in Tranchen entstanden, zweimal wurde in den Bergen gefilmt, das Innere der Hütte wurde in einem Studio in Berlin gebaut.

Forgotten Film

Feigelfeld ließ sich für seine Vorstellungen von einer archaischen Zivilisation von Motiven aus seiner Kindheit inspirieren: „Da waren immer noch Geschichten von Hexen im Umlauf, und jedes Jahr kam der Krampus. Diese Perchtenkostüme vergisst man nicht.“ Auch eine gewisse „schöne Schroffheit der Natur“, wie er sie wahrnahm, ging in „Hagazussa“ ein – mit der Kamerafrau Mariel Bacqueiro betreibt er in Berlin auch eine kleine Firma namens Retina Fabrik, mit der er gelegentlich Musikvideos macht.

Die Figur der Albrun ist eine klassische Projektionsfläche. Das beginnt mit dem Namen („bei Alb denkt man an den Kobold, der sich bei Albträumen auf die Brust setzt“), und setzt sich in eine zunehmende Spannung hinein fort, wo in „Hagazussa“ die Realität aufhört und die wilden Fantasien von Albrun beginnen. Feigelfeld betont, dass ihm vor allem an einem „sensorischen Eindruck“ gelegen war. „Das Schönste ist, wenn der Film nach ein paar Tagen noch nachwirkt, so wie nach einem intensiven Traum, an dessen Inhalt man sich gar nicht mehr so genau erinnert, aber dessen Stimmung einen noch Tage später nicht loslässt.“

Zu diesem intensiven Eindruck und zu den großartig mit der Angstlust vor ­Sexualität und Tod spielenden Szenen trägt nicht zuletzt die Musik bei. „Die kommt von dem griechischen Duo MMMD, früher hießen sie Mohammad. Sie machen schon seit den 90er-Jahren diese Drone-Musik mit Cello, und nennen das Chamberdoom. Beim Schreiben des Drehbuchs habe ich das viel gehört, und schließlich habe ich sie kontaktiert. Es war der erste Soundtrack für sie. Sie sind ein wenig eigenbrötlerisch, man ­konnte nicht viel mit ihnen diskutieren, sie ­haben den Film aber toll interpretiert.“

In Berlin bewegt sich Lukas Feigelfeld viel in der Musikszene: „Ich arbeite gern in verschiedenen Feldern.“ Noch hat er das eigene Geld, das er auch in ­„Hagazussa“ gesteckt hat, nicht vollständig wieder ­zurück, aber es spricht doch viel dafür, dass er beim zweiten Film eine bessere Finanzierung bekommen kann.
Auf das Horrorgenre, zu dem „Haga­zussa“ sowieso nur zum Teil gehört, will er sich nicht festlegen lassen. Aber: „Es bleibt düster. Ich schreibe etwas, das mit der nahen Zukunft in Europa zu tun hat, mit dem Aufkommen von Rechtsextremismus und Gewalt. Das soll kein blutrünstiger Film werden, aber ich ­frage mich, was die Angst vor dem Fremden mit Menschen macht.“ Darauf gibt es in „Hagazussa“ auch schon ein paar visionäre Antworten, und vom „Christlichen Abendland“ wird man danach ein wenig vorsichtiger sprechen.

Hagazussa – Der Hexenfluch D/A 2017, 102 Min., R: Lukas Feigelfeld, D: ­Aleksandra Cwen, Celina Peter, Claudia Martini, Tanja Petrovsky, Start: 17.5.

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