Jackie A. entdeckt...

Halloween-Moralapostel

Zur Halloween-Party besorgte ich mir ein besonderes Kostüm – ich ging als dein schlechtes Gewissen! Das war optisch schon eine Herausforderung, der Rock in vorwurfsvollviolett viel zu breit ausgestellt, dazu der Kopfschmuck „mahnender Zeigefinger“, improvisiert aus einem Würstchen, irgendwie missverständlich, und so gab es unter den verdutzten Gästen nur sehr vereinzelten Applaus.

Für diesen Text hier will ich es aber gern nochmal überziehen. *Pause. Rascheln. Zurück am Gerät.* Berliner! Wo warst Du? Andauernd treff’ ich Dich! Ange­dödelt am Caipirinha-Stand auf dem Foodmarket, ungünstig verrenkt im Yogastudio, an einen leeren Becher geklammert, und von der Welt enttäuscht am Tanzflächenrand… Und jedes Mal, wenn wir uns sehen, ist es mir ein innerliches Nachhausekommen – weißt Du es denn nicht? Du bist mein Seelenverwandter, mein Gegenüber, mein Spiegelbild! Selbst dann noch, wenn Du gar keinen Wert darauf legst.
Sorry, aber die Liebe ist kein Wunschkonzert! Und jetzt ist es passiert. Nun wird es so laufen, wie es Millionen Male lief auf den breit getretenen Pfaden Berliner Liebesirrwege.

Auf Überschwänglichkeit folgt Enttäuschung und am Ende hagelt es Vorwürfe: War es nur eine Schönwetterbeziehung? Ging es Dir nur um den Spaß? Warum bist Du nicht da, wenn ich Dich mal brauche? Oder auch: Wovon redest Du überhaupt? Ich rede von der Demo gegen Hass und Rassismus, die da vorletzten Sonntag eine wichtige Chance war, ein Zeichen zu setzen und menschen­verachtendes Gedankengut im tollsten Berlin der Welt etwas entgegenzu­halten: uns! Unseren Lebensstil, unsere Toleranz und das Spezialwissen, dass man sich nur in einer Top-Stadt wie Berlin aneignen kann: die Fähigkeit, Ähnliches an Unähnlichem wahrzu­nehmen, und – frei nach Thomas von Aquin – aus tiefstem Herzen zu lieben. Wie nötig ein starkes Statement gewesen wäre, konnte ich gleich am nächsten Tag den Kommentarspalten unter den Meldungen der Tagespresse entnehmen.

Da tummelten sich Hunderte, die die Demonstrierenden hasserfüllt und aufs Übelste als „Nazis“, „Asoziale“ oder „Volksverräter“ beschimpften und sich ganz entzückt davon zeigten, dass wir „nur ein paar Tausend“ waren.

Lieber viel beschäftigter Berliner! Das Leben in dieser Stadt ist bunt, frei und wunderbar. Aber es ist keine Selbst­verständlichkeit. Schade, dass es Dir nicht gelang, hierfür zwei Stunden zu investieren. Und jetzt entschuldige bitte, mein Rocksaum kneift doch stark.

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