Theater und Bühne in Berlin

Hans-Werner Kroesingr insziniert „Ruanda Revisited“ im Hau

Hans-Werner Kroesinger ist einer der wichtigsten deutschen Dokumentartheater-Regisseure. Jetzt inszeniert er im HAU „Ruanda Revisited“, ein Stück über den größten Völkermord nach 1945

ruanda_kroesingertip Sie haben in den letzten Jahren Theaterstücke über den Völkermord an den Armeniern, über den Bürgerkrieg im Libanon und über Selbstmordattentäter inszeniert. Jetzt arbeiten Sie an einem Stück über den Völkermord an den Tutsi in Ruanda. Andere zeitgenössische Regisseure beschäftigen sich lieber mit Beziehungsproblemen und der eigenen Befindlichkeit. Weshalb arbeiten Sie sich als Regisseur so intensiv an Kriegen ab? Was hat Völkermord mit Theater zu tun?

Hans-Werner Kroesinger Theater ist eigentlich ein Instrument zur Untersuchung von Konflikten. Kriege sind die größtmöglichen Konflikte, Konflikte in denen alle Normen außer Kraft gesetzt werden. Man ist auf die Frage zurückgeworfen, wie sich Menschen in einer extremen Situation verhalten. Theater kann das wie in einer Simulation verhandeln. Man kann einen Blick darauf werfen, was Menschen anderen Menschen antun. Wenn man das im Theater sieht, ist das ein anderer Vorgang, als wenn man es liest. Man ist beim Zusehen moralisch nicht unbedingt auf der sicheren Seite. Man weiß nicht, wie man sich selbst unter extremem Druck verhalten würde. Man ahnt, wozu Menschen in der Lage sind.

tip Ihr neues Stück heißt „Ruanda Revisited“. Was passierte 1994 in Ruanda?

Kroesinger In Ruanda leben Tutsi und Hutu. 1994 werden in 100 Tagen von Hutu-Milizen etwa 800.000 Tutsi und moderate Hutu umgebracht, in einem Land, das kleiner als Brandenburg ist. Vor den Pogromen lebten dort etwa acht Millionen Menschen. Es ist ein Völkermord mit Macheten, sehr schnell, brutal und effizient. Es gibt überall Straßensperren. Die Leute haben einen Pass, in dem steht, ob sie Hutu oder Tutsi sind. Tutsi werden an den Straßensperren einfach abgeschlachtet. Das Pass-System haben die Belgier als Kolonialmacht in Ruanda eingeführt. Vorher war die Unterscheidung zwischen Tutsis und Hutus durchlässig, die Kolonialmächte machten aus sozialen Gruppen unterschiedliche Ethnien und weisen ihnen damit eine feste Identität zu. An der Straßensperre 1994 ist diese Identität als Tutsi tödlich.

Ruandatip An der Oberfläche wirkt der Völkermord mit Macheten archaisch. Aber das Pass-System der Kolonialmacht, ein Element europäischer Zivilisation, macht das systematische Abschlachten der Tutsi erst möglich?

Kroesinger Das ist so. Zur Herrschaftsstrategie der Belgier als Kolonialmacht gehörte es, Tutsi zu protegieren und die lokalen Eliten aus der Tutsi-Minderheit zu rekrutieren, eine Elite, die alle Posten im Staatsapparat besetzte und völlig abhängig von der Kolonialmacht war. Das rächt sich Jahrzehnte später. Man kann diesen Völkermord nicht begreifen ohne die Kolonialgeschichte. Ich kann diesen Völkermord nur aus einer europäischen Perspektive sehen, schließlich bin ich kein Afrikaner. Die erste Kolonialmacht in Ruanda, noch vor den Belgiern, waren übrigens die Deutschen.

tip Wie verhielt sich 1994 der Westen, die USA, die UN, die alten Kolonialmächte Europas angesichts des größten Völkermordes nach 1945?

