Rap

Popstar der Stunde – Haiyti spielt im Astra

Boss auf Plateauschuhen Keiner kapiert Haiyti, den Popstar der Stunde. Was macht den Sound
der Neuberlinerin, die ein Leben zwischen Straße und Kunsthochschule kultiviert, so unerhört?

Foto: Tim Brünning

Am liebsten wäre Haiyti an einem anderen Ort. Im Bett zum Beispiel. Und ­eigentlich kann sie dieses Interview gerade gar nicht führen: Zu müde ist sie vom Trubel der letzten Tage. Haiyti spricht leise und heiser. Es ist November in Berlin, und die Veröffentlichung ihres Albums „Monte­negro Zero“ steht bevor. Es ist das Major-Debüt eines Rap-Shootingstars, der seit zwei Jahren beständig Mixtapes und EPs veröffentlicht – in einer Taktung, die ihresgleichen sucht.

Und will man sich Haiyti nicht auch an einem anderen Ort vorstellen als im Konferenzraum ihrer Promofirma? In einem räudigen Club etwa, im Kreise finsterer Typen mit Knast-Tattoos? Haiyti, der Popstar der Stunde. Eine knapp 1,60 Meter große, ihr Alter geheim haltende Traumfabrik für harte Rapfans wie Bildungsbürger. Ronja Zschoche, wie Haiyti wirklich heißt, kultiviert einen Lifestyle zwischen rauem Straßenleben und Kunsthochschule, hängt rum mit harten Jungs wie dem Rapper Joey Bargeld, erzählt in ihren Songs Geschichten über Drogen und Exzesse – und studiert Kunst in Hamburg. Zumindest bis vorletzte Woche noch, da ist sie nämlich nach Berlin gezogen.

Haiytis klassische Rap-Ästhetik ist angereichert mit schwülem Saint-Tropez-Glamour in der Kaugummiautomaten-Version: bling-bling-billig, ultralässig. Alle wollen Haiyti.
Aber was will sie? Am liebsten wohl: sofort neue Tracks machen. Haiyti wurde berühmt mit ihrem radikalen Do-it-yourself-Programm: Sie schreibt so schnell, wie andere rappen. Haiytis oft skizzenhafte Tracks sind ein ausgestreckter Mittelfinger an die saturierten Big Player im ­Hip-Hop, die Güte über teure Produktionen definieren. Aber kann man so noch agieren, wenn man vom Eigenvertrieb zu einem großen Label wechselt? „Ich habe mich da geändert”, sagt Haiyti. Früher habe sie einen Song produziert, ihn weggeschickt und nicht mehr probegehört. „Hauptsache raus, raus, raus. Mittlerweile höre ich mir Songs zumindest an, bevor ich sie raushaue. Die Texte und Song­ideen entstehen bei mir aber immer noch im Affekt, durch Zufall.“ Ob sie manche Veröffentlichungen bereue? „Klar. Ich würde am ­liebsten ganze Alben löschen.“
Überhaupt, Affekt: ein Schlüsselwort im Haiyti-Kosmos. „Wenn man etwas im Affekt erschafft und es dann auch noch gut ist, hat das etwas sehr Absolutes. Das ist das Beste, was einem passieren kann”, sagt Haiyti. „Aber dabei kann natürlich auch Schlechtes rauskommen. Ich habe mir durch Handlungen im Affekt schon einiges kaputtgemacht. Ich habe Shows verloren, Features, Geld und Freunde.“

Man muss sich irgendwie verhalten zu Haiyti. Urteile zwischen „genial“ und „nervig“ sind rar, zu polarisierend ist ihr Stil: eine artifizielle Mischung aus Plastikpop und Trap, einem HipHop-Subgenre aus den Südstaaten der USA, das auf synthetischen, basslastigen Sounds basiert. In einem Song stecken Ideen für zehn; Haiyti schreit und kräht mit heiserer Stimme, flicht Dada-Unsinn in ihre Lyrics ein, als hätte sie spontan der Teufel geritten. All diese Übersprungshandlungen machen ihr Zeichensystem schwer dechiffrierbar – und dadurch mächtig interessant.

