Abschied

Hagen Liebing – Nachruf von Lutz Göllner

Es mag manchen Stammleser des „tip“ merkwürdig erscheinen, dass kein langjähriger Redaktionskollege den Nachruf für Hagen Liebing schreibt, sondern ein hergelaufener alter Zausel von der Konkurrenz „zitty“. Aber genau das war Hagens Wunsch, denn wir kannten uns seit vielen Jahren. Woher, konnten wir nie klären.

Hagen Liebing
Hagen Liebing, Sommer 2016/ Foto: Christine Heise

           War es die Uni? Unwahrscheinlich. Hagen hatte an der TU studiert, ich an der FU.

Vielleicht über einen gemeinsamen Freund, mit dem ich schon immer eine gewisse Begeisterung für Comics teilte?

Es könnte auch Tennis Borussia gewesen sein, deren langjähriger Pressemann Hagen gewesen ist. Und für die mein Herz auch immer eher schlug, als für die Tante Hertha.

Am wahrscheinlichsten ist noch die These, dass West-Berlin eben doch ein großes Dorf war, in dem jeder jeden kannte. Hagen F. Liebing und ich sind ein Jahrgang (1961, Mauerjahrgang, die Härtesten), haben lange in der selben Stadt gelebt, in den gleichen Kreisen verkehrt – er als Akteur in einigen der tollsten Bands der Mauerstadt (was hatte Berlin für eine Musikszene in den 80er Jahren!), ich immer nur als Beobachter –, wir kannten die gleichen Leute, haben die selben Konzerte besucht. Wir mussten uns kennen. Dass wir uns auch sympathisch fanden, war nur die Sahne auf dem Kuchen.

Natürlich waren „zitty“ und „tip“ Konkurrenten und das fanden wir beide auch gut so. Aber wenn wir uns begegneten gab es niemals persönliche Spitzen gegeneinander. So eine Denke war Hagen immer fremd. Wir machten lieber Scherze über unsere jeweiligen Geschäftsführer. Und über die Kollegen, die sich in Animositäten gegenüber standen.

Ich gestehe: Ich habe den „tip“-Musikteil immer sehr viel lieber gelesen, als den in der „zitty“. Das war schon zu Zeiten von Wolfgang Doebeling so. Und das änderte sich nicht, als Hagen der Musikredakteur wurde. Hagen stammte aus jener Zeit, als Musik noch den Soundtrack zur Gegenöffentlichkeit bildete. Und als Musik eine Art Klebstoff war, um Menschen miteinander zu verbinden. Hagen hatte das verinnerlicht und führte sein Ressort so, dass jeder Leser etwas Interessantes finden konnte, vom Heavy-Metal-Schüttler bis hin zum Techno-Jünger. Dabei wirkte Hagens Urteil – und das seiner Autoren – niemals beliebig oder gefällig. „The Incredible Hagen“ wusste unglaublich viel über Musik, aber konnte diese auch in geschichtliche und sozio-kulturelle Zusammenhänge stellen. In seinen oft von freundlicher Ironie durchzogenen Texten feierte er die alten Helden ab, förderte aber auch immer Newcomer. Das ganze Berlin wollte er musikalisch abbilden. Was für eine Aufgabe!

Als „zitty“ und „tip“ zusammen zogen, war es Hagen, der ein selbstgemaltes Willkommensschild an die Tür pinnte. (Nach den Attentaten von Paris und einer „zitty“-Titelgeschichte über Religion, war es auch Hagen, der mittels einer genauen Skizze potenziellen Terroristen den Weg zur „zitty“-Redaktion erklärte. Schwamm drüber!) Hagen war absolut ohne Arroganz anderen Menschen gegenüber, eine Seltenheit in unserem Beruf. Vor einigen Wochen habe ich mich mit Kollegen darüber unterhalten, warum das so war, und unsere Erklärung ging so: Journalisten wären schrecklich gerne ganz dolle wichtig. Hagen war viele Jahre lang Bassist in der „Besten Band der Welt“. Er musste sich nichts mehr beweisen. Und anderen schon gar nicht. Lieber erzählte er voller Zärtlichkeit von seiner „Lady“. Und von seinen beiden Kindern, auf die er so stolz war. Als es für einen Mann noch nicht üblich war, vor 20 Jahren, ging Hagen mit größter Selbstverständlichkeit in die Elternzeit, um diesen Kindern nah zu sein.

Im Frühjahr wurden Hirntumore bei Hagen diagnostiziert. Die Chemotherapie, die sein Leben vielleicht um einige Monate verlängert hätte, brach er ab, weil er sich „wie gegrillt“ fühlte. Lieber wollte er noch eine gute Lebenszeit mit seiner Familie verbringen. Hagen nahm sein Schicksal an. Wenn man ihn besuchte – egal ob zu Hause in seinem Garten, wo er sich mit einem zerlöcherten Strohhut auf dem Kopf um die Blumen kümmerte, oder am Ende im Hospiz – fielen ihm im Gespräch nur positive Dinge ein: Musik hören, Kaffee trinken, lesen, die Zeit, die man hat, sinnvoll nutzen. Und dann in Würde gehen.

Ach, Hagen, ich werde Dich vermissen. Aber ich werde Dich ganz bestimmt niemals vergessen, Deine Warmherzigkeit, Deinen Humor (soll ich mal den furchtbar geschmacklosen Witz wiederholen, den Hagen am ersten Tag in der gemeinsamen Redaktion erzählte? Besser nicht!), Deine Freundlichkeit, Dein Wissen und Deinen Musikgeschmack.

Wo immer Du jetzt auch bist, möge Dein Song dort für immer gespielt werden.

 

Schwerer Abschied – Nachruf auf Hagen Liebing von Wolfgang Doebeling

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