Theater und Bühne in Berlin

Hans-Werner Kroesinger über sein Stück „FRONTex SECURITY“

Europa hat sich an einen permanenten Skandal vor seinen Küsten gewöhnt: der Tod von Menschen, die mit militärischen Mitteln an der Migration nach Europa gehindert werden. Der Dokumentartheater-Regisseur Hans-Werner Kroesinger untersucht in seinem neuen Stück "FRONTex SECURITY" im HAU, wie die EU ihre Außengrenzen gegen Flüchtlingsströme aus Afrika abschottet

HAU_frontex_security_assoziatives_c_ValerieVonStillfriedHerr Kroesinger, im Oktober sind mehrere Hundert Afrikaner beim Versuch, nach Europa zu gelangen, vor Lampedusa ertrunken. War das für Sie ein Auslöser für Ihr neues Stück „FRONTex SECURITY“?
HANS-WERNER KROESINGER?Seit den 90er-Jahren ertrinken afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer, seit den 2000er-Jahren sterben dort immer mehr Menschen. Es gibt Schätzungen, dass dort in den letzten 10 Jahren zwischen 12?000 und 25?000 Flüchtlinge umgekommen sind. Unsere Recherchen haben lange vor Lampedusa angefangen. Das Mittelmeer ist ein großer Friedhof. Kein Mensch weiß, wie viele schon in Afrika auf dem Weg zum Meer in der Wüste verdursten oder verhungern. Wenn vor Europas Küsten viele Menschen auf einmal sterben, wenn es Fernsehbilder der Toten gibt, richtet sich kurz die Aufmerksamkeit darauf, bisher ohne irgendwelche politische Konsequenzen. Und danach geht das Sterben weiter. Das ist ein Dauerzustand, den Europa bewusst in Kauf nimmt.

Die Medien nannten den Tod der Afrikaner vor Lampedusa eine „Tragödie“. Ist es eine Tragödie?
Der Grund für dieses Unglück sind nicht die Götter oder einfach das Schicksal, insofern ist es keine Tragödie. Für das Massensterben an Europas Außengrenzen sind Menschen verantwortlich, es ist die Folge von Gesetzen, EU-Beschlüssen, Regierungshandeln. Wir haben Drohnen- und Satellitenfotos gesehen, auf denen man die einzelnen Leute in den Flüchtlingsbooten erkennen konnte. Die europäischen Sicherheitsbehörden schauen beim Ertrinken zu. Die Toten vor Lampedusa sind unter anderem die Folge davon, dass die 2004 von der EU gegründete Agentur Frontex, die die Grenzsicherung koordiniert, sehr effizient arbeitet.

Weshalb ist in Ihren Augen Frontex mitschuldig am Tod der Flüchtlinge?
Der kürzeste Weg von Afrika übers Mittelmeer nach Europa ist die Meerenge von Gibraltar. Diese sichere Migrationsroute wurde schon vom spanischen Vorläufer von Frontex dichtgemacht. Je dichter und lückenloser Frontex die sicheren Routen über das Mittelmeer überwacht, desto größer wird der Druck auf die Flüchtlinge, auf gefährlichere Routen auszuweichen. Die Blockade der ungefährlicheren Routen erhöht das Risiko und führt letztlich zu Toten.

Die EU kalkuliert bei ihrer Sicherung der Außengrenzen bewusst das Ertrinken von Migranten ein?
Ich glaube schon, dass das politisch gewollt und kein Versehen ist, schließlich gibt die EU für die Sicherung ihrer Außengrenzen Milliarden aus. Man nimmt den Tod der Migranten zumindest billigend in Kauf. Das hat, genau wie die katastrophalen Zustände in den Flüchtlingslagern in Italien oder Griechenland, abschreckende Wirkung. Diese Abschreckung ist von der EU gewollt, um weitere Flüchtlingsströme zu verhindern. Die Frage ist, ob ein Kontinent als große Gated Community lebensfähig ist und wie sich Gesellschaften verändern, die so mit Menschen umgehen.

