Theater und Bühne in Berlin

„Hamlet“ in der Komischen Oper Berlin

https://www.tip-berlin.de/sites/all/modules/tinymce/tinymce/jscripts/tiny_mce/plugins/advimage/images/browse.giftip Sie machen „Hamlet“ zur Oper. Das klingt erstmal reichlich vermessen. Die großen Komponisten der Musikgeschichte haben um den Stoff jedenfalls lieber einen Bogen gemacht.
Christian Jost Das ist wohl wahr, und ich denke, dass wir eine musiktheatralische Entwicklung bis in das 21. Jahrhundert brauchten, um den Stoff für die Opernbühne aufarbeiten zu können. Davon abgesehen, ist es seit etwa 20 Jahren mein Traum, einen „Hamlet“ zu komponieren.

tip Was kann die Musik Shakespeares Drama überhaupt noch hinzufügen?
Jost Schon für Shakespeare ist die Handlung des „Hamlet“ eigentlich nur ein Vorwand, um seine philosophischen Ideen durchzudekli­nie­ren. Ich habe daraus die Konsequenz gezogen und meine Oper in zwölf unabhängige Tab­leaus aufgeteilt. Das gesam­te Geschehen spielt sich im Moment kurz vor Hamlets Tod ab – der Augenblick, in dem alle Szenen, alle Bilder in seinem Kopf wie im Zeitraffer, manch­mal auch in Zeitlupe, auftauchen.

tip Liegt die Chance der Oper heute darin, nicht mehr brav eine Handlung nacherzählen zu müssen?
Jost Das hätte mich sowieso nicht interessiert. Das Musiktheater kann die Erkenntnisse umsetzen, die wir heute über das Zustandekommen von Entscheidungen haben. Hamlets Weg der Erkenntnis ist keiner des bewussten Willens, sondern einer von neurologischen und biochemischen Prozessen. Die DNA spielt dabei eine Rolle, der ganze Biomix, der sich der Kontrolle unseres Hirns entzieht. Und dafür sind Chor und Orchester ein fantastisches akustisches Sinnbild.

tip Weil diese Prozesse auf mehreren Ebenen zugleich ablaufen können?
Jost Genau. Deshalb habe ich das Orchester auch in zwei Orchester aufgeteilt, zwischen denen im Graben noch zwölf Sänger als „innere Stimmen“ platziert werden. Ich glaube einfach, dass diese Art, die Dinge nicht mehr psychologisch zu erklären, der Oper einen ganz neuen Bedeutungsraum verschaffen könnte. Bei den Recherchen zu meiner Choroper „Angst“, die man als Vorstufe zum „Hamlet“ sehen kann, bin ich beispielsweise auf Berichte von Gefolterten gestoßen, die noch Jahre später, durch einen gänzlich nebensächlichen Auslöser, plötzlich und unmittelbar ihren Folterschmerz real spürten. Wenn man so etwas erklären will, stößt man mit psychologischen Modellen an eine Grenze. Ich will solchen Prozessen musikdramatisch nachspüren.

tip Wie beantworten Sie denn Hamlets Frage vom „Sein oder Nicht-Sein“?
Jost In meiner Oper liegt dieser Mo­nolog Hamlets wie eine Matrix über dem letzten Tableau, und am Ende lösen sich alle Figuren praktisch auf, werden in einem ätherischen Raum belassen, der genau genommen einen ständigen Kreislauf verdeutlicht, weil das Leben in Wirklichkeit eine kontinuierliche Abfolge von Prozessen ist.

HAMLET_AN_DER_KOMISCHEN_OPERtip Wozu braucht es dann überhaupt noch Solisten? Bei „Angst“ ist das Individuum doch auch in viele Chorstimmen aufgespalten?
Jost Ich liebe die menschliche Stimme, und ich liebe Darsteller, die solche Prozesse gesanglich verkörpern können. Diese Momente des Ab­drif­tens und der Verzauberung – das kann nur die menschliche Stimme. Wenn Sie in einer Oper ein paar außergewöhnlich schön gesungene Töne hören, ist das doch, als würde etwas Göttliches sich mitten ins Herz bohren. Dann vergessen Sie alles Drumherum. Die Inszenierung, die Komposition, die Zeit, alles – und man muss nicht einmal mehr den Text verstehen.


Interview: Jörg Königsdorf
Fotos: Hanns Joosten, Monika Rittershaus

Termine und Credits: Hamlet
in der Komischen Oper, Premiere: So 21.6. (P) 19 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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