Kroesinger Alle wissen, was passiert. Sie wissen Monate vorher, dass Hutu-Milizen ausgebildet werden, um einen Völkermord an den Tutsi zu begehen. Die Hutu-Milizen trainieren den effizienten Mord mit der Machete. Zuerst schneidet man den Opfern die Achilles-Sehne durch, damit sie nicht wegrennen können. Erst wenn man alle Opfer daran gehindert hat, zu fliehen, tötet man sie einzeln mit der Machete. Das dauert längere Zeit, es ist anstrengende körperliche Arbeit. Würde man den ersten einfach töten, könnten die anderen in dieser Zeit weglaufen. Das wird systematisch trainiert. Ein Radiosender, finanziert von Entwicklungshilfegeldern, propagiert jahrelang, dass Tutsi keine Menschen sind, sondern Kakerlaken, und dass man diese „Kakerlaken“ vernichten muss. In einem Land mit 70 Prozent Analphabeten ist das Radio eine Autorität, der geglaubt wird. Und dieser Radiosender, einer von zwei Sendern im Land, hat eine klare Botschaft: Völkermord.

tip Der Westen weiß das und schaut zu?

Kroesinger Ja, sie machen nichts. Kurz vorher war Somalia, „Black Hawk Down“: Afrikaner lynchen US-Soldaten. Clinton will nicht, dass sich das wiederholt. Einer der US-Staatsekretäre sagt während des Völkermordes in einem offiziellen Statement, dass es für die US-Regierung keinen Grund gibt, in Ru­an­da zu intervenieren, es gibt dort ja nichts, keine Rohstoffe, keine strategischen Interessen. Es gibt nur Afrikaner, die umgebracht werden. 14 Tage nach Beginn der Massaker bekommt General Dallaire, der Leiter der UN-Blauhelm-Mission in Ruanda, einen Anruf aus der US-Regierung. Der US-Offizielle will wissen, wie viele Tutsi umgebracht wurden, wie viele Tote es gibt. Erst für 85.000 tote Afrikaner, also um das Leben von 85.000 Afrikanern zu retten, könne man das Leben eines GI riskieren.

tip Woher kommt diese Zahl? Hat das irgendein Spezialist im Pentagon ausgerechnet, eine Kosten-Nutzen-Kalkulation?

Kroesinger Vermutlich. Es ist absurd. Und es ist Realpolitik.

tip Wie kann man ein Theaterstück über einen Völkermord inszenieren?
Kroesinger Indem ich mich frage, was das mit mir zu tun hat. Wenn man jemanden in Berlin-Kreuzberg oder in Mitte fragt, was 1994 passiert ist, fällt jedem irgendwann ein, dass sich Kurt Cobain erschossen hat. An den Völkermord erinnert sich niemand. Das ist symptomatisch. Es geht um das Schweigen, das Nicht-Eingreifen des Wes­tens. Der kanadische General Romeo Dallaire, der Kommandant der UN-Blauhelm-Mission in Ruanda, sitzt dort mit seinen 2500 Soldaten und darf nicht eingreifen. Er hat kein Mandat dazu. Der Völkermord kommt erst nach vier Tagen richtig in Gang. Im Nachbarstaat Burundi sind 300 US-Soldaten stationiert, die nicht eingesetzt werden. In den ersten Tagen landen italienische, belgische und französische Fallschirmjäger, Sie eva­kuieren die Europäer und US-Bürger, damit evakuieren sie auch alle möglichen Zeugen. Das ist ein Signal an die Hutu-Milizen: Wir werden nicht eingreifen. Das belgische Blauhelmkontingent, das am besten ausgebildet und ausgerüstet ist, wird abgezogen. Wären diese Truppen zum Schutz der Ruander zum Einsatz gekommen, hätte Dallaire den Völkermord stoppen können.

Interview: Peter Laudenbach

Fotos: Jens Berger, Valerie von Stillfried

Ruanda Revisited
im HAU 3, Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg

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