Die europäischen Staaten können nur eine begrenzte Anzahl von Flüchtlingen in die eigenen Ökonomien und Gesellschaften integrieren. Ist das der entscheidende Grund für den mitleidlosen Umgang mit Flüchtlingen?
Glaube ich nicht. Europa könnte sehr viel mehr Flüchtlinge aufnehmen, als es jetzt der Fall ist. Man merkt ja auch an Vokabeln wie „Asylantenflut“ oder „Asylantenschwemme“, dass die Flüchtlinge als Bedrohung erlebt werden. Das hat mit Ressentiment und Rassismus zu tun. Eine EU-Behörde, die für Terrorismusbekämpfung zuständig ist, bekam neue Aufgaben und war dann auch für „illegale Migration“ zuständig, als wären die Flüchtlinge Terroristen. Seit dem Terroranschlag des 11. September 2001 ist unterm Paradigma der Sicherheit in der Politik vieles möglich, auch die massive Beschneidung von Bürgerrechten. Wenn sogar die Rechte von Bürgern des eigenen Landes und verbündeter Staaten eingeschränkt werden, kann man sich etwa vorstellen, wie viel die Bürgerrechte von Menschen aus anderen, armen Ländern wert sind. Wie kann ein Afrikaner, der im Mittelmeer in einem Boot sitzt und von Frontex-Einheiten angehalten wird, beweisen, dass er politisch verfolgt wird? Wer auf See von Frontex-Beamten aufgegriffen wird, ist nicht auf dem Territorium eines Staates. Also greifen nicht einmal die Rechte, die die EU Flüchtlingen garantiert.

Ist der Flüchtling der „Homo sacer“, von dem Giorgio Agamben spricht: der nackte, völlig schutz- und rechtlose Mensch?
Ja. Und auch das ist kein Schicksal, sondern politisch gewollt. Beamte, die die Flüchtlinge auf hoher See aufgreifen, sagen in Interviews, dass ihnen persönlich die Flüchtlinge leidtun. Aber ihre Aufgabe ist es nicht, ihnen zu helfen, sondern sicherzustellen, dass sie nicht in die EU einreisen.

Kroesinger_IMG_0130_c_JuergenFehrmannHans-Werner Kroesinger, 51, ist einer der wichtigsten Regisseure des politischen Dokumentar-Theaters. Seine stark faktenbasierten Arbeiten setzen sich mit politischer Gewalt und ihrer Ökonomie, Kriegen und Bürgerkriegen, Kolonialismus und europäischer Geschichte auseinander. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen „Blackwater“ (HAU),
„Kindertransporte“ (Theater an der Parkaue), „Suicide Bombers on Air,
Primetime“ (Sophiensaele) und „Beirut Report“ (HAU).

Weshalb interessiert Sie Frontex und die Abschottung Europas als Thema für Ihr Dokumentartheater?
Weil mich Konflikte interessieren. Der Name dieser Agentur ist schon sehr theatralisch: Frontex. Eine Front bedeutet, dass man sich gegen Feinde verteidigen und sie angreifen muss. Heißt das, dass aus Sicht der Europäischen Union Afrikaner, die in Europa Asyl suchen, unsere Feinde sind? Früher sagte man, Menschenrechte sind unteilbar, universell. Jenseits der offiziellen Rhetorik hat man sich davon offenbar verabschiedet. Im Grundgesetz heißt es: „Politisch Verfolgte genießen Asyl.“ Das wurde massiv eingeschränkt. Es wird unterstellt, dass die Migranten „Scheinasylanten“ sind. Armut hat politische Ursachen. Weshalb ist die Flucht vor lebensbedrohender Armut oder aus Bürgerkriegsländern aus Sicht der EU „illegal“? Man hat auf der einen Seite die Selbstbilder eines demokratischen, aufgeklärten, toleranten, sozialen Europas. Gleichzeitig entwickelt dieses Europa, politisch gewollt und gut organisiert, eine große Härte und Brutalität gegenüber Menschen, deren einziges Verbrechen darin besteht, dass sie leben wollen wie wir. Dieser Kontrast zwischen offiziellem Selbstbild und realem Handeln ist theatralisch ergiebig. Letztlich ist das Stück auch eine Selbstkritik.

Weshalb Selbstkritik?
Wir müssen uns nichts vormachen, natürlich handelt Frontex in unserem Namen. Die Gründung und Finanzierung von Frontex haben lauter demokratisch gewählte Regierungen beschlossen. Frontex ist unser Dienstleister, der Dienstleister der Europäer, die ihre Ruhe haben wollen. Gleichzeitig ist die restriktive Flüchtlingspolitik natürlich auch ein Geschäft. Die Sicherheitsindustrie profitiert davon, sie muss die Abwehr- und Überwachungstechniken immer weiter perfektionieren. Das ist eine boomende Branche, die enorme Summen verschlingt, bezahlt von unseren Steuern. Der zweite Profiteur ist die organisierte Kriminalität, die Schleuserbanden.

Wir sind entsetzt, wenn wir die Bilder aus Lampedusa sehen. Was denken Sie, wenn es in der EU eine Abstimmung über das Grenzregime gäbe, würde die Bevölkerung für eine Lockerung des Asylrechts und offenere Grenzen stimmen? Oder hätte die jetzige Politik der abgeschotteten Grenzen eine Mehrheit, auch wenn das weitere Tote bedeutet?
Ich fürchte, es gäbe eine breite Mehrheit für die restriktive Grenzsicherung. Wir wollen die Toten nicht gerne sehen, aber die große Mehrheit der Europäer ist nicht bereit, den eigenen Wohlstand mit Flüchtlingen zu teilen, glaube ich. Vielleicht stören uns nur die Bilder der Toten, nicht die Tatsache selbst, dass auch durch unsere Schuld im Mittelmeer ständig Menschen ertrinken. Die EU hat dem Gaddafi-Regime schon vor über einem Jahrzehnt Millionen gezahlt und ihm Überwachungssysteme zur Verfügung gestellt, damit auf afrikanischem Boden verhindert wird, dass die Migranten überhaupt bis ans Mittelmeer kommen. Von libyschen Sicherheitsorganen mithilfe der EU-Gelder und der EU-Technik aufgegriffene Flüchtlinge kamen in Lager oder wurden einfach in der Wüste ausgesetzt. Ich bin sicher, dass EU-Delegationen mit der neuen libyschen Regierung genau darüber verhandeln, diese Programme wieder aufzunehmen.

Wie haben Sie für Ihr Stück recherchiert?
Wir haben Hunderte Seiten Interviews, Berichte der EU und von Frontex selbst gelesen. Die Sprache dieser Dokumente ist sehr ab­strakt. In dieser Abstraktion verschwinden die Menschen. Wir haben versucht, das wieder in die Wirklichkeit zu übersetzen. Wir erzählen die Struktur, wir untersuchen die Handlungslogiken der EU-Staaten und ihrer Sicherheitsorgane. Wir erzählen die Fluchtgeschichte eines Somaliers, der es nach Europa geschafft hat, er war insgesamt drei Jahre unterwegs. Und wir erzählen anhand medizinischer Fachliteratur, was geschieht, wenn ein Mensch ertrinkt.

I nterview: Peter Laudenbach

Fotos: Valerie von Stillfried (oben), Jürgen Fehmann

FRONTex SECURITY HAU 1, Fr 13. + Sa 14.12., Mi 18.?–?Sa 21.12., 20 Uhr; So 15.12., 17 Uhr, ­Karten-Tel. 25 90 04 27

 

Über Frontex
Die 2004 von der EU gegründete Organisation Frontex koordiniert die Absicherung der EU-Außengrenzen mit polizeilich-militärischen Mitteln. Hauptziel ist die Verhinderung ungesteuerter Migration. Im Oktober 2013 gab Frontex-Direktor Ilkka Laitinen zu, dass Frontex jährlich mehrmals Flüchtlingsboote im Mittelmeer abgedrängt und Flüchtlinge auch unter Androhung von Gewalt ohne Asylprüfungsverfahren abgeschoben hat. Von der umstrittenen Frontex-Praxis berichteten 2009 Flüchtlinge aus dem Senegal in einer ARD-Reportage: „Wir hatten nur noch drei Tage zu fahren, da hat uns ein Polizeischiff aufgehalten. Sie wollten uns kein Wasser geben. Sie haben gedroht, unser Boot zu zerstören, wenn wir nicht sofort umkehren. Wir waren fast verdurstet und hatten auch Leichen an Bord. Trotzdem mussten wir zurück nach Senegal.“ Amnesty International, Pro Asyl und der Evangelische Entwicklungsdienst bestätigen übereinstimmend solche Berichte.