Immer wieder fällt das Wort Punk, wenn es um Haiyti geht, dabei hört sie gar keine ­Gitarrenmusik. „Wenn mich Leute mit Punk in Verbindung bringen, meinen sie meine Haltung“, sagt Haiyti. „Ich will provozieren. Aber jetzt werde ich stärker ausgebremst. Wenn du bekannt wirst, warten die Leute ­darauf, dass du einen Fehler machst.“

Und das gilt doppelt so sehr, wenn man als Frau im HipHop reüssiert. „Hayiti macht jetzt Kasse“ stand kürzlich auf dem Cover des Rap-Magazins Juice. In der 20-jährigen Geschichte des Heftes ist Haiyti erst die dritte Frau, die es zur Titelheldin gebracht hat – nach den Amerikanerinnen Foxy Brown und Missy Elliot. Ein Durchbruch. Und Haiyti? Interessiert das nicht. „Im Grunde ist jeder Rapper sexistisch, also bin ich es auch. Das gehört dazu”, sagt sie. „Gleichzeitig kriege ich genauso viel Sexismus ab wie jede Frau. Aber ich habe andere Ziele, als mich darüber aufzuregen. Wenn dir jemand an den Arsch fasst, ist es halt so. Entweder dir rutscht dann die Hand aus oder eben nicht.“

Haiyti hat die Regeln, die das Business Frauen auferlegt, internalisiert – und bricht sie zugleich. Wenn sie singt und rappt, ist sie Boss, Anheizerin oder Schreckschraube, nie aber passives Opfer. Feministisch ist das nicht zwangsläufig; bemerkenswert hingegen schon.

Vor allem, weil sie auch anders kann als rough. So gleichgültig, lässig und stylish, wie Haiyti im Video zu ihrem Song „100.000 Fans“ auf Plateauschuhen durch verschiedenste Stil-Epochen marschiert; so knackig und tight die Produktion von „Montenegro Zero“ klingt; so genial disparat die Versatzstücke der gesamten Figur Haiyti wirken – so irritierend sind ihre Lyrics: „Was soll ich mit allem Gold der Welt? Ich will nur ein bisschen Zeit mit dir“, singt sie im Song „Gold“. Cash und Drogen, die Themen des amtlichen Deutschrap, durchwirkt mit Kitsch.

Man könnte behaupten: Keiner kapiert ­Haiyti. Wohl deshalb glückt ihr das Kunststück, sowohl Darling der Kritiker als auch der harten Rapfans zu sein. Nicht, weil man ihr alles, was sie in ihren Songs so gewehrsalvenartig rappt, genauso abkauft. Sondern weil ihr Überwältigungsprogramm die Frage, ob das überhaupt wichtig ist, vergessen macht. Das Versprechen, das die schillernde Figur Haiyti gibt, mag „Montenegro Zero“ nicht in allen Momenten einlösen. Eine der spannendsten Künstlerinnen, die der hiesige Pop gerade zu bieten hat, ist Haiyti allemal.

Sie selbst macht der Hype um ihre Person nicht uneingeschränkt glücklich. „Ich habe mich jahrelang geweigert, ins System zu kommen. Ich habe keinen Kalender benutzt, in Cafés gejobbt und ein unabhängiges Leben geführt”, sagt sie. „Jetzt muss ich funktionieren, und das stört mich.“ Haiyti, der wohl unwahrscheinlichste Popstar der Gegenwart, ist hibbelig. Sie will weg. Entlassen wir sie also: ins Bett, in den Club, ins Atelier. Wohin genau, werden wir von ihr nicht erfahren. Und das ist fantastisch.

Astra Revaler Str. 99, Friedrichshain, Fr 16.3., 20 Uhr, VVK 24,50 € zzgl. Gebühren

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