Groteske

„Happy End“ von Michael Haneke im Kino

Themen eines Lebens: Mit der Familiengeschichte „Happy End“ zieht der österreichische Regisseur Michael Haneke eine exemplarische Bilanz seines filmischen Gesamtwerks

Foto: X Verleih

Auf einer Baustelle der Firma Laurent Travaux Publics AG hat es einen Unfall gegeben. Erdreich ist ins Rutschen gekommen, ein Dixiklo ist in die Tiefe gestürzt, ein Mann wurde verletzt. Die Szene kommt gleich zu Beginn in ­Michael ­Hanekes neuem Film „Happy End“. Wir sehen sie mit dem Blick einer Überwachungskamera, die auf die Baugrube gerichtet ist. Das Unglück ereignet sich am Rand des Bilds, das einfach weiterläuft, während zu hören ist, wie die Leute aufgeregt nach draußen laufen. Erst danach lernen wir die Menschen kennen, die hinter der Firma Laurent Travaux stehen: Die Laurents sind eine französische Familie mit großbürgerlichem Lebensstil.

Anne (Isabelle Huppert) führt die Geschäfte und ordnet offensichtlich auch ihre Gefühle ganz dem Firmeninteresse unter, denn der Mann, mit dem sie sich verlobt, ist auch ­finanziell mit ihr verbunden. Thomas (Matthieu Kassovitz) ist Arzt, verheiratet in zweiter Ehe, lebt mit der Schwester unter einem Dach in einem luxuriösen Palais, und muss sich gerade darauf einstellen, dass die zwölf Jahre alte Eve nun auch hier lebt – sie stammt aus der ersten Ehe, ihre Handyaufnahmen eröffnen den Film. Pierre (Franz Rogowski), der unstete Sohn von Anne, will mit der Firma nichts zu tun haben und sorgt zum Ende hin für einen Skandal.

Die wichtigste Figur aber ist der Patriarch Georges (Jean-Louis Trintignant), der sich selbst als „vertrottelt“ bezeichnet, und den wir schon aus „Amour“ kennen, in dem er seiner Frau zu einem Gnadentod (nach „drei Jahren sinnlosen, widerwärtigen Leidens“) verholfen hat. Michael Haneke knüpft mit „Happy End“ an ­seinen Welterfolg mit „Amour“ an, nicht im strengen Sinne direkt, aber auf eine Weise, wie er insgesamt hier eine Summe aus seinem filmischen Gesamtwerk zieht. Der Titel „Happy End“ lässt sich ohne Weiteres auch auf seine eigene Arbeit beziehen, denn im Grunde hat er sich nun hinreichend an der modernen europä­ischen Gesellschaft mit ihren vielen Widersprüchen abgearbeitet. Mit „Happy End“ signalisiert er nun auch: Das war’s, alles, was ich künftig noch machen werde, werden Epiloge sein. Haneke wurde dieses Jahr 75.

Drei Lebensthemen sind es vor allem, die er in „Happy End“ aufgreift und noch einmal mit fast schon systematischem Ehrgeiz zusammenführt: die Sinnkrise der besitzenden Klasse, der ganz und gar nicht überwundene Kolonialismus und die Übermacht der digitalen Medien. Von seinem ersten Film „Der siebente Kontinent“ an waren diese Motive in seinem Werk stark präsent, bei „Happy End“ muss man deswegen vor allem an „Benny’s ­Video“ (die Videos von damals sind das Snapchat von heute), an „Code Inconnu“ (die Migranten von damals sind die Migranten von heute, nur aus Nigeria statt aus Rumänien) und an „Caché“ denken, in dem das alles die Form eines Thrillers annahm.

In „Happy End“ ist der Grundton eher sarkastisch. Das mag daran liegen, dass Haneke sich ein leichtes Opfer ausgesucht hat: Die Familie Laurent ist bis ins Mark unsympathisch, jedenfalls in ihrer mittleren Generation. Isabelle Huppert spielt die zentrale Rolle mit großer Nonchalance, von ihr erfährt man im Grunde so gut wie nichts, aber das ist wohl auch beabsichtigt. Thomas Laurent wird dort konkret, wo er mit seiner Geliebten sehr explizite Sexchats hat, die Haneke uns auch in aller Ausführlichkeit mitlesen lässt. Dieser Vorliebe für „technische“ Bilder steht die zittrige Humanität von Georges und die zwiespältige Opferrolle der kleinen Eve gegenüber.

Wenn das jetzt ein bisschen schematisch klingt, dann trifft das durchaus etwas an „Happy End“, der kein Familienfilm im ­herkömmlichen Sinn sein soll (auch weil Michael Haneke den bürgerlichen Erzähltraditionen nichts abgewinnen kann), sondern ein Exempel im klassischen Sinn: Die Laurents wirken weniger wie eine gewachsene Familie, sondern wie ein Themen­arsenal, das sich abends zum Essen trifft. Da ein Jean-Louis Trintignant auch als Thesenpapier noch beeindruckend ist, stört das gar nicht groß, und mit der Darstellerin der kleinen Eve ­(Fantine Harduin) hat Haneke – der ein untergründiges Verständnis für Horrorkino hat – eine exzellente Wahl getroffen: Dieses Mädchen muss nicht nur den Egoismus des Vaters ausbaden, sondern wird auch vom Schicksal gebeutelt, und changiert dementspreched zwischen Resignation und Gemeinheit.

Wären die anderen Figuren ähnlich komplex geschrieben und gespielt worden, hätte aus „Happy End“ ein großer Ensemblefilm werden können. So aber hat man eher den Eindruck, dass Michael Haneke seinen besonderen Blick auf die Welt noch einmal mit einer Revue an Themen und Medien bestätigen wollte: ein „Happy End“ ohne Hintersinn, auch wenn der Titel genau das eigentlich signalisieren möchte.

Happy End F/D/A 2017, 108 Min., R: Michael Haneke, D: Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz, Fantine Harduin, Start: 12.10.

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare