Lesungen und Bücher in Berlin

„Hagemeisters Heft 1“ von Claudius Hagemeister

Das Heft des Handelns: Wie der bemerkenswerte Kurz-Prosaist Claudius Hagemeister sich als Schriftsteller wiederfindet.

Claudius Hagemeister

Neulich hat Claudius Hagemeister seinen allerersten Roman-Versuch weggeworfen. Eine fiktive Terroristen-Biografie war das. Sehr wüst offenbar. Oder wie Hagemeister sagt: „Testosterongesteuerte Gewaltscheiße.“ Was man eben so raushaut mit 16. Lange her. Seltsam, das. Ein Schriftsteller, der erste Schreibversuche in den Müll tut?
Ach, sagt Hagemeister. Wenn er mal sterbe, solle sein Sohn nicht dieses Zeug finden. Hagemeister ist Jahrgang 1968. Sein Sohn ist zehn. Das Sterben, es hat noch Zeit. So sei es.
Ein Schriftsteller. Vielleicht muss diese Geschichte genau mit diesen Fragen beginnen. Wann man ein Schriftsteller ist. Sich so fühlt. Wie lange dieses Gefühl bleibt. Wann es geht.
Weil es fünf Jahre her ist, seit zuletzt etwas Literarisches gedruckt erschien von Claudius Hagemeister. Eine Erzählung, „Marlou hatte Schuhe an“, in einer Weihnachts-Anthologie,  die Feridun Zaimoglu herausgegeben hatte. Im laufenden Jahr 2015 hatte er bislang eine Lesung. Das soll sich ändern. Jetzt. Mit „Hagemeisters Heft“. Acht Seiten nur. Kurze Prosa. Stilistisch versponnen. Manchmal grotesk. Stellenweise brillant. Man kann sagen: Es wurde auch Zeit dafür. Höchste Zeit.
Im Heft schreibt er einmal, wie die Hauptfigur, sie heißt, ja nun, Hagemeister, die Telefonnumer des ehemaligen Lohnbuchhalters „unauslöschlich“ im Kopf habe, „als könne die bloße Erinnerung an Festanstellung Sicherheit schaffen“.
Ein Mittwochmorgen, Moabit, ein Cafй in der Birkenstraße. Hagemeister kommt rein. Schmal, schlaksig. Ganz in schwarz. Etwas zu spät. Ein paar Minuten nur. Er ist übermüdet, sagt er. Gestern Abendschicht beim RBB-Inforadio. Bis 23 Uhr. Als Aushilfs-Programmassistent für Verkehrsfunk. Seit sieben Jahren macht er das. Der Job ist genauso, wie er klingt. Ein Job für Butter und Brot. Die viel bemühte prekäre Künstlerexistenz, das verdammte Berlin-Klischee. Wenig bleibt davon übrig, wenn manche Tage in diese eine Frage münden: Wo ist die Milch am allerbilligsten?
Unzählige Male zog er um. Tiergarten, Mitte, Prenzlauer Berg. Nun Moabit. Jetzt geht es besser, er schreibt manchmal Drehbücher. Früher für Computerspiele, jetzt fürs Fernsehen.
Im Netz findet man einen Clip, den Wolf Hogekamp und Bas Böttcher, die Poetry-Slam-Pioniere, 2001 gedreht haben. Im Close-up: Hagemeisters hakenscharfes Gesicht. Er schleudert Assoziationsketten raus. „Auf den Ringen des Saturns flanieren Desperados – verloren wie das Mädchen, das mager wurde, weil es die Lebensmittel weinen zu hören glaubte.“ 
Hagemeister, eineinhalb Jahrzehnte später: „Oh, dieser Clip! Ist dir aufgefallen, dass ich nicht ein einziges Mal blinzle?“ Er lacht schallend. „Sehe ich nicht total irre aus?“
Zwei Jahre zuvor war da sein Debüt erschienen, „Tanne & Quadrat“. Er gewann auch einige Poetry Slams. Schrieb fern vom Markt eigensinnige Texte. Es fügte sich einfach nichts zusammen. Und doch ist es ihm kein Hobby, das Schreiben. Nie gewesen. Bei all den Jobs, die er, der einst von der Schule geflogen war, so hatte: „Hagemeisters Heft“ handelt von Arbeit und ihrer Vermeidung – aber es ist keine Selbsttherapie. Hagemeister sinniert, wie Jobs über gesellschaftliche Reputation entscheiden. Wie trügerisch das sein kann. Wie falsch.
Sein Traum ist, dass er dieses Heft, 500 Stück Auflage, fortan halbjährlich herausgeben wird. Dass er wieder wahrgenommen wird. Als Schriftsteller.
Und dass, wenn sein Sohn eines Tages in seinem Nachlass stöbert, er „Hagemeisters Heft“ vorfindet. Dann soll er sehen, dass es gut ist.

Text: Erik Heier

Foto: C4 / Kerstin Jasinszczak

Hagemeisters Heft 1 von C. Hagemeister, 8 Seiten, 0,10 Euro